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EZB-Politik
23.05.2014

Die extrem niedrigen Zinsen in Europa könnten der Realwirtschaft schaden. Kurzfristig könnte Deutschland zwar einen Boom erleben. Die Niedrigzinspolitik führt jedoch zu Fehlinvestitionen, die mittel- bis langfristig das Wachstumspotenzial belasten, warnen Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft und der HSH Nordbank.

Der Bulle vor der Frankfurter Wertpapierbörse: Die Preise für Aktien und andere Vermögenswerte sind aufgrund des niedrigen Zinsniveaus bereits kräftig gestiegen. (Foto: picture alliance / JOKER)

Die expansive Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) könnte die deutsche Wirtschaft schwächen. Zu der Einschätzung kommen die Experten des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) Kiel. Das derzeitige Zinsniveau in Europa sei viel zu niedrig für Deutschland. „Es drohen uns spanische Verhältnisse, was das geldpolitische Umfeld angeht“, sagt Prof. Dr. Joachim Scheide, Leiter des Prognose-Zentrums des IfW. Der von der Niedrigzinspolitik der EZB geförderte Boom lasse bereits die Immobilienpreise in der Bundesrepublik merklich steigen, wodurch der Wohnungsbau befeuert werde, so die IfW-Prognose. Wie in Spanien könnten auch in Deutschland im Zuge steigender Zinsen Bauprojekte unrentabel werden. „Derzeit sieht es nicht so aus und es ist auch unwahrscheinlich, dass sich die Lage ähnlich zuspitzt“, schränkt der IfW-Experte ein.

Verschuldungsgrad steigt

„Grundsätzlich entlasten die niedrigen Zinsen Unternehmen und regen höhere Investitionen an – was idealerweise zu einem höheren Wirtschaftswachstum führt“, ordnet Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, die Zusammenhänge ein. „Auch der Staat kann sich aktuell vergleichsweise günstig refinanzieren, er erhält dadurch mehr haushaltspolitischen Spielraum.“ Bislang ist die Kreditaufnahme im Unternehmenssektor jedoch immer noch sehr zurückhaltend, so de la Rubia. Springt diese an, kann es rasch zu einer höheren Inflation kommen. Derzeit seien die Güterpreise sehr stabil, trotz der expansiven Geldpolitik. Problematisch sei jedoch die Inflation bei Vermögenspreisen, wie beispielsweise bei Aktien und Immobilien. „Hier und auch in anderen Finanzmarktsegmenten sehen wir schon deutliche Überhitzungserscheinungen“, sagt de la Rubia. Sobald die Kreditnachfrage wieder anspringt, erhöht sich auch das Risiko eines signifikanten Anstiegs der Güterpreisinflation.

Fehlallokationen schwächen die Wirtschaft

Zwar werde die deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahren eine Hochkonjunktur erleben – allerdings mit den entsprechenden Fehlentwicklungen, so die Prognose des IfW. „Denn viele Investitionen werden nur vorgenommen, weil die Zinsen so extrem niedrig sind“, erklärt Professor Scheide. Weil Unternehmen die Preissignale am Kapitalmarkt nicht mehr richtig interpretieren können, sinkt ihre Planungssicherheit bei Investitionen. Und bleibt der erwartete Nachfrageboom aus, trifft eine erhöhte Produktion auf Unternehmensseite auf weniger Käufer. Diese Fehlallokation könnte nach Einschätzung von Dr. de la Rubia zu einem schleichenden Rückgang des Wachstumspotenzials der deutschen Volkswirtschaft führen.

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