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03.12.2014

Thomas Piketty trifft mit einer zentralen gesellschaftspolitischen Frage den Nerv der Zeit: Driftet unser System immer mehr in Richtung Ungleichheit?

„Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty, erschienen am 07. Oktober 2014 im C.H. Beck Verlag. (Foto: www.chbeck.de)

Mit dieser Fragestellung landete der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty in den USA einen Bestseller. Das ist umso erstaunlicher, wenn man seine Herkunft bedenkt: Piketty stammt aus Frankreich, das nicht im Ruf einer besonders klugen Wirtschaftspolitik steht und von deren Wirtschaftswissenschaftlern man üblicherweise nicht viel hört. Seit Oktober ist das ursprünglich auf Französisch erschienene, dann auf Englisch übersetzte Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ nun auch in Deutsch erhältlich.

Entzauberung der Neoklassik

In der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft, auf der die marktwirtschaftliche Idee beruht, gibt es eine These, die dieser Lehre in entscheidender Weise zum Durchbruch verholfen hat. Sie lautet, dass Wachstum, Wettbewerb und technologischer Fortschritt nach einer anfänglichen Verschlechterung letztlich zu weniger Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen führt. Ja, man kann im Kapitalismus sehr reich werden, aber schließlich profitieren auch die ärmeren Bevölkerungsschichten davon. Anders ausgedrückt: Wachstum ist wie die Flut, die alle Boote zum Schwimmen bringt. Diese überaus beruhigende These wurde maßgeblich durch die empirischen Arbeiten von Simon Kuznets geprägt. Piketty stellt sie in Frage und hat dafür beunruhigend gute Argumente zur Hand.

Am stärksten sind dabei Pikettys empirische Analysen, die im Unterschied zu Kuznets Studien nicht nur ein paar Jahrzehnte, sondern über zwei Jahrhunderte abdecken. Basierend auf einer ausgezeichneten Datenlage in Frankreich und Großbritannien, weist Piketty nach, dass die von Kuznet gezeigte Verbesserung der Einkommensverteilung in den Jahren 1913 bis 1948, nichts an dem langfristigen, in den 1970-er Jahren wieder aufgenommenen Trend einer zunehmenden Ungleichheit ändert. Vielmehr ist Kuznets Ergebnis einer zunehmenden Gleichverteilung das Resultat der Vermögenszerstörung während der beiden Weltkriege – so Pikettys nachvollziehbare Argumentation. Die Ergebnisse der Studie hätten gut in die durch den beginnenden kalten Krieg geprägte politische Lage gepasst, denn sie waren ein Argument, um viele Entwicklungsländer auf der Seite der so genannten freien Welt zu behalten.

Der Aufstieg der Supermanager

Piketty entdeckt in seinen empirischen Analysen einige interessante Regelmäßigkeiten: Im Durchschnitt der von ihm untersuchten Länder verdienen die obersten zehn Prozent der Bevölkerung etwa 25 bis 30 Prozent der Löhne und Einkommen, während die Vermögensverteilung wesentlich ungleicher ist: Hier entfallen auf die obersten zehn Prozent stets mehr als 50 Prozent der Vermögenswerte. Die untersten 50 Prozent der Bevölkerung besitzen in der Regel schlichtweg kein Vermögen. In den USA entfällt 72 Prozent des Vermögens auf die obersten 10 Prozent, während die untersten 50 Prozent lediglich zwei Prozent des Vermögens ihr Eigen nennen. Der Wirtschaftswissenschaftler stellt auch fest, dass historisch gesehen in den Fällen, wo das Vermögen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt das Achtfache oder mehr ausmacht (wie in Japan Ende der 80-er Jahre und in Spanien im Jahr 2008), der Verdacht einer gefährlichen Blase konkret wird. Spannend ist auch die Beobachtung, dass die Einkommen der obersten ein Prozent in den USA (mit einem Einkommen über 352.000 US-Dollar in 2010) im den Jahren 2000 bis 2010 um jährlich etwa 20 Prozent gewachsen sind und diese Zuwachsrate umso geringer wird, je niedriger die Einkommenskategorie ist. Piketty bezweifelt die ökonomische Rechtfertigung dieser Entwicklung und behandelt diese Thematik im Buchkapitel „Der Aufstieg der Supermanager“.

Besitzen die Ölscheichs bald die ganze Welt?

Auch die theoretischen Argumente Pikettys sind bedenkenswert: So stimmt der Autor zwar grundsätzlich der neoklassischen These zu, dass der Anstieg des Preises für ein Gut zu einem höheren Angebot und einer geringeren Nachfrage führt, so dass der entsprechende Markt dann irgendwann geräumt sein sollte. Aber, und dabei handelt es sich um ein großes „Aber“, je länger dieser Anpassungsprozess dauert, desto stärker können die Anbieter von den Preiszuwächsen profitieren und Marktmacht akkumulieren. Wenn beispielsweise Öl immer knapper und somit teurer würde und die Suche nach entsprechenden Substituten mehrere Jahrzehnte dauerte, könnten die Ölproduzenten in dieser Zeit ihre sprudelnden Einnahmen verwenden, um im Ausland Unternehmen und Immobilien zu erwerben. Es sei allerdings noch zu früh, die Leser davor zu warnen, dass sie in 2050 ihre Wohnungsmiete möglicherweise an den Emir von Katar überweisen müssten – wie beruhigend.

(Fast) vollkommene Ungleichverteilung ist möglich

Überhaupt spielt die Länge von Anpassungszeiträumen eine entscheidende Rolle in Pikettys Buch. Eine der angeblichen Wahrheiten der neoklassischen Lehre, die das Weltbild vieler Wirtschaftspolitiker weiterhin prägen, besagt beispielsweise, dass eine übermäßige Kumulierung von Kapital automatisch zu einer Gegenreaktion führt. Denn wenn der Kapitalstock immer weiter steigt, dann sinkt die Kapitalrendite und damit auch der Anreiz, weiteres Geld beiseite zu legen. In der Konsequenz wird weniger investiert und der Kapitalstock schrumpft. Die Aussage ist logisch, aber der Prozess kann sehr lange dauern, wie zum Beispiel während der Belle Époque, meint Piketty: So nahm die Vermögens- und Einkommenskonzentration über das gesamte 19. Jahrhundert zu. Der Gini-Koeffizient, ein Maß für die Messung der Ungleichheit der Einkommensverteilung, erreichte mit unglaublichen 0,85 Punkten nahezu vollkommene Ungleichheit. Ein Wert von eins bedeutet, dass eine Person das gesamte Einkommen auf sich vereinigt während ein Wert von Null signalisiert vollkommene Gleichverteilung. Die natürliche Grenze für die Vermögensakkumulation sei daher nicht so sehr an ökonomischen Faktoren festzumachen, sondern sei vielmehr eine gesellschaftliche Reaktion: Regierungen könnten von der Bevölkerung gezwungen werden, dem Trend der Vermögensansammlung entgegenzusteuern.

Ein Buch, das zum Nachdenken anregt

„Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty regt zum Nachdenken an. Man merkt, dass sich der Autor sehr ernsthaft Gedanken gemacht hat und keineswegs auf Effekthascherei aus ist. Vielmehr wägt Piketty seine Argumente ab, nennt Gegenpositionen. Er ist an keiner Stelle polemisch, sondern vielmehr dem wissenschaftlichen Ethos verpflichtet. Dies wird auch daran deutlich, dass er der mittlerweile häufig anzutreffenden Gepflogenheit folgt, seine Datenbank der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Versuche einiger angelsächsischer Medien, die Korrektheit seiner Berechnungen in Zweifel zu ziehen, scheiterten bislang. Die Lesbarkeit des Buchs ist angesichts der nicht ganz leichten Thematik erstaunlich gut und jeder, der Interesse an der Problematik der Verteilung von Einkommen und Vermögen mitbringt, wir sich gerne in die Lektüre vertiefen.