SUCHE

Die neue Kantine des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ (©DER SPIEGEL/Zooey Braun)
Corporate Architecture
09.08.2017

Corporate Architecture gewinnt an Bedeutung. Was mit dem Foyer begann, findet nun mit der Kantine seine Vollendung.

Der Möbelhersteller Vitra residiert in Weil am Rhein im 1989 gebauten Factory Building des Stararchitekten Frank Gehry. Mit ihren zahlreichen schwarz eingefassten Leuchten und Tischen aus hellem Holz kann sich auch die von der Schweizer Architektin Aurélie Blanchard konzipierte und für 180 Gäste ausgelegte Kantine des Unternehmens an höchsten Ansprüchen in puncto Design messen lassen. Von einem auf hochpreisige Möbel ausgerichteten Unternehmen erwartet man quasi von vornherein ein gelungenes Interieur in den Betriebsräumen. Doch auch eine zunehmende Zahl von Firmen und Dienstleistern aus Industrie und Handel, die vordergründig nichts mit Design zu tun haben, setzt auf Corporate Architecture. „Das Bewusstsein für dessen Wert ist zumindest in fortschrittlichen Unternehmen spätestens seit den frühen 2000er-Jahren vorhanden“, sagt Dr. Alexander Gutzmer, Chefredakteur des Architekturmagazins Baumeister und Professor für Medien und Kommunikation an der Quadriga Hochschule in Berlin. Gutzmer attestiert den Unternehmen ein wachsendes Verständnis dafür, dass Architektur nicht nur schmückendes Beiwerk ist, sondern die Kreativität in Unternehmen real verbessern kann. Dafür müssten Architekten und Bauherren aber ganz eng zusammenarbeiten. „Von den Architekten ist gefordert, sich in die realen Wertschöpfungsprozesse von Unternehmen und Branchen hineinzudenken“, sagt Gutzmer.

Nach dem Eingangsbereich, der traditionellen Visitenkarte eines Unternehmens, rückt bei den Unternehmen jetzt auch die Kantine ins Bewusstsein. Dies hängt Gutzmer zufolge auch mit der Transformation der Arbeit zusammen. „Kreativität in Unternehmen entsteht dort, wo eingefahrene Strukturen gedanklich verlassen werden können. Es braucht Orte, an denen unterschiedliche Hierarchieebenen und Themenbereiche zwanglos, gerne auch zufällig zusammen treffen. Kantinen und Cafés sind solche Bereiche.“

Dabei erschöpft sich die Umgestaltung nicht nur auf das Interieur. Damit die Kantine als wertvoll wahrgenommen wird, müssen auch die Speisen mit dem hohen Anspruch mithalten. Bei den Mitarbeitern rangiert Frische an erster Stelle, zudem muss bei den Zutaten für Abwechslung gesorgt werden. Tischdecken und gutes Besteck gelten heute in Kantinen nicht mehr als Luxus.

„Bloße neutrale Futterverteilstellen braucht heute niemand mehr.“

Dr. Alexander Gutzmer, Chefredakteur des Architekturmagazins Baumeister

Nicht vergessen werden darf, dass Kantinen Orte der Kommunikation sind. So nutzen Firmen wie Beiersdorf die Kantine ganz bewusst als Ort des Netzwerkens. Entscheidend für die Gestaltung ist, auch Bereiche für informellen Austausch zu schaffen. „Gerne darf die Architektur Reibungspunkte setzen“, sagt Gutzmer. „Bloße neutrale Futterverteilstellen braucht heute niemand mehr“.

Davon hat sich die Kantine des Modehauses Hugo Boss in Metzingen weit entfernt. Auf 500 Quadratmetern finden sich hier die Mitarbeiter in einem lichten Raum ein. An den Wänden hängen Kunstwerke, die Tische und Bänke aus Eichenholz wirken einladend. Eine Augenweide ist die Kantine des Sanitärkonzerns Geberit in der Nähe von Zürich. Spezielle Leuchten und hochwertige Materialen bei Tischen und Stühlen schaffen hier die Atmosphäre eines französischen Bistros. Die Qualität von Besteck und Gläsern sind denen in guten Restaurants ebenbürtig.

Viele Planer der modernen Kantinen sehen die legendäre Kantine des Hamburger Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ als Vorbild an. Der psychedelische Entwurf des dänischen Architekten Verner Panton ist heute im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu bestaunen. Seit dem Umzug in die Ericusspitze präsentiert sich die neue Kantine des Medienhauses im schlichten Futurismus. Über 4000 Aluminiumteller reflektieren schimmernd das Licht und schaffen eine Optik, die an Wasser anspielt. Die anspruchsvolle Gestaltung zielt darauf ab, dass sich die Redakteure bewusst eine Auszeit nehmen können – was auch schon in der alten Spiegel-Kantine möglich war.

„Verner Panton hatte hier ein faszinierendes Stück Innenarchitektur geschaffen, das den Geist seiner Zeit auf faszinierende Weise festgehalten und, wenn Sie mir den Sprachwitz gestatten, gespiegelt hat“, sagt Gutzmer. Kopieren könne man diesen Entwurf nicht. „Wovon sich Unternehmen aber eine Scheibe abschneiden können, ist die Konsequenz, mit der Panton und sein Auftraggeber damals vorgegangen sind.“

Das Fazit des Architekturexperten: Wer heute seinen Mitarbeitern eine Kantine baut, sollte den Mut haben, mit guten Architekten wirklich ein Stück eigenständige Architektur mit Charakter zu schaffen. Die Architektur ist jedoch kein Allheilmittel bei der Gestaltung einer modernen Kantine. Sie wird zur leeren Hülle, wenn es keine kommunikative Atmosphäre gibt oder die Speisen nicht schmecken. Damit eine Kantine zur Visitenkarte eines Unternehmens wird, müssen all diese Faktoren zusammenkommen.

Zur Person

Dr. Alexander Gutzmer ist Chefredakteur des Architekturmagazins Baumeister und Professor für Medien und Kommunikation an der Quadriga Hochschule, Berlin. Mit seinem Verlag (Callwey) plant er momentan einen Kongress zum Verhältnis von Architektur und innovativer Unternehmenskultur. Im Jahr 2015 erschien von ihm das Buch „Architektur und Kommunikation. Zur Medialität gebauter Wirklichkeit“

Auch interessant:

Arbeitsorganisation

Agil zum Erfolg

20.07.2017 Ursprünglich für die Softwarebranche entwickelt, nutzen zunehmend auch Unternehmen anderer Branchen agile Methoden.

Weiterlesen
Meeting-Design

Die drei größten Fehler bei Manager-Tagungen

27.06.2017 Unternehmensberater Jürgen Bock rät dazu, Veranstaltungen für Führungskräfte wie Kunstwerke zu inszenieren.

Weiterlesen