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Krise in der Ukraine
06.03.2014

Ein Interview mit Klaus-Jürgen Gern, Experte für Internationale Konjunktur beim Prognosezentrum des Instituts für Weltwirtschaft, über die aktuelle Lage in der Ukraine und ihre ökonomischen Folgen.

Militärpräsenz in der Autonomen Republik Krim. (Foto: picture alliance / abaca)

Welche wirtschaftlichen Risiken birgt die politische Krise in und um die Ukraine?
Klaus-Jürgen Gern: Zunächst einmal geht mit der Krise eine erhebliche Unsicherheit einher. Das belastet die Finanzmärkte und letztlich auch die wirtschaftliche Aktivität. Insbesondere Investitionsentscheidungen werden dadurch negativ berührt.

Wie groß sind die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Deutschland und der Ukraine?
Gern: Für Deutschland sind die Ausfuhren in die Ukraine mit rund 5,5 Milliarden Euro von sehr geringem Gewicht. Das entspricht 0,5 Prozent der Gesamtausfuhren.

Ganz anders dürfte es in Hinblick auf Russland aussehen.

Gern: Ja, natürlich. Im Jahr 2012 stand Russland auf Position elf der wichtigsten deutschen Exportdestinationen mit einem Ausfuhrvolumen von 38 Milliarden Euro – das entspricht 3,5 Prozent der Gesamtausfuhr. Von noch größerer Bedeutung ist Russland jedoch als Lieferant von Rohstoffen, insbesondere von Erdöl und Erdgas. Über die Rohstoffpreise dürften sich auch die gravierendsten Effekte des Konflikts auf die Weltwirtschaft ergeben.

Wie wichtig ist Russland als Ölproduzent?
Gern: Sehr wichtig! Russland ist der größte Ölproduzent der Welt und exportiert mehr Rohöl und Rohölprodukte als zum Beispiel Saudi Arabien. Kürzungen der Lieferungen aus Russland könnten den Ölpreis empfindlich nach oben treiben. Bereits die Sorge darum dürfte weltweit spürbare Effekte haben. Allerdings sind die Russen auf die Einnahmen aus dem Ölgeschäft angewiesen. Ihre Staatsfinanzen sind davon abhängig. Eine Störung der Lieferbeziehungen würde den ohnehin im Gange befindlichen Prozess der Umorientierung hin zu alternativen Quellen beschleunigen und die Position Russlands auf mittlere Frist schwächen. Stichworte sind Fracking, steigende Produktion in Afrika und Südamerika, Reintegration iranischen Öls und beim Gas der zunehmende Einsatz von Flüssigerdgas aus anderen Fördergebieten. Öl als Druckmittel – das ist für beide Seiten ein riskantes Spiel.

Klaus-Jürgen Gern, Experte für Internationale Konjunktur, IfW Kiel (Foto: Klaus-Jürgen Gern)

Wie ist die finanzielle Lage in der Ukraine?
Gern: Die finanzielle Situation der Ukraine ist offenbar extrem angespannt. Ohne kurzfristige Finanzhilfen vom Internationalen Währungsfonds oder der Europäischen Union scheint eine Staatsinsolvenz recht wahrscheinlich. Auch das Bankensystem ist in Gefahr. Das genaue Ausmaß der Probleme wird durch eine Fact Finding Mission des Währungsfonds eruiert. Die Außenstände der Ukraine bei westeuropäischen, nicht zuletzt bei deutschen Banken, sind aber mit einer Größenordnung von 25 Milliarden Euro wohl nicht so groß, dass sie für das hiesige Finanzsystem eine Bedrohung darstellten.