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Mit der Pleite der Lehman-Bank nahm die Finanzkrise ihren Lauf (© Getty Images)
Lehman-Pleite 2007
05.09.2017

Der ehemalige Weltbank-Präsident Kaushik Basu über die Lehren aus der Wirtschaftskrise, die vor zehn Jahren begann. Der Ökonomie-Professor sagt, dass wir in einer komplexer werdenden Welt zunehmend von Experten abhängig sind, die ihr Know-how nicht nur dazu nutzen, den allgemeinen Herausforderungen zu begegnen, sondern auch, um ihre eigenen Interessen zu fördern.

Vor zehn Jahren erhaschte die Welt die ersten klaren Signale einer Wirtschaftskrise, die sich ein Jahr später voll entfalten und jene Art wirtschaftlicher Not verursachen sollte, wie man sie seit der Großen Depression der 1930er Jahre nicht mehr erlebt hatte. Die tiefe Rezession, die auf den Beinahe-Zusammenbruch des globalen Finanzsystems 2008 folgte, überraschte fast alle – einschließlich der Experten, die mutmaßlich am besten aufgestellt waren, sie kommen zu sehen.

Im November 2008, weniger als zwei Monate nach dem Scheitern der US-Investmentbank Lehman Brothers, fragte eine sichtlich aufgebrachte Königin Elizabeth II. bei einem Besuch der London School of Economics: „Warum hat das niemand bemerkt?“

Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts wurden eine Reihe von Antworten auf diese Frage angeboten; dabei wurden die Fachleute der Arroganz oder Komplizenschaft beschuldigt oder schlicht als überbewertet eingestuft. Und der Kontext war düster: Millionen von Arbeitsplätzen gingen verloren, und die Bilanzen schrumpften. Das private Vermögen der Königin selbst war seit Beginn der Krise um 25 Millionen Pfund gefallen (wenn auch von einem sehr hohen Ausgangswert aus).

Nun, mit einem Abstand von zehn Jahren zur Krise, sind wir möglicherweise besser in der Lage, Königin Elizabeths Frage zu beantworten. Doch müssen wir zunächst die Herausforderungen, vor denen Ökonomen und Finanzexperten in der heutigen Welt stehen, allgemeiner betrachten. Diese Herausforderungen sind vielen nach wie vor unklar, und zwar Kritikern der zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaften genauso wie ihren Verteidigern.

(© TU Graz)

(© TU Graz)

Das erste Problem ist, dass es bei bestimmten Arten wirtschaftlicher Phänomene – wie etwa Finanzrezessionen, Börsenstürze oder Wechselkursschwankungen – logisch unmöglich ist, weit im Voraus zuverlässige Prognosen abzugeben. Das heißt nicht, dass niemand einen Crash vorhersehen kann, sondern vielmehr, dass niemand für diese Fähigkeit bekannt sein kann. Hat jemand einen derartigen Ruf, können sich seine Vorhersagen zu selbsterfüllenden Prophezeiungen entwickeln: Sagt diese Person beispielsweise einen Crash an den Aktienmärkten vorher, fangen alle an, ihre Aktien abzustoßen, was das vorhergesagte Ergebnis herbeiführt.

Ein zweites Problem der Fachkompetenz ergibt sich aus der Tatsache, dass es nicht immer im Interesse der Experten liegt, aufzudecken, was sie wissen und was nicht. Die meisten Menschen geben gern mit ihren Fachkenntnissen an und übertreiben dabei vielleicht, wie weit diese reichen.

Natürlich macht das Experten nicht wertlos. Als ich beispielsweise Berater der indischen Regierung war, wurde die Entscheidung getroffen, einen Teil des 3G-Lizenzen zu veräußern. Einige von uns argumentierten, dass die Regierung professionell konzipierte Auktionen nutzen sollte – ein Bereich, wo die Ökonomen über mit Ingenieuren vergleichbare Kenntnisse verfügen –, statt dieses Vermögen zu einem vorab festgelegten Preis zu verkaufen. Die politische Führung Indiens hörte zu, und die Lizenzen, die von der Verwaltung mit sieben Milliarden Dollar bewertet worden war, wurden für erstaunliche 15 Milliarden Dollar veräußert.

Doch es gibt eine Menge Bereiche, in denen das Wissen der Ökonomen hochgradig ungenau ist und mit wichtigen Einschränkungen einherkommt, was möglicherweise nicht völlig verstanden wird. Dies kann daran liegen, dass Entscheidungsträger bewusst nicht hinhören, aber auch daran, dass die Ökonomen selbst die Risiken nicht offen ansprechen.

Dieses Risiko ist in einer Welt, in der uns der wissenschaftliche und technologische Fortschritt in unbekanntes Gebiet führt, besonders ausgeprägt. Die Entscheidungen, die in Reaktion auf bestehende Entwicklungen getroffen werden müssen – solche, die mit der Beschaffenheit der Welt in Verbindung stehen oder solche, die wir selbst hervorgebracht haben –, erfordern möglichst viele präzise Informationen.

Die zunehmende Komplexität spiegelt sich in der zeitgenössischen Justiz und Politik wider. Es ist heutzutage gang und gäbe, dass Menschen Verträge schließen, die so lang und verworren sind, dass die Unterzeichner nicht wissen, was sie beinhalten. (Dies war ein wichtiger Faktor, der zur Krise mit Subprime-Hypotheken in den USA beitrug, welche die globale Wirtschaftskrise und die sich anschließende Große Rezession anheizte.) In gleicher Weise intervenieren die Notenbanken in einer Weise, die von jenen, die davon am stärksten betroffen sind, nur schlecht verstanden werden.

Das Ergebnis ist, dass wir zunehmend von Experten abhängig sind. Und die Experten nutzen ihr Know-how dann gegebenenfalls nicht nur dazu, den vor uns liegenden Herausforderungen zu begegnen, sondern auch, um ihre eigenen Interessen zu fördern.

Dies ist ein uraltes Problem. Im 17. Jahrhundert wurde der Ökonom und Investor Sir William Petty beauftragt, weite Flächen Armeelandes in Irland, die großteils brachlagen, zu vermessen. Er leistete gute Arbeit und setzte dabei einige wirklich innovative Methoden ein. Aber er besaß am Ende zugleich einen Großteil des Landes, das er vermessen hatte, selbst.

Dieses „Petty-Problem“ dürfte sich noch verschärfen, je mehr die Komplexität der Welt – und damit ihre Abhängigkeit vom Expertentum – zunimmt. Es wird nicht dazu beitragen, die Experten bei der Normalbevölkerung beliebt zu machen. Schon jetzt erleben weite Teile der Welt – von den USA bis nach Indien – eine steile Zunahme rechtspopulistischer Stimmungen, die zumindest teilweise im Misstrauen gegenüber den Experten wurzeln.

Es ist nicht ohne Weiteres klar, wie sich das Petty-Problem lösen lässt. Aber wir müssen seine Existenz anerkennen – und erkennen, dass es aufs Engste mit der hohen und weiter steigenden Ungleichheit in weiten Teilen der Welt verbunden ist. Zudem müssen wir die Ungleichheit frontal in Angriff nehmen, indem wir die Kluft zwischen den besonders Reichen und den besonders Armen begrenzen. Wenn es beispielsweise für einen CEO unmöglich wird, mehr als ein bestimmtes Vielfaches dessen zu verdienen, was ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in seinem Unternehmen bezahlt bekommt, wird der Einfallsreichtum des CEO, soweit er in Richtung unverfälschter Selbstbereicherung zielt, an seine Grenzen stoßen.

Natürlich sind Deckelungen bei der Vergütung von Führungskräften im Kampf gegen die Ungleichheit ein Vorgehen nach der Holzhammermethode. Doch eine nuanciertere Politik – die häufig auf der fehlgeleiteten Annahme beruhte, dass man den Unternehmen zutrauen oder sie dazu anhalten kann, sich selbst zu regulieren – ist gescheitert. Die Zeit ist reif für Maßnahmen, die jeder verstehen kann.

©Project-Syndicate

Zur Person

Kaushik Basu ist ehemaliger Chefökonom der Weltbank. Er ist Professor für Ökonomie an der Cornell University.

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