SUCHE

13.03.2014

Die Erfahrungen der USA sind eine Warnung an China, die dringend notwendige Liberalisierung der Finanzmärkte mit Augenmaß durchzuführen, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Als dem ehemaligen US-Notenbankchef Alan Greenspan von einem Journalisten vorgeworfen wurde, die Märkte zu stark dereguliert und dadurch die Subprime-Krise verursacht zu haben, entgegnete er sinngemäß: Ja, wir können die Finanzmärkte auch so regulieren wie damals in der Sowjetunion, da gab es keine Blasen. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Finanzmarktpläne in China, wo u.a. die Liberalisierung der Einlagenzinssätze angekündigt wurde: Auf der einen Seite kann die Deregulierung von Finanzmärkten zu erheblichen Instabilitäten führen. Auf der anderen Seite erstickt man mit einer zu rigiden Steuerung der Finanzmärkte den Entfaltungsdrang der Marktakteure. Das Ergebnis konnte man ungeschminkt 1989/90 in der ehemaligen DDR besichtigen. Zwischen schwarz und weiß gibt es allerdings viele Schattierungen.

Die Liberalisierung der Einlagenzinssätze, die nach Angaben von Zentralbankchef Zhou Xiaochuan in den nächsten ein bis zwei Jahren realisiert werden könnte, ist ein richtiger Schritt. Zinssätze übernehmen in einer Marktwirtschaft eine entscheidende Signalfunktion. Sie lenken idealerweise das Kapital in ihre produktivste Verwendung. Bisher lagen beispielsweise die Zinsen für einjährige Anlagen bei 3%, wovon die Banken nur geringfügig abweichen durften. Die Freigabe der Kreditzinsen war schon im vergangenen Jahr erfolgt, wobei diese Aussage angesichts des dominierenden Einflusses des Staates im Bankensektor mit Vorsicht zu genießen ist. Die Regierung plant aber auch die Zulassung von Privatbanken. Grundsätzlich soll zudem der internationale Kapitalverkehr liberalisiert und der Yuan-Wechselkurs konvertierbar gemacht werden.

Durch die Liberalisierung der Finanzmärkte werden langfristig Wachstumskräfte freigesetzt. Banken, die ihre Kreditvergabe nicht mehr mit der öffentlichen Hand abstimmen müssen und Kapital ohne unnötige Restriktionen einsammeln können, werden in die Lage versetzt, Investitionsprojekte nach ihrer Rentabilität und nicht nach ihrer Staatskonformität zu beurteilen. Letztlich führt dies zu einem höheren Wachstumspotenzial und weniger Verschwendung von Ressourcen. Klar ist aber auch: Die Umstellung von einem durchregulierten Ordnungsprinzip hin zu einem durch Marktkräfte gesteuerten System birgt Risiken, die im Voraus oftmals nur schwer abzuschätzen sind. Die Saving and Loan Krise in den USA, die Ende der 80er Jahre offen zutage trat und unter anderem mit der Liberalisierung der Einlagenzinsen in Verbindung zu bringen ist, zeigt dies deutlich.

Folgende Schlussfolgerungen können daraus gezogen werden: Erstens, China tut gut daran, die  Deregulierung nicht zu überstürzen. Zweitens, mittel- bis langfristig wird ein Finanzmarkt, auf dem der Preis für das Kapital im Marktprozess gefunden wird, im Land der Mitte die Wirtschaft stärken, was auch der Weltwirtschaft insgesamt zugute kommen wird. Und schließlich: Wir sollten damit rechnen, dass in Zukunft Krisen im Stile der Erfahrungen kapitalistisch orientierter Volkswirtschaften auch in China auf uns zukommen werden. Sie sind der Preis, den wir für eine marktwirtschaftlichere Ordnung in China zahlen müssen.