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Sanktionen gegen Russland
23.09.2014

Dr. Klaus-Jürgen Gern, Experte für internationale Konjunktur am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, erklärt im Interview, was der anhaltende Russlandkonflikt für Unternehmer bedeutet.

Russische Ölförderanlage: Viele russische Wirtschaftsprojekte mit internationalen Partnern sind zurzeit eingefroren. (Foto: picture alliance / ZUMA Press)

Die Europäer haben russischen Unternehmen am 12. September den Zugang zum westlichen Kapitalmarkt verstellt. Doch das scheint bislang eher geringe Auswirkungen zu haben – weshalb?
Klaus-Jürgen Gern: Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Zum einen dauert es einige Zeit, bis der fehlende Zugang zum Kapitalmarkt in aller Konsequenz spürbar wird, etwa wenn große Unternehmen wie Gazprom neues Geld benötigen und eine Anleihe begeben wollen. Zum anderen unterstützt der russische Staat die Unternehmen, die Kapital benötigen. Da springen der Fiskus oder die Notenbank ein. Es gibt aber durchaus Anzeichen, dass die Sanktionen nicht wirkungslos sind. So rechnet beispielsweise die VTB-Bank für dieses Jahr mit einem Verlust von einer Milliarde Euro. Deren Chef gibt den Sanktionen dafür die Schuld.

Bereits Ende Juli hatte die Europäische Union ein Lieferembargo für verschiedene Güter, unter anderem für die Ölindustrie, ausgesprochen. Wie fällt da die Bilanz aus?
Klaus-Jürgen Gern: Viele Projekte liegen deshalb auf Eis. Das ist die eine Seite der Medaille. Soweit möglich springen aber andere Länder als Lieferanten für Investitionsgüter ein, beispielsweise China. Allerdings ist noch unklar, in welchem Umfang eine solche Substitution möglich ist und ob sie die gleiche Qualität wie europäische oder amerikanische Firmen liefern können.

Dr. Klaus-Jürgen Gern, Experte für Internationale Konjunktur, IfW Kiel (Foto: Klaus-Jürgen Gern)

Sind Sanktionen eher ein stumpfes Schwert?
Klaus-Jürgen Gern: Man darf von Sanktionen keine Wunder erwarten. Untersuchungen haben gezeigt, dass Sanktionen bei schwerwiegenden Konflikten wie Kriegen kaum oder gar nicht zu einer Änderung der Politik im sanktionierten Land geführt haben. Sie werden in solchen Situationen in Kauf genommen. Zumal sie wirtschaftlich auch Unternehmen aus den Ländern treffen, die die Sanktionen verhängt haben, weil ihnen ein Absatzmarkt fehlt.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Russland im Winter seine Gaslieferungen einschränkt?
Klaus-Jürgen Gern: Derzeit habe ich den Eindruck, dass Russland an einer Beruhigung des Konflikts interessiert ist. In einem solchen Szenario wäre ein Lieferstopp durch Russland schwer vorstellbar, weil die Energieexporte die finanzielle Lebensader der russischen Wirtschaft sind. Ein Lieferstopp oder auch nur Liefereinschränkungen würden die Tendenz westlicher Unternehmen, sich nach anderen Anbietern umzusehen, weiter verschärfen.

Wie sieht es mit russischen Gaslieferungen in die Ukraine aus?
Klaus-Jürgen Gern: Da kann ich mir vorstellen, dass es zu Einschränkungen und Schwierigkeiten kommt, zumal die Frage der Zahlungsrückstände der Ukraine nach wie vor ungeklärt ist.

Im Zuge der Krise hat der Rubel an Wert verloren. Deutsche Produkte werden für russische Kunden teurer. Wie wirkt sich das auf das Geschäft deutscher Firmen mit Russland aus?
Klaus-Jürgen Gern: Dieser Effekt ist spürbar, aber die Nachfrage geht in Russland derzeit generell zurück. Umgekehrt bedeutet der schwache Rubel einen Wettbewerbsvorteil für russische Firmen, die ihre Produkte und Rohstoffe deutlich günstiger anbieten können als vor einem Jahr.