SUCHE

Schwerpunkt Mobilität
05.11.2014

Der Fortschritt in Technik und Gesellschaft beschleunigt das Berufs- und Privatleben in Deutschland. Welche Folgen das für die Volkswirtschaft hat, erklärt der HWWI-Direktor, Prof. Dr. Henning Vöpel.

Pendlerrepublik Deutschland: Täglich reisen rund 17 Millionen Beschäftigte zur Arbeit in eine andere Stadt – wie hier am Hauptbahnhof in Darmstadt. (Foto: picture alliance / dpa)

17 Millionen Berufspendler gibt es in Deutschland. Das entspricht 60 Prozent aller  sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die ihre Heimatgemeinde verlassen müssen, um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen. Für einen Teil der Berufstätigen ist der Weg in die Firma nicht wirklich weit. Rund 8,5 Millionen Beschäftigte sind jedoch eine Stunde oder länger unterwegs.

Stetige Anpassung gefordert

Flexibilität und Mobilität sind Schlüsselfaktoren zum Erfolg im Job und Voraussetzung, um in der Arbeits- und Berufswelt des 21. Jahrhunderts bestehen zu können, erklärt Prof. Dr. Henning Vöpel Direktor und Mitglied der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Der rasche Strukturwandel in Deutschland verlange nach einer stetigen Anpassung.
Effiziente und schnelle Verkehrsmittel erleichtern das berufliche und private Reisen, also die physische Mobilität. Der technologische Fortschritt beschleunigt und verbilligt auch die globalen Warenströme – mit entsprechenden Auswirkungen auf die globale Arbeitsteilung.

Schneller unterwegs

Neben der räumlichen ist auch die soziale Mobilität zentral für Deutschlands Wirtschaft geworden: „Das Internet, Social Media und Big Data machen die Welt zum Global Village mit nahezu unbeschränkten Möglichkeiten zur interaktiven Kommunikation“, so Vöpel. Für Unternehmen hat das viele Vorteile: So sind laut HWWI die Transaktionskosten für räumliche, berufliche und soziale Mobilität enorm gesunken, während der wirtschaftliche mögliche Mehrwert, sowohl auf der individuellen Mikroebene als auch auf der volkswirtschaftlichen Makroebene, gestiegen ist.

Henning Vöpel ist seit September 2014 Direktor und Mitglied der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts. (Foto: HWWI)

Im Interview mit Unternehmer Positionen Nord erklärt der HWWI-Direktor Prof. Dr. Hennig Vöpel, welche Auswirkungen die Mobilität auf Arbeitnehmer und Unternehmen in Deutschland hat.

Herr Professor Vöpel, was war eigentlich zuerst da: der Berufspendler oder das Unternehmen mit dem attraktiven Arbeitsplatz in 150 Kilometer Entfernung?
Grundsätzlich sind Arbeitskräfte zunächst mal weniger standortgebunden und somit mobiler als Unternehmen. Allerdings stellen die hochqualifizierten Fachkräfte der Generation Y zunehmend Ansprüche an die Attraktivität des Wohn- und Arbeitsplatzes jenseits des Lohns. Daher wird es für Unternehmen immer wichtiger, nicht allein an wirtschaftlich attraktive Standorte zu gehen, sondern auch an Standorte, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Lebensqualität bieten.

Welche Vorteile und welche Nachteile ergeben sich für die deutsche Volkswirtschaft aufgrund der steigenden räumlichen Mobilität der Wirtschaftssubjekte?
Räumliche Mobilität bedeutet, dass sich strukturelle Veränderungen in einem höheren Tempo vollziehen. Regionale Disparitäten können dadurch zunehmen, weil strukturstarke Regionen prosperieren. Strukturschwache Regionen leiden dagegen unter einer beschleunigten Abwanderung von Unternehmen und Fachkräften. Vorteile ergeben sich aus der viel schnelleren Vernetzung von Wissen und Ideen sowie dem räumlichen Transfer von technischem Fortschritt und Innovation.

Fallen wichtige Verkehrsverbindungen aus – wie aktuell aufgrund von Streiks bei der Deutschen Bahn und der Lufthansa – wird dadurch die deutsche Wirtschaft nachhaltig geschwächt?
Nein, die derzeitigen Streiks stellen noch keine wirkliche Beeinträchtigung dar. Zu streiken, stellt ein geschütztes Grundrecht dar. Aber natürlich hat Deutschland immer von dem Einigungswillen der Tarifparteien profitiert. Das muss und sollte in Zukunft auch so bleiben.

Wird die Bedeutung der räumlichen Mobilität aufgrund der modernen Kommunikationsmöglichkeiten in Zukunft abnehmen?    
Mobilität wird weltweit weiter enorm zunehmen. In vielen Ländern der Erde gibt es noch riesigen Nachholbedarf, vor allem im Individualverkehr. In der Industrie dagegen können neue Technologien wie die 3-D-Drucker und das „Internet der Dinge“ große Veränderungen im Bereich Handel und Logistik bedeuten. Mobilität wird für Menschen aber immer eine große soziale und wirtschaftliche Bedeutung haben.

Mobilitätsbegriffe

•  Räumliche Mobilität im Sinne von Verkehr und Transport oder im Sinne von Migration. Darunter fällt auch die ökonomisch motivierte Mobilität – also die Wanderung geringer qualifizierter Arbeitskräfte aus weniger entwickelten in höher entwickelte Volkswirtschaften.
•  Soziale Mobilität meint die Reaktion auf Veränderungen in der Berufswelt und im Privatleben. Darunter fallen auch die Notwendigkeit lebenslangen Lernens, das Aufbrechen klassischer Rollen auf dem Arbeitsmarkt und in der Familie sowie neue Anforderungen an moderne Arbeitgeber.
•  Moderne Mobilität verbindet Mobilität in allen Ausprägungen mit sozialen Netzwerken und den dahinterstehenden Technologien. Durch sinkende Transportkosten und einen leichteren Zugang zu Informationen kann die Qualität von Arbeitskraft und die Effizienz des Wirtschaftens erhöht werden.

Ist räumliche Mobilität heute Voraussetzung für soziale Mobilität? Wenn ja, warum?
Räumliche Mobilität bedeutet eine Zunahme persönlicher Chancen und somit auch von Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen. Insoweit ist räumliche Mobilität in der Tat auch Bedingung für soziale Mobilität und sogar für Chancengerechtigkeit. Welche Dimension der Zusammenhang zwischen räumlicher und sozialer Mobilität annehmen kann, sehen wir bei der armutsbedingten Migration nach Europa.

Was verstehen Sie unter moderner Mobilität und welchen Mehrwert bringt sie unserer Volkswirtschaft?
Moderne Mobilität ist nachhaltig und auf den Zweck ausgerichtet. Das bedeutet, dass Mobilität angesichts des enormen Wachstums im Verkehr gerade in den Schwellenländern ressourcenschonend sein muss. Dafür müssen ökonomische Steuerungsinstrumente und Anreizmechanismen gefunden werden. Neue Mobilitätskonzepte im Bereich der eher urbanen Share Economy sind ein wichtiger Ansatz. Damit schaffen wir die Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Wirtschaftswachstum und nachhaltiger Ressourcennutzung.