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IfW Kiel Policy Brief 2015
11.02.2015

Das südlichste Euromitglied geht durch eine schwere Schuldenkrise. Ohne weiteren Schuldenschnitt können die Strukturdefizite des Landes nicht nachhaltig beseitigt werden.

Schiffe in einem Hafen bei stürmischem Wetter.

Starker Wind in Griechenland. Ein weiterer Schuldenschnitt wird erwartet, um die griechische Wirtschaft in einen sichereren Hafen zu steuern. (Foto: picture alliance / dpa)

Griechenland hat in der Schuldenkrise seine Wirtschaftsstruktur im Kern nicht verändert. Das bedeutet, dass nach einer Schrumpfung der Wirtschaftsleistung um bislang 24 Prozent das derzeit wieder einsetzende Wachstum nicht stark genug sein wird, um den Schuldendienst des Landes finanzieren zu können. Daher plädieren die Ökonomen Klaus Schrader, David Bencek und Claus-Friedrich Laaser vom Institut für Weltwirtschaft Kiel (IfW) für einen weiteren Schuldenschnitt von 22 bis zu 38 Prozent der bestehenden Verbindlichkeiten. Diese Maßnahme würde den Abschluss der bereits angeschobenen strukturellen Reformen in den diversen Wirtschaftssektoren sichern und Griechenlands Wirtschaft auf ein nachhaltig modernisiertes Fundament stellen. Die Rechnung bei einem weiteren Schnitt würden jedoch die europäischen Geberländer zahlen, die Gläubiger von 70  Prozent der griechischen Schulden sind.

Wenig Produktivität und Anreiz zu investieren

Griechenland hat, trotz diverser Restrukturierungsprogramme, bislang keine ausreichend modernisierte Wirtschaftsstruktur entwickelt, die langfristig als Wachstumsmotor taugen könnte, argumentiert das IfW-Expertenteam. Nach wie vor stünden beim Export „Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte im Vordergrund und damit arbeitsintensive Güter. Griechenland kann seine Technologielücke zum Rest der EU und den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens und Osteuropas nicht schließen“, heißt es in der kürzlich erschienenen Analyse.

Weder kam es im seit Jahrzehnten schwach entwickelten Fertigungssektor zu großen Produktivitätsgewinnen, etwa durch den Einsatz moderner Maschinen. Noch entwickelte sich die Servicebranche, allen voran der wichtige Tourismus, hin zu qualifizierteren und höher bezahlten Jobs. Investitionen, die „Griechenland beim Tourismus auf das Niveau anderer Mittelmeerstaaten“ heben würden, bleiben aus. Folglich fehlt auch ausländischen Investoren der Anreiz zu investieren.

Wachstum durch den Export von wettbewerbsstarken Gütern und Dienstleistungen könne das Land daher nicht aus der Krise ziehen, urteilt das IfW. Die Ausfuhrstärke sollte etwa mit der Irlands, der Slowakei oder Ungarns vergleichbar sein, wo Exportintensitäten (Exporte als Anteil am BIP) nahe 100 Prozent erreicht werden. Griechenland sei mit nur 30 Prozent im Vergleich weit abgeschlagen, schreiben die Autoren.

Reformen durch Schuldenschnitt sichern

Um die bisher zaghaften Reformansätze zur Modernisierung der griechischen Wirtschaft jedoch weiterzutreiben und zu Ende führen zu können, halten die Wissenschaftler vom IfW einen zweiten Schuldenschnitt für unumgänglich. Sie rechnen vor, dass Griechenland bei einem Haushaltsüberschuss von knapp fünf Prozent seine Schulden erfolgreich zurückführen könnte. Dabei wird von einer nominalen Wachstumsrate von zwei Prozent pro Jahr ausgegangen. Um diesen Überschuss von fünf Prozent zu erreichen, müssten die Schulden jedoch um 22 bis 38 Prozent gekürzt werden, so das Argument. Ob die Senkung der Schuldenlast wie beim ersten Schuldenschnitt als direkter Verzicht der Gläubiger oder durch einen „weichen“ Schuldenschnitt – durch Streckung der Kreditlaufzeit und weiterer Senkung der Zinsen – erreicht wird, sei dabei nicht ausschlaggebend.