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Wissenschaft
28.02.2014

Unter dem Motto „Welt. Wirtschaft. Verstehen. Gestalten.“ feierte das Institut für Weltwirtschaft, Wissenschaftspartner von Unternehmer Positionen Nord, Ende Februar in Kiel seinen 100. Geburtstag. Es war eine würdige Feier, die auch inhaltlich überaus interessante Impulse lieferte, findet der Chefvolkswirt der HSH Nordbank, Cyrus de la Rubia.

100 Jahre IfW – das Logo zum Jubiläum. (Foto: IfW Kiel)

Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) feierte am 22. Februar 2014 im Kieler Rathaus seinen 100. Geburtstag. Ich freute mich, dabei sein zu dürfen, denn ich hatte durch mein Studium an der Kieler Universität, mit dem das IfW eng zusammenarbeitet, die Ehre beim ehemaligen IfW-Präsidenten Prof. Dr. Horst Siebert meine Diplomarbeit schreiben zu dürfen und ihm in der mündlichen Examensprüfung Rede und Antwort zu stehen. Nicht zuletzt durch den Luxus, die Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften, die größte ihrer Art in Europa, in Anspruch nehmen zu dürfen, hat mich das IfW geprägt.

Perle in der Krone der Landeshauptstadt Kiel

„Perle in der Krone der Landeshauptstadt“: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) gratuliert dem IfW zum 100-jährigen Bestehen. (Foto: picture alliance / dpa)

Geladen waren Gäste aus ganz Deutschland und aus dem Ausland. Zu den prominenten Gästen gehörten unter anderem der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet, Nobelpreisträger Martti Ahtisaari sowie der Präsident des Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn. Natürlich wurde das altehrwürdige Institut mit Lob überhäuft. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig nannte es „die Perle in der Krone der Landeshauptstadt Kiel“. Stolz verwies er auf eine Studie der Universität Pennsylvania, wonach das IfW an Platz sechs unter den weltweit wichtigsten Wirtschaftsinstituten stehe. Er könne vor diesem Hintergrund nicht begreifen, warum die Bundesregierung die Teilnahme des IfW an der Gemeinschaftsprognose für Deutschland abgelehnt hat. Der Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Kiel, Konsul Klaus-Hinrich Vater, betonte bei seiner Laudatio, wie sehr das IfW auf Unternehmen zugehe und auch den Kontakt zu Schulen suche. Das alle zwei Jahre in Kiel stattfindende Global Economic Symposium (GES) sei dabei ein wesentlicher Bestandteil dieser Verbindung.

Weltwirtschaft als Teil der DNA des IfW

In vielen wichtigen Institutionen und Unternehmen in Deutschland und in der Welt sitzen Ökonomen in Spitzenpositionen, die in der Vergangenheit am IfW gearbeitet oder den Aufbaustudiengang des Instituts besucht haben. Gerne redet man in diesem Zusammenhang von der Kiel-Connection. Die globale Sichtweise sei ein Teil der DNA des IfW, womit sich das Institut deutlich von seinen Mitbewerbern abhebe.

Trichet hat einen radikalen Vorschlag

Der ehemalige EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hielt beim Festakt den Impulsvortrag. (Foto: picture alliance / rtn - radio tele nord)

Im Mittelpunkt des Events stand aber keineswegs der Blick in die Vergangenheit. Im Impulsvortrag von Jean-Claude Trichet und in der Rede des IfW-Präsidenten, Professor Dr. Dennis Snower, wurde vor allem nach vorne geschaut. Der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank zeigte sich als überzeugter Europäer, der sich zunächst beklagte, dass Frankreich, Deutschland und Italien im Jahr 2004 den Stabilitätspakt aufgeweicht hatten und dadurch dem Verstoß gegen die ursprünglichen Fiskalregeln Tür und Tor geöffnet hätten.

Man habe mittlerweile in vielen Bereichen durchaus die richtigen Maßnahmen ergriffen, sagte Trichet: Der Aufbau der Bankenunion wurde begonnen und die Fiskalregeln verschärft. Aber es sei immer noch sehr viel zu tun. Insbesondere müsse die Überwachung der Wirtschaftspolitik strenger werden. In diesem Zusammenhang wartete Trichet mit einem radikalen Vorschlag auf: Würde ein Land sich nicht an die auf Europaebene vereinbarten Strukturreformen und Budgetanpassungen halten, solle eine zentrale europäische Institution temporär das Ruder übernehmen. Mit anderen Worten: Zeitweise müssten Staaten, die sich nicht an die Vorgaben hielten, mit einem Souveränitätsverlust in Bezug auf ihre Finanzpolitik rechnen. Die Ratio dahinter: Als Mitglied der Eurozone kann eine verantwortungslose Budgetpolitik die gesamte Eurozone destabilisieren. Das müsse Trichet zufolge in jedem Fall verhindert werden. So richtig schmecken wollte dieser Vorschlag den Zuhörern aber offenbar nicht, man in den anschließenden Gesprächen beim Buffet heraushören konnte.

Snower steht für den Paradigmenwechsel beim traditionell neoliberalen IfW

Mit besonderer Spannung verfolgten die Geburtstagsgäste die Rede des IfW-Präsidenten. Das Kieler Institut war unter seinem berühmten Präsidenten Herbert Giersch  (1969 bis 1989) und seinem Nachfolger Horst Siebert (1989 bis 2003) ein neoliberaler Think Tank. Sprich: Der Glaube an die Marktwirtschaft war in Kiel nur schwer zu erschüttern, nachdem die Ölkrise und die anschließende Stagflation den bis dahin keynesianischen Mainstream diskreditiert hatte. Umso bemerkenswerter fiel die zentrale Aussage des jetzigen IfW-Präsidenten Snower aus, dass spätestens nach der noch nicht ausgestandenen Wirtschaftskrise ein Paradigmenwechsel eingeleitet werden müsse. Man könne den Kräften des Marktes nicht uneingeschränkt vertrauen. Ein Satz den Horst Sieber so niemals gesagt hätte Als eklatantes Beispiel für das Marktversagen nannte Snower den Klimawandel: Würde man Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen ergreifen, nützte das allen Menschen. Trotzdem sei dies im gebotenen Umfang nicht möglich, weil die von den Reduktionen betroffenen Unternehmen dies verhinderten.

Sinnlose Systemdiskussionen sind überholt

Der IfW-Präsident Snower sagte aber auch, dass die alten Systemdiskussionen von Sozialismus gegen Kapitalismus beziehungsweise marktliberal oder interventionistisch überholt seien. Einerseits sei zu beobachten, dass entfesselte Marktkräfte uns in die Krise führten und gleichzeitig Staaten wohlfahrtsmindernd in die Wirtschaft eingriffen. Dabei gehe es letztlich um den Menschen. Was Snower immer wieder verwunderte: Dass in den traditionellen wirtschaftswissenschaftlichen Theorien der Mensch gar nicht berücksichtigt werde. Die Rede sei von Nutzenmaximierung und dem Menschen als Homo oeconomicus, der nach seinem individuellen Vorteil strebt. Snower verwies darauf, dass soziale Bindungen, Traditionen, Werte, Fürsorge und Kooperation eine mindestens ebenso große Rolle wie Nutzen- und Gewinnstreben spielten und entsprechend auch in wirtschaftspolitischen Handlungsempfehlungen Eingang finden müssten. Daher arbeite das IfW immer stärker auch interdisziplinär.

In diesem Sinne wünscht das Redaktionsteam von Unternehmer Positionen Nord dem IfW alles Gute für die nächsten 100 Jahre!

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank