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27.10.2014

Im Supermarkt soll es bequem und schnell gehen – beim Bummel in der Innenstadt ist Erlebnisshopping gefragt. Standorte und Geschäftsstrategien entscheiden zunehmend darüber, ob der Einzelhandel auch in Zukunft Geschäfte machen wird.

Das neue Shoppingcenter für die Hauptstadt: die „Mall of Berlin“ (Foto: picture alliance / dpa)

Dem stationären Einzelhandel stehen schwere Zeiten bevor. Der Grund: An vielen Standorten in Deutschland werden sich Zahl und Struktur der Kundschaft dramatisch verändern, so die Prognose von Dörte Nitt-Drießelmann, Senior Researcher am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI).

Bevölkerungsdichte entscheidet über Standortwahl

In den meisten Großstädten und Metropolregionen der Bundesrepublik sind die Aussichten auf einen deutlichen Bevölkerungszuwachs in den kommenden zwei Jahrzehnten gut. Im Osten und der Mitte Deutschlands sowie in vielen ländlichen Regionen hingegen werden dem Einzelhandel langfristig die Kunden ausgehen. „Der Kampf um den Kunden und sein Geld wird härter“, sagt Dörte Nitt-Drießelmann. Insbesondere in den „schrumpfenden“ Gebieten Deutschlands wird die Wahl des Standorts über „Sein oder Nichtsein“ des Einzelhandels entscheiden.

Noch profitiert der Einzelhandel von einer guten Kauflaune der Deutschen. In den Innenstadtlagen der größeren Städte ziehen die Mietpreise weiter an. Die HSH Nordbank geht in ihrer Studie „Marktkonferenz Immobilien“ davon aus, dass sich dieser Trend weiter fortsetzen wird. In den 1a-Lagen von München, Berlin, Hamburg und Köln werden bis 2016 Mietsteigerungen um weitere fünf bis neun Prozent erwartet. In Stadtteilen außerhalb der City stagnieren die Durchschnittsmieten bislang – doch auch hier sagen die Immobilienexperten der HSH Nordbank mittelfristig leicht steigende Mieten voraus.

Onlinehandel schwächt den stationären Einkauf

Seit über 20 Jahren geht der Anteil des Einzelhandels an den Konsumausgaben der privaten Haushalte zurück, während die Ausgaben für Wohnen, Energie und Gesundheit steigen. Da zudem immer größere Anteile der Einkäufe über das Internet abgewickelt werden, müssen sich alle Einzelhändler in Deutschland in Zukunft auf nur noch moderat steigende Umsätze einstellen, so die Einschätzung der HWWI-Expertin. Die wichtigste Voraussetzung für eine Sicherung des stationären Vertriebskanals sei deshalb die Wahl des richtigen Standorts.

Wie und wo die Deutschen in Zukunft einkaufen werden, fasst Dörte Nitt-Drießelmann in einer aktuellen Veröffentlichung des HWWI zusammen. Die drei zentralen Aussagen ihrer Untersuchung:

  1. Wohnortnaher Einkauf gewinnt
    Verstärkt durch die Alterung der Gesellschaft und wachsende Bevölkerungszahlen in größeren Städten und Metropolregionen werden Lebensmittel überwiegend wohnortnah nachgefragt. Somit sind sowohl Stadteillagen als auch innerstädtische Subzentren, insbesondere solche mit guter Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr und Pkw-Stellplätzen, exzellente Standorte für Einzelhändler im Bereich der Grundversorgung. Da Verbraucher vermehrt Einkäufe bündeln, ist davon auszugehen, dass das Auto häufiger als Transportmittel eingesetzt wird.

  2. Größere ländliche Gemeinden und Mittelstädte profitieren
    Als Folge der Sortimentsausweitung des Einzelhandels in den vergangenen Jahren, die immer größere Verkaufsflächen und damit auch größere Einzugsgebiete erforderte, konzentrieren sich Lebensmittelgeschäfte zunehmend auf die größeren Ortschaften in ländlichen Räumen. Hier werden sich mehrere Anbieter und Formate noch weiter zentralisieren. Da alle Prognosen darauf hindeuten, dass der Onlinehandel im Lebensmittelsegment auf absehbare Zeit keine bedeutende Rolle spielen wird, dürften vermehrte Geschäftsschließungen in kleineren Ortschaften auf dem Land zu längeren Anfahrtswegen durch die Kunden führen. Gewinner dieser Entwicklung sind neben den größeren ländlichen Gemeinden auch die mittelgroßen Städte ab 20.000 Einwohnern. In den sogenannten Mittelstädten werden sich für Einzelhändler zusätzliche Umsatzpotenziale durch Käufer ergeben, die dort mehrere Besorgungen erledigen.

  3. Innenstädte punkten mit Erlebnisshopping
    Während Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs auch zukünftig überwiegend wohnortnah nachgefragt werden, wird sich die Nachfrage nach den sonstigen Warengruppen verstärkt in die wachsenden Regionen und Städte verlagern – die sogenannten zentralen Orte. Der Einzelhandel kehrt also vom Stadtrand und der „grünen Wiese“ verstärkt wieder in die Städte zurück. Im Wettbewerb mit Stadtteilzentren und Shoppingmalls am Stadtrand sind in den Innenstädten besonders gute Voraussetzungen dafür gegeben, beim Kunden emotionale Shopping- und Freizeiterlebnisse zu erzeugen. Besonders punkten können Innenstädte, die eine hohe Aufenthalts- und Erlebnisqualität bieten, übersichtlich gestaltet und bequem erreichbar sind, einen attraktiven Branchenmix bereitstellen und zugkräftige Ankermieter vorweisen.