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05.12.2014

Der Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), PD Dr. Christian Growitsch, spricht im Interview über die Pläne der Bundesregierung, C02 einzusparen, Fracking und die Auswirkungen auf den Mittelstand.

PD Dr. Christian Growitsch ist seit September 2014 Direktor und Sprecher der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts. Zuvor war er unter anderem Mitglied der Geschäftsleitung des Energiewirtschaftlichen Instituts in Köln. (Foto: HWWI)

Deutsche Unternehmer müssen sich im Bereich Energiewirtschaft derzeit im Wochentakt mit neuen Ideen der Bundesregierung auseinandersetzen: So hieß es Ende Oktober in einem Papier des Wirtschaftsministeriums, die Regierung plane die Einführung von 500 Energieeffizienznetzwerken, die von der Wirtschaft organisiert würden. Anfang November forderte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf dem Deutschen Arbeitgebertag in Berlin eine systematischere Energiepolitik. Mitte November lockerte die Bundesregierung dann das Frackingverbot: Sie will nun kein Totalverbot mehr, belegt die Gasfördertechnik aber mit strengen Auflagen. Ende November schließlich berichtete der Spiegel, Gabriel wolle die Stromkonzerne zu einer Reduzierung ihrer CO2-Emissionen zwingen.

Herr Dr. Growitsch, neben einigen anderen Vorschlägen hat das Wirtschaftsministerium zuletzt auch Pläne für mehr Energieeffizienz vorgelegt. Enthalten diese Papiere die richtigen Maßnahmen?
Christian Growitsch: Völlig eindeutig scheinen mir die Pläne gegenwärtig noch nicht zu sein. Wichtig wäre, möglichst effizient Energie und CO2 einzusparen. Was das betrifft, bin ich eher skeptisch.

In den Medien ist immerhin von 22 Millionen Tonnen zusätzlichen CO2-Einsparungen bis 2020 die Rede, die vor allem die hiesige Kohlewirtschaft belasten ...
Christian Growitsch: Erstmal stellt sich hier die Frage: Zusätzlich wozu? Das scheint die Politik gegenwärtig noch nicht genau zu wissen. Grundsätzlich gilt: Klimapolitische Maßnahmen müssen europäisch gedacht werden. Und das ist das große Dilemma, denn die geplanten Einsparungen werden mit dem Vorstoß nicht erreicht werden – wegen des Handels mit CO2-Emissionen und des europäischen Binnenmarkts für Energie. Bei gegebener Obergrenze für CO2-Emissionen wird grundsätzlich alles Kohlendioxid, das wir zusätzlich zum bisherigen Zielpfad einsparen, in anderen Sektoren oder Ländern emittiert. Tatsächlich zeigen unsere Berechnungen in einem aktuellen Projekt: Werden tatsächlich Kohlekraftwerke in größerem Umfang stillgelegt, wird die Hälfte der in Deutschland eingesparten Mengen dann unmittelbar von ausländischen Kraftwerken emittiert – weil die dann mehr Strom produzieren werden, um ihn nach Deutschland zu exportieren. Wir würden also deutsche Kohlekraftwerke stilllegen, um ausländischen Kohlestrom zu kaufen.

Deutschland stünde also besser da, europaweit oder international wäre aber wenig gewonnen?
Christian Growitsch: Deutschland stünde hinsichtlich seiner nationalen CO2-Bilanz besser da. Klimatisch hat eine solche nationale Partikularpolitik keinen Effekt. Volkswirtschaftlich führt sie außerdem zu höheren Kosten.

Angenommen, die Pläne kämen so durchs Kabinett. Was käme auf den deutschen Mittelstand zu?
Christian Growitsch: Steigende Strompreise würden sinkende Wertschöpfung und sinkende Beschäftigung nach sich ziehen.

Steigt der Strompreis denn wirklich?
Christian Growitsch: Wenn volkswirtschaftliches Vermögen durch einen ordnungsrechtlichen Eingriff entwertet und eine momentan günstigere Stromerzeugungstechnologie durch teurere Alternativen oder teurere Importe ersetzt wird – dann steigt der Strompreis.

Das heißt dann, Ökostrom würde teurer?
Christian Growitsch: Ja, aber auch beispielsweise Erdgas – zumindest bei den gegenwärtigen Brennstoffpreisrelationen.

Geht es nach dem Wirtschaftsministerium, wird Fracking im Bundesgebiet bald erlaubt. Wo sehen Sie die Vorteile?
Christian Growitsch: Fracking kann dazu führen, dass der Gaspreis in Deutschland zumindest stabilisiert wird. Durch Fracking in Deutschland verändern sich die Wettbewerbsstrukturen. Momentan ist die Marktmacht Russlands recht groß.

Kann sich daran tatsächlich etwas ändern? Medienberichten zufolge sind die deutschen Vorkommen, bei denen Fracking infrage käme, eher gering.
Christian Growitsch: Das stimmt so nicht. Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe gehen von Erdgasvorkommen aus, die etwa das Dreizehnfache des momentanen deutschen Jahresverbrauchs betragen.

Wird Deutschland dann zum Gasexporteur?
Christian Growitsch: Nein, aber die zunehmende deutsche Importabhängigkeit würde gebremst. 90 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases werden importiert und nur zehn Prozent selbst produziert. Die bisherigen Reserven gehen aber zur Neige. Durch Fracking könnte der aktuelle Zustand etwa 130 Jahre lang aufrechterhalten werden – bei gleichbleibendem Verbrauch.

Dennoch ist die Technik umstritten – die Folgen eines Einsatzes gelten als kaum abschätzbar.
Christian Growitsch: Die Technologie ist in Deutschland noch recht neu, die Befürchtungen der Bevölkerung sollten ernst genommen werden. Deshalb finde ich den Anspruch, der momentan debattiert wird, richtig: Es soll eine wissenschaftlich begleitete und im Ergebnis offene Exploration der Vorkommen stattfinden. Dann kann auch das Gefahrenpotenzial besser eingeschätzt werden.

Potenziale im Bereich Energie richtig einzuschätzen fällt nicht immer leicht: So hat sich der Preis der Stromzertifikate beispielsweise ganz anders entwickelt als gedacht. Immer wieder ist davon die Rede, der Markt für CO2-Zeritfikate sei tot ...
Christian Growitsch: CO2-Zertifikate sind preiswert, aber das ist ein normales Marktergebnis. Solange die Emissionsobergrenze keine bindende Restriktion ist, ist ein niedriger Preis ein Indiz für eine niedrige Nachfrage nach den Zertifikaten – mehr nicht. Ich denke, dass die Wirtschaftskrise vor allem in den südeuropäischen Ländern zu geringer Stromnachfrage und damit eben auch zu einer geringen Nachfrage nach CO2-Zertifikaten geführt hat.

Wie stark beeinflusst der Ausbau der erneuerbaren Energien den Markt?
Christian Growitsch: Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat mit einer Geschwindigkeit stattgefunden, die bei der Festlegung der CO2-Obergrenzen nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Wenn da keine Abstimmung zwischen nationaler Förderpolitik und europäischen Instrumenten stattfindet, läuft die Förderpolitik nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz dem Emissionshandel entgegen – ein Instrumentenkonflikt also. Allerdings ist gegenwärtig nicht ganz klar, ob die Förderung der erneuerbaren Energien dazu geführt hat, dass der Preis für CO2-Zertifikate gesunken ist. Falls ja, wäre das aber eine Fehlsteuerung durch die gleichwertige Wirkung zweier unterschiedlicher Instrumente. Denn eines sollte uns auch klar sein: Die Erneuerbaren sind gegenwärtig noch kein kostengünstiges Instrument, um CO2 zu vermeiden.