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Wochenkommentar
15.01.2014

Die Geldpolitik des scheidenden US-Notenbankchefs birgt noch für lange Zeit ein hohes Risiko. In einigen Jahren könnte er gefeiert aber ebenso gut auch verdammt werden, meint Cyrus de la Rubia.

Wir schreiben das Jahr 2018. Die USA befinden sich in einer schweren Rezession. Unternehmensinsolvenzen streben auf einen neuen Rekord zu, nachdem der Markt für Unternehmensanleihen eingefroren ist und die Aktienmärkte um 60 Prozent eingebrochen sind. Auslöser für den Stimmungswandel an den Kapitalmärkten war der Zusammenbruch des Marktes für LBOs, der bis 2017 zusammen mit den meisten anderen Finanzmarktsegmenten vor dem Hintergrund eines jahrelangen kräftigen Wirtschaftswachstums geboomt hatte.

Die US-Notenbank hatte sich Ende 2016 entschlossen, die auf 7 Prozent gestiegene Inflation mit Zinsanhebungen und einer aktiven Reduktion der Zentralbankgeldmenge zu bekämpfen, um ihre Glaubwürdigkeit nicht vollends aufs Spiel zu setzen. Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass die Rezession mindestens drei Jahre dauern und sich zunächst noch weiter vertiefen wird. Die Schuld an der Misere wird dem ehemaligen Zentralbankchef Ben Bernanke gegeben, dessen Politik seiner Nachfolgerin Janet Yellen wenig Handlungsspielraum ließ. "Bernanke hat die Fed und die US-Wirtschaft zerstört" gehört noch zu den mildesten Überschriften, die anlässlich seines 65. Geburtstags in den Medien zu lesen sind. Was für eine Niederlage für den einstigen mächtigsten Notenbanker der Welt.

Wir schreiben das Jahr 2018. Ben Bernanke wird bei seinem 65. Geburtstag als Genie gefeiert. Immer wieder wird betont, dass er nicht nur die US-Wirtschaft in den Jahren 2008/09 vor dem Zusammenbruch gerettet hat, sondern dass er durch seine mutigen geldpolitischen Entscheidungen den amerikanischen Jobmotor wieder zum Laufen gebracht hat. Er hatte gemäß den Stimmen aus Politik und Wirtschaft das Kommunikationsgeschick und die Durchsetzungskraft, den Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik möglichst lange hinauszuschieben. Dadurch vermied Bernanke den Fehler der japanischen Notenbank, die durch eine frühzeitige Straffung der Zinsen die Wirtschaft in den 90er Jahren wieder in die Rezession getrieben hatte. Ihm und der durch seine Politik geprägten Nachfolgerin Janet Yellen ist es zu verdanken, dass die Aktienmärkte 30 Prozent höher notieren als Anfang 2014 und die Wirtschaft mit einer Rate von 3,5 Prozent expandiert. Bernanke ist der Held einer ganzen Nation.

So unterschiedlich könnte die Ära von Bernanke in fünf Jahren beurteilt werden. Deutlich wird dadurch folgendes: Der Fed-Präsident hat eine sehr riskante und geradezu experimentelle Geldpolitik betrieben, was zu einem digitalen Ergebnis führen kann: Katastrophe oder lang anhaltendes Wachstum. Für eine abschließende Bilanz ist es zu früh. Und so wird das Urteil in einigen Jahren ähnlich wie beim Fußball vom Ergebnis abhängen: Ein Turniergewinn bedeutet automatisch, dass der Coach erstklassige Arbeit geleistet und alles richtig gemacht hat. Das Publikum feiert ihn entsprechend als Held. Geht das Turnier verloren, ist der Trainer in den Augen der Öffentlichkeit der Hauptschuldige, den man dann auspfeift. Bernanke als Held wäre uns allen sehr recht, allein, mir fehlt der Glaube.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank