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Fütterungsroboter beim Einsatz im Stall (© Getty Images)
Landwirtschaft
10.07.2017

Bereits jeder zweite Landwirt nutzt digitale Anwendungen. In Zukunft sollen autonome Feldroboter, Drohnen und fahrerlose Traktoren für Arbeitserleichterung sorgen.

Die Landwirtschaft steht vor einem gewaltigen Entwicklungssprung. Die Digitalisierung werde in den kommenden Jahren zu erheblichen Produktivitätsfortschritten führen, prognostizieren Experten. Das hat große Auswirkungen auf die weltweite Lebensmittelproduktion, die sich analog zur steigenden Weltbevölkerung erhöhen muss. Doch mit dem verstärkten Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden lassen sich die Erträge kaum noch steigern, da die Aufnahmefähigkeit vieler Pflanzen an Grenzen kommt. Sinnvoller ist der technologisch gesteuerte gezielte Einsatz durch digitale Anwendungen.

Bessere Ernten, mehr Ertrag, sinnvolle Flächennutzung – all dies soll „Smart Farming“ ermöglichen. Einer repräsentativen Befragung vom Digitalverband Bitkom und Deutschem Bauernverband (DBV) zufolge nutzt bereits jeder zweite Landwirt digitale Anwendungen. Diese unterstützen Tierzucht, Ackerbau und Futterherstellung. So arbeiten Landmaschinen auf dem Acker GPS-gestützt und sensorgesteuert. Landwirte können die Entwicklung und Nährstoffversorgung von Pflanzen genau verfolgen und steuern. Digitale Technik in den Ställen erfasst die Gesundheits- und Leistungsdaten jedes Tieres, die zum Teil bereits von Fütterungsrobotern versorgt werden. 51 Prozent der Landwirte in Deutschland nutzen bereits Methoden der tierindividuellen Fütterung. So kann ein digitaler Fütterungsautomat erkennen, ob bestimmte Tiere zu wenig fressen – ein möglicher Hinweis auf eine Krankheit. In Zukunft soll die Digitalisierung den Agrarsektor noch stärker prägen – autonome Feldroboter, Drohnen und fahrerlose Traktoren sollen dann für Arbeitserleichterung sorgen.

Marktpotenzial von 240 Milliarden US-Dollar

Mit Smart Farming steht den Unternehmen, die dazu Produkte oder Dienstleistungen beisteuern, ein großes Geschäft in Aussicht. Goldman Sachs schätzt das Marktpotenzial auf 240 Milliarden US-Dollar. Marktbeobachter sehen auch die geplante Übernahme des US-Agrarkonzerns Monsanto durch Bayer vor diesem Hintergrund. Für die Deutschen ist Monsantos Digitalplattform „Field View“ der Tochterfirma Climate Corp., die Bilder und Daten über Bodenbeschaffenheit analysiert und den Einsatz von Dünger, Saatgut und Pflanzenschutzmittel optimiert, von großem Interesse. Schon 100.000 Landwirte in den USA, Kanada und Brasilien nutzen auf insgesamt 40 Millionen Hektar Anbaufläche den Dienst. Die Dynamik, mit der „Smart Farming“ in Deutschland Einzug hält, ist groß. Eine neue Generation junger, technikfreundlicher Landwirte treibt sie an. Die Probleme dürfen dennoch nicht übersehen werden. Denn die mangelnde Anbindung mit schnellem Internet ist ein echter Hemmschuh für die Digitalisierung auf dem Land.

Peter Pascher ist Geschäftsführer mehrerer Ausschüsse beim DBV (© DBV)

Fragen an Dr. Peter Pascher

Für Peter Pascher, Geschäftsführer beim Deutschen Bauernverband, sind autonome mobile Arbeitsmaschinen, Roboterschwärme und Agrardrohnen längst kein Science-Fiction-Phänomen mehr.

Welche Folgen hat die digitale Transformation für die Landwirtschaft und die Agrarbranche?

Peter Pascher: Die Digitalisierung landwirtschaftlicher Produktionsprozesse ist ein chancenträchtiger Megatrend mit großem Anwendungspotenzial für eine ressourcen- und klimaschonende Landbewirtschaftung und für Tierwohl fördernde Haltungsverfahren. Von Melkrobotern in den Milchviehställen bis hin zur Präzisionslandwirtschaft auf den Äckern finden sich Landwirte mitten in einer rasanten digitalen technologischen Entwicklung, und das weltweit.

Satelliten- und geodatengestützte Informationen zu Wetter, Bodenbeschaffenheit und zum Zustand der Pflanzen sollen dem modernen Landwirt helfen, seine Ernteerträge zu optimieren. Welche Innovationen halten Sie für die sinnvollsten?

Peter Pascher: In der Digitalisierung der Landwirtschaft liegen große Chancen, die kritische öffentliche Diskussion über moderne und nachhaltige Landwirtschaft versachlichen zu helfen. High-Tech hilft dabei, noch präziser zu wissen, was die Pflanzen an Nährstoffen und Pflanzenbehandlungsmitteln benötigen, und was die Tiere für eine bestmögliche Tiergesundheit und zu ihrem Wohlbefinden brauchen. Die Nutzenpotentiale der Digitalisierung in der Landwirtschaft sind deswegen besonders groß, weil wir es mit Natur, Tieren und Nahrungsmitteln und damit mit hochempfindlichen Gütern und Geschöpfen zu tun haben. Hier noch genauer und präziser und gleichzeitig transparenter zu werden, ist auch für die gesamte Lebensmittelkette bis zum Verbraucher von Vorteil. Das fördert den Informations- und Wissenstand über die Entstehung von Lebensmitteln und schafft Vertrauen.

Ist die Digitalisierung der Landwirtschaft überhaupt möglich, wenn man den mangelhaften Ausbau der digitalen Infrastruktur auf dem Land berücksichtigt?

Peter Pascher: Nur sehr bedingt. Die Daten eines Melkroboters zum Beispiel können vor Ort ausgewertet und nutzbar gemacht werden. Tag und Nacht über den Gesundheitszustand der Kühe über eine App informiert sein zu können, erfordert dann schon eine Mindestversorgung mit schnellem Internet. Wenn aber Maschinen mit Maschinen kommunizieren sollen, dann brauchen wir Gigabit-Übertragungsraten, Echtzeit-Geschwindigkeiten sowie sichere und störungsfreie Verbindungen, genauso wie beim autonomen Fahren oder anderen hochpräzisen Steuerungsaufgaben. Momentan sind 67 Prozent der Landwirte in Deutschland mit ihrem Internet mehr oder minder unzufrieden.

Wie werden Landmaschinen in Zukunft aussehen, sind autonom fahrende Modelle denkbar?

Peter Pascher: Autonome mobile Arbeitsmaschinen, Roboterschwärme und Agrardrohnen sind längst kein Science-Fiction-Phänomen mehr. 5G in Verbindung mit Glasfaser muss daher auch auf dem Land, mehr noch vor allem auf dem Land, zum Standard werden, wenn Landwirtschaft 4.0 gelingen soll und die weiten Entfernungen als Standortnachteil ländlicher Räume überbrückt werden sollen.

Werden in der deutschen Landwirtschaft schon Drohnen eingesetzt?

Peter Pascher: Funkgesteuerte Multicopter (Drohnen) für zivile Zwecke sind dabei, raschen Eingang in die landwirtschaftliche Praxis zu finden. Einsatzfelder mit enormen Datenmengen sind die Wildrettung (Rehkitzidentifikation) mit Infraroterkennung, Boden-, Nährstoff- und Pflanzenschutz-Monitoring und Pflanzenschutzanwendung, zum Beispiel Trichogramma-Abwurf gegen Maiszünsler.

Beinhaltet die Digitalisierung der Landwirtschaft eine Chance hin zu mehr Nachhaltigkeit?

Peter Pascher: Intelligente Roboter-, Sensor- und Satellitentechniken in der Landwirtschaft und bei den verschiedenen Verarbeitungsstufen in der Lebensmittelkette verbessern den Informations- und Wissenstand über die Lebensmittel sowie die Transparenz darüber. Die damit gleichzeitig verbundene größere Nachhaltigkeit steht außer Zweifel, nur wie viel und wie schnell „mehr Nachhaltigkeit“, das sind die aktuellen Fragestellungen, auf die Antworten gesucht werden.