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Russland-Sanktionen

„Wir unterschätzen die Folgen des Handelskriegs“

02.09.2014

Der Westen hat Sanktionen gegen Russland verhängt und plant derzeit weitere Schritte. Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (IfW), erläutert, warum die Stimmung in der Wirtschaft schlecht ist.

Professor Dennis Snower, Präsident des IfW Kiel: „Handel und Wirtschaftsbeziehungen sind ein wichtiger Beitrag, um Konfliktpotenzial abzubauen.“ (Foto: picture alliance / dpa)

Herr Professor Snower, wir befinden uns im Handelskrieg: Mit der Zuspitzung der Ukraine-Krise kam es zu Sanktionen des Westens, die Russland mit einem Einfuhrstopp für Agrarprodukte beantwortete. Was sind die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen?
Dennis Snower: Zwar sind einzelne Unternehmen und Branchen stark von den Sanktionen betroffen. Insgesamt dürfte sich der Rückgang des Exportvolumens aber in engen Grenzen halten und zunächst keinen großen gesamtwirtschaftlichen Effekt zeigen.

Dann übertreiben die Pessimisten maßlos?
Snower: Ich würde die Folgen des Handelskriegs nicht unterschätzen: Psychologisch spielt er eine große Rolle. Die Zuspitzung des Konflikts sowie die Unsicherheit darüber, wie sich die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland längerfristig entwickeln werden, haben vermutlich entscheidenden Anteil daran, dass sich die Stimmung in der Wirtschaft seit dem Frühjahr spürbar verschlechtert hat.

Lässt sich die Wirtschaft von Stimmungen beeinflussen?
Snower: Sie können zu einem Rückgang der Investitionen führen. Und über diesen Kanal sind kurzfristig deutliche Bremsspuren in der Konjunktur möglich, zumal die Erholung in Europa noch längst nicht gefestigt ist. Es rächt sich jetzt, dass die Europäische Union in den vergangenen Jahren keine nachhaltige Politik betrieben hat.

Auf welche Bereiche spielen Sie an?

Snower: Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank und eine Finanzmarktpolitik, die keine tragfähige Bankenunion gewährleistet, wirken ebenso destabilisierend wie die Fiskalpolitik der EU-Mitgliedsländer, die keinen klaren Schuldenabbau in jedem Schuldnerland sicherstellt. Hinzu kommt die Strukturpolitik, die keine Reformen vorschreibt, die zu größerer Wettbewerbsfähigkeit führen. Im schlechtesten Fall könnte sogar die überwunden geglaubte Schuldenkrise in Südeuropa erneut befeuert werden.

Wie stark kann sich die aktuelle Situation mit Blick auf die Weltwirtschaft noch zuspitzen?
Snower: Gravierende Auswirkungen wären erst zu erwarten, wenn Russland seine Energieexporte als Waffe einsetzt. Dies würde zu einem starken Anstieg der Ölpreise führen, was wiederum die wirtschaftliche Expansion in der Welt insgesamt und in den Industrieländern im Besonderen empfindlich treffen würde.

Aus Sicht Russlands wäre das eine gute Strategie …

Snower: Auf lange Sicht würde sich Russland mit einer solchen Politik den Ast absägen, auf dem es sitzt. Bereits jetzt unternehmen die westlichen Länder Anstrengungen, ihre Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland zu reduzieren, indem sie die Suche nach neuen Energiequellen – beispielsweise durch Fracking – intensivieren und verstärkt in den Ausbau regenerativer Energien investieren.

Dann raten Sie den Konfliktparteien zur Deeskalation?
Snower: Durch Handel und Wirtschaftsbeziehungen schließen Menschen auf freiwilliger Basis Geschäfte ab – zum gegenseitigen Nutzen. Diese Interaktionen sind ein wichtiger Beitrag, um Konfliktpotenzial abzubauen. Sie zeigen täglich im Kleinen, wie wir aufeinander angewiesen sind. Dass diese Kontakte weniger werden, gehört ebenfalls zum Preis, den wir für Sanktionen zu bezahlen haben.