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Gerade der Pflegebereich hat viel Potenzial (© Getty Images)
Studie Healthcare
13.09.2017

Prävention ist in der Gesundheitswirtschaft mehrfach ein lohnendes Thema. Wer auf gesundheitliche Vorsorge und Früherkennung achtet, erhält sich nicht nur bis ins hohe Alter eine hohe Lebensqualität. Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht sind die Effekte enorm. Denn gerade im hohen Alter steigen die Pro-Kopf-Kosten für Gesundheit rapide. Die HSH Nordbank hat in ihrer Studie zur Gesundheitswirtschaft (eine Leseprobe finden sie hier) auch das Themenfeld Prävention und Früherkennung eingehender betrachtet. UP Nord sprach mit dem Autoren der Studie, Thomas Miller, Executive Director Research der HSH Nordbank AG, über den Wachstum und die Perspektiven der Branche.

Gesundheitsexperte: Thomas Miller, Executive Director Research der HSH Nordbank AG (© HSH Nordbank)

Seit Jahren nimmt die wirtschaftliche Bedeutung der Gesundheitswirtschaft zu. Was sind die Gründe dafür?

Thomas Miller: Heute wird jeder achte Euro in Deutschland in der Gesundheitsbranche verdient. Sieben Millionen Menschen haben dort ihren Arbeitsplatz; das sind 16,1 Prozent des deutschen Arbeitsmarktes. Bereits heute ist ihre Bedeutung damit immens, und aller Voraussicht nach wird sie weiter überdurchschnittlich wachsen. Das liegt zum einen an der älter werdenden Bevölkerung und damit an der zunehmenden Zahl und Schwere von Krankheiten. Zum anderen genießt Gesundheit für immer mehr Menschen höchste Priorität, und sie geben entsprechend viel Geld dafür aus. Sie wird so immer mehr zu einem Teil des „Lifestyle“, mit dem auch Ernährung, Sport und Reisen zu einem allgemeinen Wohlgefühl, höherer Lebensqualität, Fitness und Mode verbunden werden.

Werden die Leistungen immer teurer oder werden immer mehr Leistungen wahrgenommen?

Thomas Miller: Preissteigerungen gibt es – aber nicht notwendigerweise überall. Der Wachstumsimpuls kommt ganz klar über die Verbreiterung des Angebots von Produkten und Leistungen. In vielen Fällen erobert eine Leistung, wie zum Beispiel die Genom-Sequenzierung zur gezielten Prävention, erst nach Unterschreiten einer bestimmten Preisschwelle den Massenmarkt. Dann explodiert – wie bei vielen technologischen Neuerungen – das Wachstum. Wesentlicher Treiber dieser Dynamik ist jedoch auch in so einem Fall die generell hohe Nachfrage nach Gesundheitsleistungen.

Verläuft der Aufschwung gleichmäßig über alle Bereiche der Branche?

Thomas Miller: Oberflächlich betrachtet ähneln sich die Wachstumsraten der Sektoren Krankenhaus, Pflege, Pharmaunternehmen und Medizintechnik tatsächlich. Doch dahinter sind grundsätzlich andere Dynamiken am Werk. Die Vergütungs- und damit auch Geschäftsmodelle unterscheiden sich deutlich. Man kann die Bereiche also nicht über einen Kamm scheren. Zudem hat jeder Sektor mit eigenen Herausforderungen zu kämpfen: Zum Beispiel fehlende Mittel für Innovationen bei Krankenhäusern, der hohe Innovationsdruck in der Pharmaindustrie, der Konsolidierungsdruck in der Pflege oder die Herausforderungen beim Export von Medizintechnik.

Die Menschen werden immer älter. Heißt das, die Branche wächst immer weiter?

Thomas Miller: Die Umformung der Alterspyramide in Deutschland bedeutet tatsächlich, dass wir überproportional mehr für Gesundheit ausgeben werden. Natürlich ist irgendwann die Grenze des Wachstums erreicht. Eine Volkswirtschaft kann kaum dauerhaft mehr als 15 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Gesundheit ausgeben. Wir müssen also entweder Kosten senken, Leistungen abbauen – oder erfolgreicher Prävention betreiben.

Die Gesundheitsbranche wächst, vielen kleinen Arztpraxen geht es aber nicht gut. Wie passt das zusammen?

Thomas Miller: Gerade Ärzte in ländlichen Gebieten haben es oft schwerer als die Kollegen in Ballungsräumen. Mehr und mehr Menschen ziehen in die Stadt, entsprechend weniger Patienten gibt es. Noch dazu gehen Krankenhäuser verstärkt dazu über, mit „Satellitenstationen" ebenfalls ambulante Versorgung anzubieten. Damit können Ärzte nur schwer mithalten.

Spielt die Gesundheitsbranche auch beim deutschen Export eine Rolle?

Thomas Miller: Sie ist sogar eine der wichtigsten Exportbranchen mit 8,2 Prozent der deutschen Gesamtexporte 2016. Noch dazu wachsen Gesundheitsexporte stärker als der Durchschnitt: von 2005 bis 2016 jährlich um 7,4 Prozent. In diesem Zeitraum haben sie sich also mehr als verdoppelt.

Wie sind die wirtschaftlichen Perspektiven für die Gesundheitswirtschaft?

Thomas Miller: Wir sehen den Gesundheitssektor weiterhin als Wachstumsmotor für die deutsche Wirtschaft. Natürlich gibt es auch in dieser Branche Herausforderungen. Wir brauchen mehr Innovationen, sonst drohen deutsche Unternehmen den Anschluss zu verlieren, insbesondere an die USA. Dazu sind Investitionen notwendig. Das gilt für alle Sektoren, aber insbesondere für Krankenhäuser. Dazu kommt, dass wir ab Mitte nächsten Jahres eine Infrastruktur für den sicheren digitalen Datenaustausch zwischen den Sektoren haben werden. Das ist ein großer Fortschritt, aber um daran teilnehmen zu können, müssen Leistungserbringer investieren. Trotz dieser Herausforderungen: Insgesamt kann die Gesundheitswirtschaft zuversichtlich nach vorne schauen.

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