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28.04.2014

Seit 30 Jahren wird weltweit immer mehr Öl gefördert. Auch in Zukunft sollte der Rohstoff nicht ausgehen. Im Interview erklärt Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, was dennoch zum gefürchteten „Peak Oil“ führen kann.

Erdölraffinerie in Leuna, Sachsen-Anhalt: Die Ölförderung steigt weltweit – sie wird allerdings immer teurer. (Foto: picture alliance / ZB)

Die Angst vor „Peak Oil“ – dem globalen Ölfördermaximum – hält sich seit Jahrzehnten. Bereits in den 1950er-Jahren sagten Wissenschaftler den Höhepunkt der Ölförderung spätestens für Ende der 1960er voraus. Seither konnte er dank neuer Fördertechnologien aber immer weiter in die Zukunft verschoben werden.

Peak Oil

Öl ist ein fossiler, nicht nachwachsender Rohstoff und damit nur begrenzt auf der Erde verfügbar. Die Theorie des Peak Oil geht davon aus, dass die Rohstoffreserven irgendwann aufgebraucht sein werden. Wann genau das sein wird, ist jedoch schwer zu bestimmen. Die Entdeckung von Ölfeldern und die Entwicklung neuer Fördertechniken führt dazu, dass die Ölförderung bislang zu- statt abnimmt.

Mehr Öl bis zum Jahr 2035

„Die Ölförderung liegt heute rund zwölf Millionen Barrel pro Tag höher als im Jahr 2001“, erklärt Dr. Cyrus de la Rubia. Weltweit steht also immer mehr Öl zur Verfügung. „Bis zum Jahr 2035 sollte die Ölproduktion weiter steigen – und zwar um rund elf Millionen Barrel täglich“, so der Volkswirt. Er beruft sich dabei auf Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA). Ungefähr um diesen Wert wächst auch die weltweite Nachfrage nach Öl. Grund: Zu den Konsumenten in den etablierten Industrieländern kommen immer mehr aus den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens und Südamerikas hinzu.

Größter Treiber der Ölnachfrage ist China. Die Volksrepublik importiert Öl aus allen Teilen der Welt. Ein Peak Oil ist gemäß Schätzungen der IEA bis 2035 nicht in Sicht: „Um aber die derzeitigen Produktionskapazitäten und die Versorgungssicherheit aufrechterhalten zu können, werden höhere und riskantere Investitionen nötig sein“, so der Experte. Dadurch steige die Unsicherheit über die in Zukunft zu erwartenden Fördermengen erheblich.

Teure Förderung, steigender Preis

Finanziert wird die Ölförderung wiederum durch einen steigenden Preis. „In den kommenden vier Jahren erwarten wir einen weiteren Anstieg des Ölpreises auf 125 US-Dollar pro Barrel“, so de la Rubia. Aktuell kostet die Ölsorte Brent rund 109 Dollar (Stand: 28. April 2014).

Im Interview erklärt der Chefvolkswirt der HSH Nordbank, welche Folgen ein weiterer Preisanstieg für die weltweite Nachfrage und die künftigen Fördermengen von Öl haben wird.

Herr de la Rubia, wie teuer muss Öl noch werden, damit die Menschen weltweit weniger davon verbrauchen?

Grundsätzlich ist Öl ein sehr preisunelastisches Produkt. Das heißt, wenn der Preis um 20 Prozent steigt, dann wird die Nachfrage um weit weniger als 20 Prozent zurückgehen – zumindest auf kurze Sicht. Denken Sie nur an die Reaktion der Autofahrer auf höhere Benzinpreise. Bis man sich entschlossen hat, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen oder sich einen spritschonenderen Wagen zulegt, dauert es eine Weile. Langfristig gibt es aber durchaus Reaktionen bei der Nachfrage. Heutzutage geht man mit der Ressource Öl in den Industriestaaten wesentlich effizienter um als vor der Ölkrise der 1970er-Jahre. Und auch in den Emerging Markets findet ein Umdenken statt. Aber um eine Sache kommen wir nicht herum: Bis 2035 wird die Weltbevölkerung um weitere zwei Milliarden Menschen zugenommen haben. Trotz aller Effizienzsteigerungen und alternativer Energiequellen wird die Nachfrage nach Öl daher steigen.

Ist die Ölförderung durch Fracking langfristig wirtschaftlich tragbar?

In den USA lohnt sich aus wirtschaftlicher Sicht eine Förderung von in Schiefergestein eingelagertem Öl ab einem Preis von 60 bis 80 US-Dollar pro Barrel. Das hängt im Einzelnen von dem Fördergebiet ab. Wann das sogenannte Schieferöl erschöpft sein wird, ist eine andere Frage. In den USA wird der Höhepunkt nach Schätzungen der US-Regierung möglicherweise bereits Ende des Jahrzehnts erreicht sein. Aus globaler Perspektive eröffnen sich Möglichkeiten etwa in China und in Argentinien. Hier hinkt die Entwicklung der Ölvorkommen aber mindestens ein Jahrzehnt der in den USA hinterher.

Welche Wirtschaftssektoren sind denn besonders abhängig vom Öl?

Das meiste Öl wird im Transportsektor benötigt, sowohl im Individualverkehr als auch beim Gütertransport über Land, Luft und Wasser. Darüber hinaus ist die petrochemische Industrie angewiesen auf Rohöl beziehungsweise raffinierte Ölprodukte. Viele internationale Unternehmen aus diesem Sektor schauen neidvoll in die USA, wo der regionale Ölpreis unter dem internationalen Niveau liegt und daher einen komparativen Wettbewerbsvorteil schafft.

Und was bedeutet ein weiter steigender Ölpreis für die privaten Verbraucher?

Die spüren das an der Tankstelle und bei der jährlichen Heizkostenrechnung – so sie denn eine Öl- oder Gasheizung betreiben. Traditionell ist ja der Preis für Naturgas an den Ölpreis gekoppelt. Letztlich steht dem Verbraucher weniger Geld für sonstigen Konsum zu Verfügung, was volkswirtschaftlich zu einem Problem werden kann, wenn die Energiepreise sehr stark und schnell anziehen. Danach sieht es derzeit aber nicht aus.