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10.05.2013

Trotz aller Missstimmungen profitiert Frankreich besonders vom deutschen Exportboom, meint Stefan Gäde, Analyst der HSH Nordbank.

In Paris klingeln die Alarmglocken. Eigentlich ist Präsident Hollande vor einem Jahr damit angetreten, die französische Industrie nachhaltig zu stärken. Danach sieht es jetzt aber nicht aus. Im Gegenteil: Im März  ist die Industrieproduktion viel stärker als erwartet zurückgegangen. Damit wächst die wirtschaftliche Kluft zwischen Frankreich und Deutschland weiter. Besonders deutlich wird dies beim Außenhandel. Während Deutschland immer wieder mit hohen Exportüberschüssen glänz, weist Frankreichs Handelsbilanz seit Jahren ein chronisches Defizit auf.


Deutschland ist als vermeintlicher Sieger der Euroschuldenkrise momentan nicht beliebt. Kein Wunder, denn das Spardiktat und die Besserwisserei der deutschen Politiker gehen vielen europäischen Kollegen auf die Nerven. Letztere liegen ohnehin schon blank, angesichts von Rezession, hoher Arbeitslosigkeit und Haushaltsproblemen. So auch beim französischen Industrieminister Montebourg. Der tat sich jüngst mit dem Vorschlag hervor, Deutschland solle sein Lohnniveau deutlich erhöhen. Das zeugt nicht gerade von wirtschaftlichem Sachverstand, denn trotz aller Missstimmung profitiert kaum ein Land so wie Frankreich von der Stärke seiner deutschen Nachbarn.

Gleiches gilt auch in umgekehrter Richtung. Untermauert wird dies durch eine Analyse von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) und der Welthandelsorganisation (WTO). Sie macht deutlich, dass Länder mit einer starken Exportwirtschaft normalerweise viele Zwischengüter importieren, die für die Produktion der Exportgüter benötigt werden. Im Hinblick auf die Wertschöpfung, so die Analyse, profitiert deshalb Frankreich als zweitwichtigster Handelspartner besonders vom deutschen Exportboom.
Will Frankreich mehr, muss es handeln.

Gelitten hat in den vergangenen Jahren in erster Linie die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Unternehmen. Nicht zuletzt ist dies auf die Entwicklung der Lohnstückkosten zurückzuführen. Die deutschen Arbeitnehmer haben mit ihrer langjährigen Lohnzurückhaltung einen großen Beitrag zum Exporterfolg geleistet. Nicht aber die Franzosen. Sie haben sich Lohnsteigerungen gegönnt, die nicht durch andere Maßnahmen ausgeglichen werden konnten. In den Jahren vor dem Euro war das noch ganz einfach: Der französische Franc wertete regelmäßig ab und rettete die Wettbewerbsfähigkeit.

Heute müssen andere Wege beschritten werden. Die französische Regierung kommt um Reformen nicht herum, wie die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes oder die Stärkung eines innovativen Mittelstands. Ein steigender Wohlstand würde auch Deutschland nützen, denn Frankreich ist sein zweiwichtigster Absatzmarkt (nach Wertschöpfung). Deshalb sollten die Deutschen als gute Freunde in den französische Schlachtruf einstimmen: „Allez Les Bleus“.

Stefan Gäde, Analyst der HSH Nordbank

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