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Arbeitskräftemangel

Deutsche Akademiker seltener am Arbeitsmarkt beteiligt

30.07.2013

Deutschland altert, Deutschland schrumpft. Neben qualifizierter Zuwanderung ist in der Bundesrepublik auch eine Potenzialanalyse der heimischen Bevölkerung notwendig. Dr. Christina Boll beschreibt im zweiten Teil ihrer Beitragsreihe, welche Bevölkerungsgruppen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen könnten.

Absolventen der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn: Deutsche Akademiker beteiligen sich seltener am Arbeitsmarkt als in vielen anderen europäischen Ländern (Foto: picture alliance / JOKER)

Eine Studie des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) identifiziert Arbeitskräftepotenziale in der deutschen Bevölkerung und entwickelt Maßnahmen, wie diese zu heben sind. Dazu hat das HWWI sieben Personengruppen benannt. Die erste Ausgabe dieser Reihe stellte bereits das ungenutzte Leistungsvermögen von Müttern, Älteren, verheirateten Frauen und Personen mit Migrationshintergrund dar. In dieser Ausgabe folgen Akademiker, junge Menschen ohne Schulabschluss und Langzeiterwerbslose.

Die Erwerbsquoten deutscher Akademikerinnen und Akademiker sind im gesamteuropäischen Vergleich unterdurchschnittlich. Insbesondere die Erwerbsbeteiligung hoch qualifizierter Männer ist in vielen Ländern höher als in Deutschland. Ein Grund könnten die fehlenden Studiengebühren sein. So ist der ökonomische Anreiz, die Erträge der Hochschulbildung einzufahren, stärker, wenn die Investitionskosten (teilweise) privat verausgabt wurden. Eine nutzerorientierte Hochschulfinanzierung ist zudem sozial gerechter.

Studiengebühren für ein besseres Hochschulsystem

Ländervergleiche zeigen, dass maßvolle Studiengebühren keineswegs zulasten des Rechts auf Bildung gehen, wenn sie mit einem extensiven Studienfördersystem verbunden sind. Genau dies ist für Deutschland erforderlich, um in einem zweiten Schritt nachgelagerte Studiengebühren einzuführen. Durch diese Maßnahme kann die Zahl der Erwerbstätigen allein unter Akademikern um rund 100.000 gesteigert werden.

Junge Menschen ohne Schulabschluss sind ein weiteres Arbeitskräftepotenzial in Deutschland. Doch ein fehlender Abschluss senkt die Chance auf eine Ausbildungs- und Arbeitsstelle erheblich. Allein im Jahr 2011 haben in Deutschland 49.560 Schülerinnen und Schüler die Schule nach Beendigung der Vollzeitschulpflicht ohne einen Schulabschluss verlassen. 2010 standen rund 88.000 junge Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Dabei gaben sie an, dass sie sich nicht mehr im Bildungsprozess befänden und weder krank noch aus sonstigen Gründen arbeitsunfähig seien. Mindestens dieses Potenzial ist durch eine bessere Berufsqualifizierung aktivierbar. Erforderlich dafür ist eine konsequente Umsetzung sonderpädagogischer Förderung auch in den allgemeinbildenden Schulen. Außerdem vonnöten sind die Unterstützung schwacher Schüler bei der Berufswahl und beim Erwerb berufspraktischer Kompetenzen, Maßnahmen zur Erhöhung der Schulfähigkeit von Kindern mit Migrationshintergrund sowie eine gezielte Förderung beruflicher Weiterbildung Niedrigqualifizierter in Unternehmen.

Ungenutzte Leistungskraft auch unter Langzeiterwerbslosen

Ein weiterer Fokus liegt auf der Gruppe der Langzeiterwerbslosen, die länger als zwölf Monate ohne Beschäftigung waren. Ihre Zahl sinkt in Deutschland; dennoch ist der Anteil der Langzeiterwerbslosigkeit im internationalen Vergleich noch immer relativ hoch. Rund 300.000 Langzeiterwerbslose mit abgeschlossener Ausbildung unter 50 Jahren könnten durch gezielte Maßnahmen wieder in Beschäftigung gebracht werden. Hierzu zählen unter anderem die Verstärkung der Brückenfunktion von Zeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung in reguläre Beschäftigung durch eine individuelle Förderung sowie die Qualifizierung und Erschließung von Zukunftsberufen mit hoher Arbeits- und Fachkräftenachfrage (zum Beispiel Pflegeberufe) für Langzeiterwerbslose.

Aus der Umsetzung aller genannten Maßnahmen ergibt sich ein aggregiertes Arbeitskräftepotenzial von 2.170.000 Personen in Deutschland. Damit zeigt sich: In der Erwerbsbevölkerung der Bundesrepublik liegt ein erhebliches Leistungsvermögen brach, das durch geeignete politische Maßnahmen aktivierbar wäre. Das maßnahmengeleitete Aktivierungspotenzial beträgt ein Viertel (25,8 Prozent) des vom Statistischen Bundesamt für 2010 quantifizierten Potenzials von rund 8,4 Millionen Menschen. Am höchsten konzentriert sich ungenutzte Leistungskraft bei Müttern und Älteren.

Dr. Christina Boll ist Forschungsdirektorin am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut.

http://www.hwwi.org

Lesen Sie im ersten Teil der Serie "Arbeitskräftemangel": 1,7 Millionen Deutsche könnten an den Arbeitsmarkt

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