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Die türkische Wirtschaft und der Handel erholt sich vorübergehend (© Getty Images)
Schwellenländer-Barometer
08.09.2017

Das Wachstum der Emerging Markets zieht an, ihre Risiken sinken. Der schwache Dollar und das stabile weltwirtschaftliche Umfeld geben ihren Währungen und Kapitalmärkten Zulauf. Bleibt dies auch bis zum Ende des Jahres so?

Die Lage in den Schwellenländern entspannt sich weiter, auch unterstützt durch ein hohes Wirtschaftswachstum. Das Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank bildet diese Entwicklungen ab und notiert zum Beginn des Septembers bei 35,1 Indexpunkten. Das gegenwärtige Stresslevel wurde zuletzt im Januar 2010 erreicht und könnte sogar noch weiter zurückgehen. Viele Fundamentalfaktoren sprechen gegenwärtig für eine Fortsetzung des Wachstumskurses in dieser Ländergruppe. Ein stabiles globales makroökonomisches Umfeld treibt die Nachfrage nach Assets in Emerging Markets an und gibt ihren Aktien- und Anleihemärkten Zulauf. Das niedrige Ölpreisniveau unterstützt die wirtschaftliche Expansion in den vielen Schwellenländern, u.a. für die Nettoölimporteure Indien und China. Die US-Dollar-Schwäche gibt ihnen zudem Spielraum bei der Bedienung von Fremdwährungs-Verbindlichkeiten. Risikofaktoren für eine Fortsetzung des Wachstums drohen vor allem an der geopolitischen Front. Die Provokationen Nordkoreas gegenüber seinen Anrainern, die im August in mehreren Raketenstarts gipfelten, könnten einen militärischen Konflikt mit unklaren weltwirtschaftlichen Auswirkungen auslösen. Mittel- bis langfristig wird die US-Wirtschafts- und Handelspolitik ein wichtiger Faktor für Schwellenländer bleiben, denn protektionistische Tendenzen aus den USA haben unmittelbare Auswirkungen auf das Wachstum der Schwellenländer. Deshalb macht sich genau diese Ländergruppe für eine Fortsetzung von Globalisierung und institutioneller Vernetzung, z.B. beim Treffen der BRICS-Staaten Anfang September im chinesischen Xiamen, stark.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, in dem die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Abbildung 1: „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex (Dezember 2012 bis heute)

Das Länderbarometer für Brasilien ist im vergangenen Monat spürbar zurückgegangen. Der Wert reduzierte sich von 36,1 auf 30,8 Indexpunkte und wurde dabei von vielen Faktoren getragen. Die brasilianischen Börse Bovespa legte im August einen achtprozentigen Zuwachs hin. Auch das für Brasilien wichtige Exportgut Eisenerz verteuerte sich im August um fünf Prozent und hilft bei der Stabilisierung der brasilianischen Stresswerte. Dennoch ist eine gewisse Skepsis angebracht. Das Wirtschaftswachstum betrug im zweiten Quartal lediglich 0,3 % YoY. Auch die Arbeitslosenquote von 12,8 % verharrt auf einem hohen Niveau. Insgesamt wird die Entspannung in den brasilianischen Stresswerten maßgeblich von der erfreulichen Weltkonjunktur getragen.

Auch Indien konnte seinen Stabilisierungskurs fortsetzen. Das Länderbarometer für das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt gibt mit gegenwärtig 43,1 einen leicht reduzierten Indexwert wieder. Hierfür trug maßgeblich die Rohstoffpreisentwicklung bei. Während die Weltmarktpreise für die indischen Exportgüter Reis, Mais und Tee ohne große Änderungen blieben, lässt vor allem der Ölpreisrückgang die indischen Stresswerte zurückgehen. Die Konjunkturentwicklung Indiens enttäuschte jedoch zuletzt. Das Wirtschaftswachstum blieb im ersten Quartal mit 5,7 % einen Prozentpunkt hinter den Erwartungen zurück. Knapp ein Jahr nach der chaotisch organisierten Bargeldreform werden ihre wirtschaftlichen Auswirkungen deutlich sichtbar.

Die Stresswerte der Türkei gingen ebenfalls zurück. Unser Länderbarometer sank um fast 5 Indexpunkte auf 25,7. Niedrige Ölpreise, eine erfreuliche Kursentwicklung an der Istanbuler Börse und eine gegenüber dem US-Dollar stark aufwertende Türkische Lira, die sich momentan auf einem Acht-Monatshoch befindet, lassen die Risikowerte abnehmen. Auch konjunkturell werden diese Entwicklungen reflektiert. So stieg das Verbrauchervertrauen zuletzt auf ein Fünf-Jahreshoch und die rapide Inflationsentwicklung der letzten Monate ging auf unter 10,0 % zurück. Insgesamt hat sich die Wirtschaftsentwicklung zumindest kurzfristig etwas aufgehellt.

Die Krisenanfälligkeit Indonesiens hat im vergangenen Monat weiter abgenommen. Unser Länderindex ging von 43,4 auf 40,2 Indexpunkte zurück. Der Pazifikstaat profitiert hierbei von einer Stabilisierung auf breiter Basis. Die anziehenden Kohlepreise, eine robuste Wechselkursentwicklung und unveränderte Anleihespreads lassen die länderspezifischen Risiken abnehmen.

Als einziges Land im Schwellenländer-Krisenbarometer haben sich die Stresswerte für Russland im August erhöht. Ursächlich hierfür sind die niedrigen Weltmarktpreise für Rohöl und Erdgas. Andere Fundamentalfaktoren wie die russische Börse und die Anleihespreads entwickelten sich positiv, konnten den Rückgang der Rohstoffpreise jedoch nicht ausgleichen. Der Anstieg des Länderindex um einen Indexpunkt auf ein Niveau von 37,7 fiel dabei insgesamt moderat aus.

Den größten Rückgang im Schwellenländer-Barometer konnte China verzeichnen. Der Länderindex ging binnen eines Monats um fast 10 Punkte auf 34,4 zurück. Diese sprunghafte Entwicklung wird vor allem in der Wechselkursentwicklung des chinesischen Renminbis getragen, der im zurückliegenden Monat gegenüber dem US-Dollar um fast 4,0 % aufwerten konnte. Als größter Rohölimporteur der Welt unterstützen die niedrigen Ölpreise die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft. Auf konjunktureller Seite konnten die chinesischen Einkaufsmanagerindizes ihr Niveau jenseits der Expansionsmarke von 50 ausbauen. So stieg der Caixin Index für das Verarbeitende Gewerbe im August auf 51,6 Indexpunkte.

Abbildung 2: „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes
    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100
  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • wichtigste Rohstoffe
    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex. Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.