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08.08.2013

Die USA sind auf dem Papier wohlhabender geworden. Dies zeigt, wie haarig das Konzept des BIP ist, meint Cyrus de la Rubia.

"Manipulation!" mag so mancher Leser rufen, der in den vergangenen Tagen erfahren hat, dass die USA durch eine neue Erfassungsmethode ihr Bruttoinlandsprodukt (BIP) mal eben um schlappe 550 Milliarden USD nach oben angepasst haben.

Immerhin sinkt dadurch die relative Staatsverschuldung um zwei Prozentpunkte und der Anteil der USA an der Weltproduktion steigt – zwei Faktoren, die dem Image Amerikas sicher nicht schaden. Und dennoch setzen die Vereinigten Staaten lediglich eine Richtlinie um, die die internationale Gemeinschaft vor fünf Jahren beschlossen hat. Diese besagt u.a., dass die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie für immaterielle Güter wie Filme und Musik nunmehr als Investitionen behandelt werden. Gemäß alter Definition waren dies Vorleistungen, die im BIP nicht auftauchten. Mit anderen Worten: Als die Musikgruppe Daft Punk ihren aktuellen Hit „Get lucky“ produzierte, hat sie nach der neuen Vorstellung einen entsprechenden Beitrag zum BIP geleistet, während bislang nur der Verkauf der CDs und Konzertkarten berücksichtigt wurde. Das macht Sinn. Und somit ist die Veränderung der Methodik, die bald auch in Europa umgesetzt wird, kaum als hinterlistiger Trick der USA zu brandmarken.

Jedoch wirft die Umstellung ein Schlaglicht auf das zweifelhafte Konzept des BIP. Stellen Sie sich vor, dass Sie den Dachboden Ihres Hauses selber ausbauen, während Ihr Nachbar damit eine Handwerkerfirma beauftragt. Letztere Leistung wird im BIP auftauchen, Ihre dagegen nicht. Oder nehmen Sie das klassische Beispiel des Chemieunternehmens, das einen See verschmutzt und anschließend für die Sanierung des Gewässers aufkommt. In diesem Fall wird die Sanierung das Wirtschaftswachstum anregen, obwohl es der Wohlfahrt dienlicher wäre, den See gar nicht erst in Mitleidenschaft zu ziehen. In eine ähnliche Richtung weist auch die Problematik des Ressourcenverbrauchs. Statt den Verbrauch von Erdöl und sauberer Luft als eine Reduktion des Wohlstands zu erfassen, geschieht das Gegenteil: Das BIP wird mit diesen Aktivitäten aufgebläht.

Insbesondere sollte man das BIP als Maßstab für den internationalen Wohlstandsvergleich mit größter Vorsicht verwenden bzw. lediglich als einen von vielen Indikatoren heranziehen. Auch das veröffentlichte Wirtschaftswachstum, das ja nichts anderes als die Veränderungsrate des BIP darstellt, ist kritisch zu hinterfragen. Was ist ein Wachstum von zehn Prozent wert, wenn man - wie in einigen Städten Chinas - nur noch mit Mundschutz und der Angst vor Atemwegserkrankungen das Haus verlassen kann?

Also, keine Manipulation, aber eines wird deutlich: Das BIP ist ein viel zu unvollkommener Maßstab, um in der Wirtschaftspolitik eine derart prominente Rolle zu spielen. Die Reduktion der Wirklichkeit auf eine Kennzahl ist zwar einfach, aber nur scheinbar transparent und läuft Gefahr, zu Fehlentscheidungen in der Politik beizutragen. Dass der Song „Get lucky“ nunmehr im BIP auftaucht, ändert daran wenig.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

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