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29.05.2013

Negative Zinsen stehen weiterhin auf der Agenda der EZB. Notenbankchef Draghi sollte die Finger von diesem Experiment lassen, meint Cyrus de la Rubia.

In diesen Tagen lässt der deutsche Ökonom Silvio Gesell grüßen. Gesell, von der traditionellen Ökonomenzunft meistens belächelt, hat als einer der ersten Wirtschaftswissenschaftler Ende des 19. Jahrhunderts negative Zinsen vorgeschlagen. Unter dem Eindruck der häufigen Wirtschaftskrisen in Argentinien forderte er nämlich eine Besteuerung des umlaufenden Geldes, damit dieses ausschließlich zu Transaktionszwecken, aber nicht zur Wertaufbewahrung genutzt werde. Auf diese Weise wollte Gesell Argentinien und andere Länder aus der Deflationsspirale befreien.

Offensichtlich erlebt dieser Gedanke derzeit bei der EZB eine Wiedergeburt. So diskutiert die Europäische Zentralbank weiterhin über den Sinn von negativen Einlagenzinsen, was auch als eine Gebühr auf Einlagen bei der EZB angesehen werden kann. Der dahinter stehende Gedanke ist einfach: Wenn die Banken für das Anlegen von Geld bei der Zentralbank zahlen müssen, werden sie stattdessen die Kreditvergabe erhöhen. Man muss jedoch annehmen, dass dies aus mehreren Gründen nicht funktionieren wird:

  1. Liquidität alleine reicht nicht aus, um Kredite vergeben zu können. Mindestens genauso wichtig ist die durch das Eigenkapital begrenzte Kreditvergabekapazität. Solange die Bilanzen nicht bereinigt sind, dürfte auch die Darlehensvergabe nicht in Schwung kommen.
  2. Bei negativen Zinsen haben Geldmarktfonds keine Existenzberechtigung mehr. Damit könnte aber eine wichtige Refinanzierungsquelle für das Working Capital von Handels- und Industrieunternehmen versiegen.
  3. Bisher haben nur wenige Zentralbanken zu dem Instrument negativer Leit- und oder Einlagenzinsen gegriffen. Dänemark (2012), die Schweiz (1970er Jahre) und Schweden (2009) gehören dazu. In Dänemark und der Schweiz war diese Politik ausschließlich währungspolitisch motiviert. Insgesamt sind die Erfahrungen mit diesem Instrument weder überzeugend noch in ihrer Breite ausreichend, um mit gutem Gewissen eingesetzt zu werden.
  4. Banken verlieren angesichts eines Einlagenzinses von 0% schon jetzt Geld, wenn sie Liquidität bei der EZB lagern. Trotzdem geht die Kreditvergabe in den meisten Euroländern zurück.
  5. Negative Zinsen lassen nicht die Kreditvergabe, sondern die Gefahr von Blasenbildungen an den Kapitalmärkten steigen. Denn die Banken dürften angesichts der Furcht vor einer fortgesetzten Rezession auf Negativzinsen vor allem mit der Jagd nach Rendite an den Kapitalmärkten reagieren, nicht aber mit dem Ausreichen von Darlehen.

All dies sind Gründe, die vermutlich eine Mehrheit von EZB-Mitgliedern, einschließlich dem französischen Notenbankpräsidenten Christian Noyer, davon abhalten wird, bei der nächsten EZB-Sitzung negative Einlagenzinsen zu beschließen. Gesells Idee ist zwar originell. Aber Draghi sollte sie sich nicht zu eigen machen, denn er kann mit diesem extremen Schritt nur wenig gewinnen, aber viel verlieren.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank