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Der Euro sticht derzeit den Dollar aus (© Getty Images)
Fokus
11.08.2017

„Während die politischen Entwicklungen den Euro unterstützen, bekommt der US-Dollar von dieser Seite kräftig Gegenwind“, sagt Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank

Der Euro hat sich aus seiner Handelsspanne von rund 1,05 bis 1,15 gegenüber dem US-Dollar gelöst, nachdem das Währungspaar über den Jahreswechsel hinaus nahe der Parität notiert hatte. Der Kurswechsel ist auf eine ganze Reihe von Faktoren zurückzuführen.

Zunächst fast ein bisschen unbemerkt ist der Euro gegenüber dem US-Dollar aus seiner lange geltenden Handelsspanne von rund 1,05 bis 1,15 ausgebrochen und notiert aktuell erstmals seit Anfang 2015 wieder oberhalb von 1,17. Die Aufwärtsbewegung der Gemeinschaftswährung setzte schon im April ein, doch erst im Juli konnte die benannte Handelsspanne verlassen werden. In der Spitze lief die Aufwertung des Euro kurzzeitig sogar auf über 1,19, doch zuletzt sind die Zugewinne wieder etwas abgebröckelt. Was hat zu dieser Neueinschätzung des Währungspaares geführt, nachdem sich das Kursverhältnis über den Jahreswechsel hinaus noch nahe bei der Parität bewegt hatte?

Ein Grund ist, dass sich die Erwartungen hinsichtlich der zukünftigen Geldpolitik von EZB und Fed geändert haben. Ein Blick zurück: Die Fed hat ihr Anleiheankaufprogramm 2014 beendet und Ende 2015 einen Zinserhöhungszyklus begonnen, in dessen Folge sie das Zielband für ihren Leitzins bereits vier Mal auf derzeit 1,00 bis 1,25 % angehoben hat. Die letzte Zinsanhebung ist im Juni erfolgt und für 2017 ist von der Notenbank noch eine weitere in Aussicht gestellt worden. Zudem beabsichtigt die Fed relativ zeitnah, ihre Bilanz zu normalisieren, die sich im Zuge der umfangreichen Anleiheankäufe auf 4,5 Billionen US-Dollar aufgebläht hat. Im deutlichen Gegensatz zur Straffungspolitik der US-Notenbanker stand lange Zeit die ultralockere Geldpolitik der EZB. Diese hatte ihren Leitzins auf 0,00 % gesenkt, kauft Monat für Monat weiterhin Anleihen an und Zinserhöhungen ihrerseits liegen noch in weiter Ferne. Die sehr unterschiedliche Ausrichtung der beiden Notenbanken hatte den Kurs von EUR/USD fast auf die Parität sinken lassen.

Doch nun haben die Notenbanken neue Signale gesendet: Die Inflationsentwicklung in den USA läuft nicht so, wie sich die Fed das vorstellt. Der Preisindex für die Konsumausgaben (PCE Kernrate) lag zuletzt bei 1,50 % und damit deutlich unter der Zielmarke von 2,00 %. Der in den Augen der Fed zu geringe Preisauftrieb könnte zu einer langsameren Gangart bei den Zinsanhebungen führen. Gleichzeitig signalisiert die EZB eine allmähliche Reduzierung ihrer Anleiheankäufe, die konkrete Ankündigung dafür könnte im Herbst erfolgen. Höhere Leitzinsen sind immer noch kein Thema für die EZB, doch das in Aussicht gestellte Tapering in der Eurozone hat zusammen mit dem möglicherweise flacher verlaufenden Zinserhöhungskurs in den USA den Euro gegenüber dem US-Dollar beflügelt.

Ein Blick auf die Markterwartungen – gemessen an den Fed Funds Futures – in Bezug auf den Leitzinspfad in den USA zeigt jedoch keine fundamental neue Einschätzung der Marktteilnehmer. Die Markterwartungen schwanken kaum verändert für das Jahresende 2017 bei rund 1,20 %. Das ist im Vergleich zum jetzigen Zinsniveau noch nicht einmal ein Zinsschritt. Für das Jahresende 2018 haben sich die Erwartungen ebenfalls wenig geändert: Sie liegen bei knapp 1,50 %, womit der Markt bis dahin noch nicht einmal mit zwei weiteren Zinsschritten rechnet. Nur im Anschluss an die US-Präsidentschaftswahl im November hatte der Markt seine Erwartungen für das US-Leitzinsniveau angehoben. Allerdings ist die große Frage, ob nicht die Marktteilnehmer die Geschwindigkeit der Zinserhöhungen unterschätzen, denn der von der Fed prognostizierte Zinspfad ist wesentlicher höher als die Markterwartungen.

Die geänderten Erwartungen an die Geldpolitik sind allerdings nur ein Faktor bei der Aufwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar. Denn auffällig ist, dass diese ihren Ausgangspunkt im April hatte; dem Monat, in dem die französische Präsidentschaftswahl mit dem ersten Wahlgang startete. Die Wahl konnte letztlich Emmanuel Macron gewinnen. Damit hat sich in Frankreich ein europafreundlicher Kandidat durchgesetzt, der für Kontinuität in den europäischen Beziehungen sorgen dürfte. Entsprechend haben sich mit dem Wahlausgang die politischen Risiken in der Eurozone reduziert. Auch von ökonomischer Seite bekommt der Euro Unterstützung. Der Aufschwung in der Eurozone, der seit dem zweiten Quartal 2013 zu beobachten ist, gewinnt sowohl auf Sektoren- als auch auf Länderebene an Breite. Insgesamt hat das Vertrauen der Investoren in die Eurozone und die Fähigkeit, die eigenen Probleme lösen zu können, wieder zugenommen, was dem Euro Aufwind gibt.

Während die politischen Entwicklungen den Euro unterstützen, bekommt der US-Dollar von dieser Seite kräftig Gegenwind. Die Schwäche der neuen US-Regierung, an die große Erwartungen geknüpft waren, und der politische Stillstand in den USA werden immer offensichtlicher. Die von Donald Trump anvisierten Reformen – Infrastrukturinvestitionen, Steuer- und Gesundheitsreform – werden immer unwahrscheinlicher und führen nicht zu einer ordentlichen Ankurbelung des Wirtschaftswachstums, auf die viele Marktteilnehmer ihre Hoffnungen gesetzt hatten. Darüber hinaus tobt ein Machtkampf im Weißen Haus, der jede inhaltliche Ausrichtung nahezu unmöglich macht. Die Unklarheit darüber, wie die Zukunft der USA aussieht, nimmt zu, was den US-Dollar belastet.

Was bedeutet diese Gemengelage für die weitere Entwicklung von EUR/USD?

Handelt es sich bei der Aufwärtsbewegung nur um einen kurzfristigen Abstecher in solche Regionen oder hat sich das Austauschverhältnis nachhaltig auf höhere Niveaus verschoben? Wir gehen nicht davon aus, dass das Währungspaar abstürzt und die Parität wieder in Reichweite gerät. Dafür präsentiert sich das Umfeld für die Eurozone momentan als zu stark, während in den USA das politische Chaos dominiert. Rücksetzer für EUR/USD sind allerdings nicht auszuschließen.

Die US-Regierungskrise könnte sich als der entscheidende Faktor für das Währungspaar auf kürzere Sicht erweisen. Eine Zuspitzung der Krise dürfte den Euro gegenüber dem US-Dollar weiter aufwerten lassen und das Währungspaar in Richtung 1,20 und möglicherweise sogar darüber hinaus klettern lassen. Als weiterer Risikofaktor für den US-Dollar ist die notwendige Anhebung der Schuldenobergrenze in den USA Ende September zu benennen, auf die sich Demokraten und Republikaner einigen müssen.

Allerdings ist auch nicht damit zu rechnen, dass EUR/USD weit über die 1,20 hinaus ansteigt. Eine solche Aufwertung des Euro dürfte der EZB ein Dorn im Auge sein, denn Importe in die Eurozone werden dadurch günstiger, womit es zu einer importierten Deflation kommt, die die Notenbank unter allen Umständen vermeiden möchte. Die Inflationsrate hat sich in der Eurozone nur ganz langsam von der Nulllinie entfernt und liegt derzeit bei 1,3%, immer noch deutlich unterhalb des Preisziels der EZB bei knapp 2%. Die ultralockere Geldpolitik dient dazu, über eine Stimulierung der Wirtschaft die Inflationsraten wieder in die Nähe der 2%-Marke zu bringen. Ein stetig aufwertender Euro konterkariert diese Politik, daher dürfte die Notenbank bei einer fortgesetzten schnellen Aufwertung und/oder EUR/USD-Niveaus deutlich oberhalb der 1,20 verbal intervenieren.

Längerfristig, das heißt zum Jahresende, könnte das Währungspaar niedriger notieren, da sich wieder stärker die Erkenntnis am Markt durchsetzen sollte, dass die Fed ihren Zinsanhebungskurs fortsetzt und ihre Bilanz normalisiert, während die EZB gerade einmal anfangt, ihre Anleihekäufe zu reduzieren, während an ihrer Nullzinspolitik noch nicht gerüttelt wird. Für eine nachhaltige Aufwertung des Euro oberhalb der Marke von 1,20 ist die geldpolitische Ausrichtung auf beiden Seiten des Atlantiks einfach zu unterschiedlich.