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Wirtschaftspolitik
29.09.2014

Prof. Dr. Henning Vöpel erläutert, welche Rezepte Deutschland und Europa den Weg aus der wirtschaftlichen Krise bescheren können. Politik und Wirtschaft müssen sich auf gravierende Veränderungen einstellen. Dabei soll eine neue globale Wirtschaftsordnung eine elementare Rolle spielen.

Henning Vöpel ist seit September 2014 Direktor und Mitglied der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts. Er verantwortet die Forschungsbereiche Konjunktur und Weltwirtschaft. (Foto: HWWI)

Professor Vöpel, in einem aktuellen Aufsatz plädieren Sie für eine neue globale Wirtschafts- und Ordnungspolitik, weil die Welt nach der Finanzkrise eine andere als zuvor sei. Was hat sich denn geändert?

Henning Vöpel: Die Krise stellt eine größere Zäsur dar als viele bislang geglaubt haben. Die Russland-Krise oder das Engagement von China in Afrika sind Vorboten einer neuen Weltwirtschaftsordnung. Strategische Handelspolitik und geopolitische Verschiebungen spielen wieder eine größere Rolle als in den vergangenen zehn Jahren. Wir brauchen eine neue Form der globalen Governance, denn die existierenden Institutionen können die Risiken internationaler Krisen kaum beherrschen.

Auf welche Veränderungen müssen sich Unternehmen einstellen?

Henning Vöpel: Die neue globale Wirtschafsordnung wird Unternehmer künftig zum Umdenken zwingen, etwa bei Standortverlagerungen oder bei der Erschließung neuer Märkte. Man kann hier durchaus von einem Paradigmenwechsel sprechen, denn die politischen Risiken werden größer und das wird für Firmen und deren Internationalisierungsstrategie zur großen Herausforderung.

Sie fordern zugleich eine Agenda, um die Arbeitslosigkeit in den europäischen Krisenländern zu verringern. Welche Reformen sind nötig, damit das gelingt?

Henning Vöpel: Es ist es unumgänglich, dass die Krisenländer –  insbesondere Frankreich und Italien – strukturelle Reformen durchführen, ähnlich wie in Deutschland Anfang der 2000er Jahre. Dadurch konnten wir die Krise relativ gut überstehen. Die anderen Euro-Länder müssen nun nachziehen, um die Wettbewerbsfähigkeit anzugleichen und die internen Ungleichgewichte in Europa abzubauen. Frankreich spielt die wichtigste Rolle für die Stabilität der Eurozone: Folgt Frankreich dem deutschen Modell, entfaltet dies Sogwirkung für die Reformbereitschaft der anderen Länder.

Dazu müsste in diesen Ländern aber eine Bereitschaft zu Reformen vorhanden sein…

Henning Vöpel: Das Ziel muss es sein, die mittel- und langfristigen Wachstumsperspektiven dieser Länder zu stärken und und das Potenzialwachstum zu erhöhen. Einen Weg aus der Krise stellen Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Technologie dar, weil dadurch Wachstum entsteht, das die Tragfähigkeit der Schulden wieder herstellt. Konsolidieren, Reformieren und Investieren sind keine Gegensätze, sondern müssen im Zusammenhang gedacht werden.

Was passiert mit Europa, wenn es die Reformen nicht angeht und die Länder weitermachen wie bisher?

Henning Vöpel: Dann besteht die Gefahr, dass Europa in einer sich wandelnden Welt zunehmend an Einfluss verliert. Die Schwellenländer gewinnen an wirtschaftlicher Bedeutung und das wird die nächsten 20, 30 Jahre so weitergehen.

Was muss die Politik in Deutschland tun, damit die Wirtschaft wettbewerbsfähig bleibt?

Henning Vöpel: Es warten große Herausforderungen auf Deutschland: Demographischer Wandel, Energiewende, Verkehrsinfrastruktur, digitale Infrastruktur und Industrie 4.0. Darauf ist Deutschland noch nicht ausreichend vorbereitet. Daher gilt es, mit öffentlichen Investitionen auch die privaten Investitionen wieder anzukurbeln, die seit Jahren zu niedrig sind. Wir exportieren zwar sehr viel, aber investieren zu wenig unserer Ersparnis in inländisches Sach- und Humankapital.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hat vor kurzem ein zwölf Milliarden Euro umfassendes Konzept für Forschung und Entwicklung vorgelegt. Wird Deutschland mit dem vorgelegten Konzept zum „Innovationsweltmeister“, wie die Ministerin beabsichtigt?

Henning Vöpel: Das ist ein wichtiger Schritt, der aber nicht ausreicht. Denn auch die Schwellenländer ändern zunehmend ihr Wachstumsmodell: von einfacher, arbeitsintensiver hin zu wissensintensiver Produktion. Die G20-Staaten haben kürzlich beschlossen, mit einem großen öffentlichen Investitionsprogramm die Wachstumskräfte zu stärken, um nachhaltig aus der Krise zu kommen. Angesichts der Bedeutung von Forschung, Technologie und Bildung für den Wirtschaftsstandort Deutschland müssen wir da weiter gehen und noch mehr investieren als die aufstrebenden Volkswirtschaften.

Stichwort „aus der Krise kommen“: Auch Ihre Zunft steht in der Kritik. Wirtschaftswissenschaftlern wird vorgeworfen, dass ihre Modelle zu realitätsfern seien. Welche Lehren haben Sie aus der Krise gezogen?

Henning Vöpel: Es gibt neue Theoriezweige in der Wirtschaftswissenschaft: neurowissenschaftliche Ansätze, Forschungen über die Grenze der Rationalität oder auch konstitutionelle Ansätze. Das ist in der Wirtschaftspolitik und in der breiten Öffentlichkeit aber so noch nicht angekommen. Wir als HWWI verstehen es als unsere Aufgabe, Grundlagenforschung in die Praxis der Wirtschaftspolitik zu tragen. Daher ist es unsere Bringschuld, die Erkenntnisse aus der Krise sowie der neueren theoretischen und empirischen Wirtschaftsforschung zusammenzuführen und zu einer neuen Ordnungspolitik für die globalisierte und digitale Gesellschaft zu formen.

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