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04.09.2013

Der Yen wird fallen, wenn Premier Shinzo Abe die verkrusteten Strukturen der japanischen Wirtschaft nicht bekämpft, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

 

Der Satz des japanischen Premierministers Shinzo Abe spricht Bände: „Statt des bisherigen Ad hoc Ansatzes (…) werden wir jetzt eine Politik verfolgen, die in fundamentaler Weise das Problem mit dem kontaminierten Wasser löst.“ Über zwei Jahre nach der größten Atomkatastrophe in Japan fällt es der Regierung ein, dass es vielleicht doch nicht so eine gute Idee ist, der Betreibergesellschaft Tepco das Krisenmanagement zu überlassen. Was für verkrustete Strukturen müssen bestehen, wenn selbst bei einem derartigen Desaster die Regierung sich nicht traut, durchzugreifen? Vor diesem Hintergrund muss man fragen: Woher nehmen Marktbeobachter den Optimismus, dass es der japanischen Regierung gelingt, das Ruder in der gesamten japanischen Wirtschaft herumzureißen?

Denn genau dieser Optimismus ist dieser Tage zu lesen: „Abenomics wirkt“, so eine beliebte Schlagzeile. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man tatsächlich meinen, dass Japan durch den Regierungswechsel aus der langen Deflations- und Stagnationsphase herausfindet. Die Teuerungsrate ist mit 0,7 Prozent ggü. Vorjahr wieder im positiven Bereich, die Arbeitslosenrate gesunken und die Industrieproduktion konnte im Juni wieder zulegen.  Zum Jubeln gibt es allerdings keinen Anlass.

Denn die Inflation ist nur wegen der Energieimporte, für die Japan in Folge der Yen-Abwertung mehr zahlen muss, gestiegen. Rechnet man diese Komponente heraus, so kommt man auf eine Rate von -0,1 Prozent. Der Anstieg der Energiepreise ist Gift für die Konjunktur. Davon wissen alle, die die 1970er Jahre erlebt haben, ein Lied zu singen. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass sich die Leistungsbilanz in den vergangenen Quartalen deutlich verschlechtert hat. Hier wird deutlich, dass die strukturellen Probleme Japans - die Stichworte sind hier die demografische Entwicklung und die verfehlte Energiepolitik im Zusammenhang mit Fukushima - durch die Yen-Abwertung teilweise sogar verschärft werden.

Auch der Rückgang der Arbeitslosenrate ist bei genauerem Hinsehen wenig erbaulich, da die Beschäftigung seit Monaten stagniert und weit unter dem Niveau von 2008 liegt. Wie soll es da zu einem nachhaltigen Wachstum kommen? Und mit dem Anstieg der Industrieproduktion ist nicht einmal der Verlust vom Vormonat wettgemacht worden.

Shinzo Abe hat eine Chance: Er könnte die bessere Stimmung in der Wirtschaft nutzen, um ehrgeizige Reformpläne umzusetzen. Seine Partei hat die Mehrheit im Ober- und Unterhaus, eine seltene Konstellation. Wenn aber stattdessen die Regierung auf die Notenbank und eine Aufstockung des Anleiheankaufprogramms vertraut und nichts an den verkrusteten Strukturen ändert, steigt das Risiko einer unkontrollierten Yen-Abwertung. Das Land dürfte dann ins Chaos stürzen, ähnlich der Situation in Fukushima.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

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