SUCHE

Arbeitskräftemangel

1,7 Millionen Deutsche könnten an den Arbeitsmarkt

16.07.2013

Eine Studie des HWWI zeigt, wo in Deutschland noch Arbeitskräfte ungenutzt sind. Vor allem könnten mehr Frauen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen – sofern sich die Bedingungen ändern. Welche das sind, beschreibt Dr. Christina Boll im ersten Teil ihrer Beitragsreihe.

Mehr Mütter würden dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, wenn die Kinderbetreuung in Deutschland besser funktionierte. (Foto: picture alliance / Jan Haas)

Die deutsche Bevölkerung schrumpft. Nach der aktuellen Prognose wird die Bevölkerungszahl von knapp 82 Millionen Menschen im Jahr 2011 bis 2060 auf rund 65 Millionen Menschen zurückgehen. Zudem werden die Deutschen immer älter. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und dem Übergang der geburtenstarken Jahrgänge (Babyboomer) in das Rentenalter wird sich der Anteil der 65-Jährigen und Älteren an der Bevölkerung von 20,6 Prozent im Jahr 2011 auf 34,0 Prozent in 2060 erhöhen. Währenddessen wird die Zahl der unter 20-Jährigen kontinuierlich abnehmen. Heute kommen im Durchschnitt auf eine ältere Person etwa drei jüngere, im Jahr 2030 wird das Verhältnis eins zu zwei sein.

Es gilt, brach liegende Potenziale zu nutzen

Vor diesem Hintergrund schärft sich zunehmend die Sensibilität von Unternehmern und Politik für begehrte Arbeits- und Fachkräfte. Es steht nicht mehr länger nur die Frage im Vordergrund, wie genügend Jobs geschaffen werden können. Fraglich ist auch, wer die Jobs machen soll. Es gilt, alle Talente zu nutzen.

Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) legte Anfang Juni 2013 eine Studie vor, die sich drei Ziele gesetzt hat: Erstens, die wesentlichen Personengruppen zu identifizieren, die das Arbeitskräftepotenzial stellen. Zweitens, Maßnahmen zu benennen, die helfen können, die Potenziale zu heben. Und drittens, den jeweiligen Mengeneffekt zu umreißen.

Im Fokus stehen sieben Personengruppen: Mütter, verheiratete Frauen, ältere Menschen, Personen mit Migrationshintergrund, Akademiker/innen, junge Menschen und Langzeiterwerbslose. Methodisch knüpft die Studie an eine Auswertung der Arbeitskräfteerhebung 2010 an. Die betrachteten Personengruppen werden möglichst schnittmengenfrei abgegrenzt, sodass die identifizierten Potenziale zu einer Gesamtzahl aggregiert werden können.

Kinderbetreuung ist unzureichend  

Unter den Müttern hat die Studie des HWWI ein aktivierbares Arbeitskräftepotenzial von rund 850.000 Personen ausgemacht, das durch einen flächendeckenden Ausbau der Ganztagsbetreuung von Vorschul- und Schulkindern erschlossen werden kann. Zahlreiche Studien belegen, dass das institutionelle Kinderbetreuungsangebot für die Frauenerwerbstätigkeit eine große Rolle spielt. So lassen sich etwa anhand von Befragungsergebnissen unter Müttern, die eine unzureichende Kinderbetreuung als Hauptgrund für ihre Nichterwerbstätigkeit beziehungsweise eingeschränkte Erwerbstätigkeit nennen, die ungenutzten Potenziale beziffern.

Ältere Arbeitnehmer fördern und fordern

Unter den älteren Menschen im Alter von 60 bis 65 Jahren besteht ein aktivierbares Arbeitskräftepotenzial von insgesamt 467.000 Personen durch Aufschub des Renteneintrittsalters auf 66 Jahre. Zu den Maßnahmen, die zur Erreichung dieses Ziels erforderlich sind, zählen unter anderem eine kontinuierliche Weiterqualifizierung Älterer und altersgerechte Arbeitsplätze, aber auch veränderte Anreizsetzungen wie das Rückgängigmachen der Verlängerung des Arbeitslosengeldes für Ältere und die Anhebung der Hinzuverdienstgrenzen für Rentner. Vor allem aber braucht es einen Perspektivenwechsel in der Gesellschaft. Denn im Alter von 50 Jahren und einer Regelaltersgrenze von bald 67 Jahren kann das noch bevorstehende letzte Drittel des Erwerbslebens aktiv, fördernd und fordernd gestaltet werden.

Ehe kann für Erwerbstätigkeit hinderlich sein

Verheiratete Frauen sind, unabhängig von der Anwesenheit von Kindern im Haushalt, gegenüber unverheirateten Frauen nicht nur deutlich häufiger am Arbeitsmarkt inaktiv. Sie konzentrieren sich überdies besonders stark in der am weitesten vom Arbeitsmarkt entfernten Gruppe: den sonstigen Nichterwerbspersonen. Neben tradierten geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen stellt die Überwälzung des höheren Grenzsteuersatzes des Hauptverdieners auf die – meist weibliche – Zuverdienerin ein zusätzliches Beschäftigungshemmnis dar. Durch die Abschaffung des Ehegattensplittings und den Übergang zu einer Individualbesteuerung lässt sich ein zusätzliches Arbeitsangebot von rund 250.000 Frauen aktivieren. Dabei sind Verhaltenseffekte von Männern bereits berücksichtigt.

Zuwanderer weiterqualifizieren

Eine wichtige Gruppe innerhalb des inländischen Erwerbspersonenpotenzials stellen auch Menschen mit Migrationshintergrund dar. Insbesondere Männer mit eigener Migrationserfahrung signalisieren eine hohe Arbeitsmarktnähe. Die Studienergebnisse gehen von rund 115.000 Männern mit Zuwanderungserfahrung aus, die für den Arbeitsmarkt aktivierbar seien könnten. Voraussetzung ist aber, dass diese Personen durch Maßnahmen wie die Anerkennung ausländischer Abschlüsse, die Nach- und Weiterqualifizierung sowie die Vermittlung von berufsbezogenen Deutschkenntnissen und von Arbeitserfahrungen in die Lage versetzt werden, sich am Arbeitsmarkt wie Männer desselben Qualifikationsniveaus, aber ohne Migrationshintergrund zu verhalten.

Dr. Christina Boll
Forschungsdirektorin am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut
http://www.hwwi.org