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Wochenkommentar
03.04.2014

Die Europäische Zentralbank sollte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, meint Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank.

Die Jahresteuerung ist in der Eurozone im März auf 0,5% gefallen und hat damit einen neuen Tiefstand erreicht! Zuletzt lag die Inflationsrate im November 2009 mit dem Konjunktureinbruch im Zuge der Finanzmarktkrise auf einem so niedrigen Niveau. Seit Jahresbeginn 2013 hat sich die Teuerungsrate vom Inflationsziel der EZB bei knapp 2% entfernt. Von September bis Oktober 2013 rutschte die Inflation sogar von 1,1% auf 0,7% ab und veranlasste die EZB angesichts der Abwärtsrisiken für die Preisentwicklung, das Leitzinsniveau überraschend um 25 bp auf 0,25% zu senken. Im Folgenden wurde intensiv und kontrovers diskutiert, ob der Eurozone ein Deflationsszenario droht.

Jetzt setzte die Veröffentlichung der März-Preisdaten die Marktteilnehmer erneut in Alarmbereitschaft und die Deflationsdiskussion erhielt zusätzliche Nahrung. Spekulationen wurden wieder geschürt, dass die EZB doch tätig werden und weitere geldpolitische Lockerungsmaßnahmen ergreifen würde. Seit der November-Zinssitzung hatte die Notenbank mit Hinblick auf den intakten mittelfristigen Inflationsausblick – längerfristig sollten sich die Inflationsraten dem Preisziel der EZB annähern – und dem Erholungspfad der Konjunktur stillgehalten. Die Angst wächst jedoch, dass die Inflationsraten in der Eurozone stärker als bisher gedacht nach unten deuten und damit eine Abwärtsspirale in den Gang setzen könnten.

Panik und Aktionismus ist aber unseres Erachtens derzeit nicht angebracht. Ja, die Inflationsrate ist erneut gefallen und auch etwas stärker als erwartet worden war. Allerdings gehen wir auch davon aus, dass im März der Tiefpunkt erreicht wurde und in den kommenden Monaten die Teuerung moderat nach oben weist. Das bedeutet, der Rückgang der Inflationsrate ist allein auf temporäre Effekte, wie zum Beispiel im Vergleich zum Vorjahr spürbar gesunkene Energiepreise oder ein 2014 später stattfindendes Osterfest, zurückzuführen. Diese Effekte dürften im April verschwinden, womit die Preise auf Sicht der nächsten Monate wieder anziehen und sich knapp unterhalb der Marke von 1% bewegen könnten.

Wenn sich diese Sichtweise bestätigt, dann kann ex post von einem Ausrutscher nach unten bei der Inflationsrate gesprochen werden. Dies ist natürlich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar. Aber die EZB sollte ihrer eigenen Prognose, allmählich steigender Inflationsraten, etwas mehr Zeit geben, sich zu entfalten. Denn wenn die Notenbank trotz ihrer bisherigen Argumentation nun überraschend reagiert hätte, würde sie sich selbst unglaubwürdig machen. Die EZB hat immer wieder betont, dass es keine Deflationsrisiken für die Eurozone insgesamt gibt. Der Preisrückgang in den Problemländern ist nicht verwunderlich und durchaus positiv zu bewerten. Sie müssen ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, und das gelingt nur über Preisanpassungen. Auf ihrer Zinssitzung am 3. April hat die EZB schon einmal alles richtig gemacht. Und falls sich die Teuerungsrate bis zum Frühsommer tatsächlich nicht erhöht hat, kann die Notenbank darauf immer noch mit weiteren geldpolitischen Maßnahmen reagieren.

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank