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Straubhaar-Interview

„Globalisierung macht Firmen aus kleinen Ländern groß“

16.07.2014

Noch ist Professor Dr. Thomas Straubhaar der Direktor des renommierten Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). Ab September übernehmen seine Nachfolger – Professor Straubhaar geht dann zur Transatlantic Academy in die USA. Vor seiner Abreise spricht er mit Unternehmer Positionen Nord über Geldpolitik, Globalisierung und die Gefahr einer Immobilienblase.

Professor Dr. Thomas Straubhaar vor dem HWWI in Hamburg-Rotherbaum. (Foto: picture-alliance/ dpa)

In Europa läuft ein einmaliges volkswirtschaftliches Experiment: Die Zentralbanken fluten die Märkte mit Geld, die Zinsen sind historisch niedrig, die Staatsschulden historisch hoch. Ist es nicht schade, dass Sie gerade jetzt von Hamburg zu einem Think Tank in die US-Hauptstadt Washington wechseln?
Thomas Straubhaar: Ein wenig schade ist es schon, aber vielleicht ist es klug, mit ein wenig Distanz auf dieses Experiment mit ungewissem Ausgang zu blicken. Hier in Hamburg bin ich sehr im operativen Geschäft beansprucht und befasse mich mit konkreten Beratungsaufträgen für Unternehmen. Als Non-Resident-Fellow der Transatlantic Academy – einer Tochter des German Marshall-Fund in Washington – werde ich mehr Zeit haben das geldpolitische Experiment in der Eurozone besser zu analysieren.

Wie beurteilen Sie die Chancen auf ein gutes Ende?
Straubhaar: Auf kurze Sicht bin ich optimistisch. Die Europäische Zentralbank reduziert das Volumen ihrer Bilanz bereits. Es geht nun um die Frage, wie die Notenbank es schaffen wird, die Situation wieder zu normalisieren. Wenn Kapital nichts mehr kostet, hat sich der Kapitalismus ad absurdum geführt. Wichtig ist, Fehlallokationen beispielsweise in Aktien oder Sachwerte zu vermeiden.

Stichwort Sachwerte: Das Platzen einer Immobilienblase in den USA hat 2008/2009 die globale Finanzkrise ausgelöst. Auch in Deutschland sind die Immobilienpreise zuletzt gestiegen. Sehen Sie die Gefahr einer Blase?
Straubhaar: Nein, die Entwicklung der Immobilienpreise in Deutschland ist nicht mit der Situation in den USA zu vergleichen. In Deutschland wird und wurde Aufholpotenzial realisiert. Zudem entwickeln sich die Preise sehr unterschiedlich: In gefragten Metropolregionen steigen sie, in manchen ländlichen Gebieten fallen sie. Es ist auch nicht vorstellbar, dass in Deutschland Banken Immobilien komplett ohne Eigenkapital finanzieren – genau das ist in den USA jedoch geschehen.

In den USA können Sie aus der Nähe beobachten, wie die mächtige Federal Reserve ihre Geldpolitik steuert.
Straubhaar: Ja, wobei die Fed anders als die EZB die Aufgabe hat, nicht nur die Geldwertstabilität im Auge zu haben, sondern auch das Wirtschaftswachstum. Deshalb sind Amerikaner in ihrer Geldpolitik weniger dogmatisch als Deutsche. Sie akzeptieren Inflation als Risiko. Sollte die Fed die Zinsen früher als die EZB anheben, würden höhere US-Zinsen den Dollar stärken. Das wiederum erschwert Exporte aus den USA und verbilligt Importe in das Land – beide Effekte würden sich negativ auf die US-Wirtschaft auswirken. Das will die Fed verhindern. Deshalb müssen Zinserhöhungen zwischen der Fed und der EZB abgestimmt werden.

Wirkt sich die aktuelle Niedrigzinspolitik auf den deutschen Mittelstand als Konjunkturprogramm aus?
Straubhaar: Das gilt vor allem für die Bauwirtschaft, die von einem Boom bei Renovierungen und Reparaturen profitiert. Da viele Investoren in Deutschland einsteigen wollen, können sich viele Unternehmen günstig am Kapitalmarkt finanzieren. Generell profitieren die Unternehmen mehr vom günstigen konjunkturellen Umfeld mit niedriger Arbeitslosigkeit, weil dadurch das Konsumklima sehr gut ist. Das hat einen größeren Effekt als niedrige Zinsen.

Weshalb ist gerade der deutsche Mittelstand so attraktiv für Investoren?
Straubhaar: Ich beschreibe die Stärken gern mit den drei „I“: Innovation, Industrie und Internationalität. Deutschland ist eine sehr innovative Gesellschaft mit einer erstklassigen industriellen Basis. Die Firmen sind auch international sehr wettbewerbsfähig. Sie profitieren dabei von der Globalisierung. Bis in die siebziger und achtziger Jahre hatten deutsche Firmen vorwiegend ihren Heimatmarkt und Europa als Absatzgebiet. Im Zuge der Globalisierung können sie ihre Waren und Dienstleistungen in der ganzen Welt verkaufen. Die Globalisierung macht Firmen aus kleinen Ländern groß – vorausgesetzt, sie bestehen im internationalen Wettbewerb.

Inwieweit unterscheidet sich der deutsche Mittelstand von vergleichbaren Unternehmen in den USA?

Straubhaar: Das Humankapital ist in Deutschland im Durchschnitt viel besser. Die ganze Welt beneidet Deutschland um das duale Ausbildungssystem, das sehr gut ausgebildete Fachkräfte hervorbringt. Die deutschen Unternehmer haben viel Vertrauen in ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und diese rechtfertigen das mit guten Leistungen. Der individuelle Gestaltungsspielraum der Mitarbeiter ist in Deutschland viel größer als in den USA. Desweiteren hat Deutschland als Land in den vergangenen 20 bis 30 Jahren einen enormen Modernisierungsschub erlebt, von dem die Wirtschaft profitiert. Heute ist Deutschland in vielen Bereichen liberaler als die USA.    

Die US-amerikanische Wirtschaft profitiert aufgrund von Fracking von niedrigen Energiekosten. Ist das ein wichtiger Wettbewerbsvorteil oder werden so eher Innovationen verhindert?
Straubhaar: Tesla ist eine amerikanische Erfolgsgeschichte! Die günstigen Strompreise sind auf jeden Fall ein Vorteil. Mich erinnert die Geschichte der Elektroautos an die Geschichte der Mobiltelefone. Am Anfang sind die Geräte sehr teuer, weil die einzelnen Bestandteile so teuer sind. Das ändert sich schlagartig mit der Massenproduktion. Und wenn dann günstiger Strom zu Verfügung steht, ist viel möglich. Das kann für die deutsche Automobilindustrie große Auswirkungen haben. Zudem sehen wir in den USA wegen der günstigen Energiepreise eine gewisse Reindustrialisierung.

Wie wichtig wird Europa künftig in der Weltwirtschaft sein?

Straubhaar: Meines Erachtens wird Europa auf eine enge Kooperation mit den USA angewiesen sein, um im multipolaren Wettbewerb mit den aufstrebenden Volkswirtschaften machtpolitisch nicht ins Hintertreffen zu geraten. Wenn wir die Regeln der Weltwirtschaft auch künftig mitgestalten wollen, müssen wir Verbündete suchen. Und wo, wenn nicht in den USA, können wir diese finden? Im Vergleich zu anderen Weltregionen ist uns Amerika garantiert am nächsten.     

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