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Wissenschaft

Euroraum: Gemeinsame Währung – Nationales Geld

13.08.2012

Seit rund vier Jahren operiert Europas Geldpolitik im Krisenmodus. Die Europäische Zentralbank (EZB) steckt in einem Dilemma: Sie soll zwei nicht-deckungsgleiche Ziele – die Geldversorgung und die Finanzmarktstabilität im Euroraum – mit bloß einem wirtschaftspolitischen Instrument erreichen.

Eurokurs und Eurogeld: Die massive Geldschöpfung in den Defizitländern geht nach Ansicht des IfW Kiel über das für die Binnenwirtschaft nötige Niveau hinaus. (Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Tetra)

Die expansive Geldschöpfung der EZB führt seit über vier Jahren zu einer massiven Fehlallokation von Kapital innerhalb des Euroraums, meint Dr. Stefan Kooths, stellvertretender Leiter des Prognose-Zentrums am IfW Kiel. Die über lange Zeit andauernden Fehlinvestitionen in den heutigen Krisenländern des Euroraums hat nach Ansicht des Wissenschaftlers eine realwirtschaftliche Kapitalstockkrise hervorgerufen, die nun die Finanzmärkte destabilisiert. „Es geht also nicht um eine Liquiditäts-, sondern um eine Solvenzkrise“, sagt Kooths. Und diese könne nun nur noch durch quasi-fiskalische Instrumente gelöst werden, erklärt er in einem aktuellen IfW Kiel Policy Brief, veröffentlicht im Juli 2012.

Liquiditätsschwemme kann zu weiteren Verwerfungen führen

Seit Beginn der Turbulenzen an den europäischen Finanzmärkten geht die Geldschöpfung in den Defizitländern der Europäischen Währungsunion (EWU) deutlich über das Niveau hinaus, das für die Binnenwirtschaft nötig wäre, so der Wissenschaftler. „Finanzmarktstabilität lässt sich auf Dauer nicht durch eine immer großzügigere Bereitstellung von Liquidität herstellen – im Gegenteil“, erklärt Kooths. „Die Liquiditätsschwemme führt früher oder später zu weiteren Verwerfungen im Finanzsektor, die dann auch wieder auf die Realwirtschaft ausstrahlen.“ Die EZB müsse sich daher so schnell wie möglich wieder auf ihre Kernaufgabe konzentrieren: die wertstabile Geldversorgung der Wirtschaft.

Zurzeit scheine die Geldpolitik des Eurosystems aber vor allem von nationalstaatlichen Besonderheiten gesteuert. Die Notenbanken werden getrieben von der Krise, sie wirken kaum wie ein souveräner Akteur. „Sobald aber eine Finanzmarktordnung hergestellt ist, die es ermöglicht, dass sich die Zentralbanken nicht mehr um die Solvenz von systemisch relevanten Geschäftsbanken kümmern muss, sollte auch der Weg für eine stabilitätsorientierte, EWU-weit einheitliche Geldpolitik der EZB frei sein“, so Kooths. „Wir brauchen hierzu eine vertiefte monetäre Integration mit einheitlichen Regeln für alle Banken – unabhängig davon, in welchem Mitgliedsland sie ihren Sitz haben.“

Unternehmerischer Spürsinn ist gefragt

In den europäischen Defizitländern führt nach Ansicht des Experten kein Weg an angebotsseitigen Strukturreformen vorbei. Diese sollen das Produktionspotenzial der Länder auf diejenigen Güter ausrichten, für die es auch einen Markt gibt. „Welche Güter und welche Märkte das sind, weiß heute niemand“, sagt Kooths. Dies könne nur durch unternehmerischen Spürsinn und Wagnis herausgefunden werden.