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Die Börsen in China erholten sich (© Getty Images)
Schwellenländerbarometer
06.07.2017

Die Emerging Markets haben eine solide erste Jahreshälfte hingelegt und ihre wirtschaftlichen Risiken sind zurückgegangen. Gerät der Welthandel nicht aus den Fugen, geht die Wachstumsstory im zweiten Teil des Jahres weiter

Die Gruppe der Schwellenländer befindet sich weiterhin auf Entspannungskurs. Die Risiken für diese Ländergruppe bleiben auch im Juni gemessen am Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank auf einem niedrigen Niveau. Der Gesamtindex notiert gegenwärtig bei 40,1 Indexpunkten (Stand: 28.06.2017) und somit auf einem vergleichbaren Level wie zum Vormonat. Insgesamt zeigten sich die Emerging Markets hinsichtlich ihrer Krisenanfälligkeit im Juni heterogen. So konnten die Aktienmärkte in China und Indonesien im vergangen Monat Kursgewinne verzeichnen, was die Stresswerte im Länderbarometer in diesen Ländern zurückgehen ließ. Gleichzeitig gingen wichtige Weltmarktpreise für Exportrohstoffe wie Eisenerz oder Kohle zurück. In den Stresswerten in unserem Länderbarometer glichen sich diese Faktoren aus, sodass eine Stabilisierung des Indexes erfolgte. Die niedrigen Stresswerte für Schwellenländer gehen mit robusten Wachstumsaussichten einher. Das Wirtschaftswachstum der G-20 Emerging Markets wird laut einer Analyse der Ratingagentur Moody’s nach 4,4 % in 2016 auf 5,0 % in 2017 und 5,1 % in 2018 anziehen. Die Stresswerte in unserem Länderbarometer könnten sich folglich noch längerfristig auf niedrigen Werten stabilisieren.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet die Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Abbildung 1: „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

Brasilien verzeichnete im zurückliegenden Monat einen leichten Anstieg seines Stresslevels. Der Länderindex stieg von 34,5 auf 36,0 Indexpunkte, gibt dabei jedoch ein verhältnismäßig erholtes Bild wieder. Während der Rückgang am brasilianische Aktienmarkt und die Zunahme der CDS-Spreads Brasiliens belastend auf das Länderbarometer wirkte, sorgte vor allem die stabile Weltmarktpreisentwicklung für Eisenerz für Entspannung. Im stark vom „roten Gold“ abhängigen Exportland belasten die innenpolitischen Diskussionen um Staatspräsident Michel Temer den gesamtwirtschaftlichen Ausblick. Der Vorwurf der Bestechlichkeit ist inzwischen von einigen lokalen Richtern zur Anklage gebracht worden. Ob es zu einer Verurteilung oder sogar Amtsenthebung Temers kommt, wird maßgeblich durch das brasilianische Parlament entschieden. Dort besitzt der Präsident eine stabile Mehrheit.

Indes setzt Indien seinen Entspannungskurs fort. Das Länderbarometer der bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt erholt sich von 43,3 auf 41,7 Indexpunkte. Der Rückgang wird im Wesentlichen von zurückgehenden Anleihespreads und dem starken Ölpreisrückgang getragen. Günstigere Importpreise sollten der indischen Ökonomie wirtschaftspolitischen Spielraum für Reformen geben und gleichzeitig für eine moderate Inflationsentwicklung sorgen. Die Industrieproduktion konnte im letzten Monat mit 3,1 % YoY stark zulegen. Die Nachwirkungen der im November 2016 beschlossenen Bargeld-Reform und die zwischenzeitliche Lähmung der indischen Wirtschaft sind kaum noch zu spüren. Ein weiteres wesentliches Reformelement der Regierung von Premierminister Narendra Modi, eine landesweite einheitliche Mehrwertsteuer, ist zum 1.7.2017 in Kraft getreten. Bei der Umsetzung und Implementierung der Steuerreform ist jedoch von erheblichen Hindernissen auszugehen, die Wirtschaftswachstum beeinträchtigen könnten.

Auch die Türkei hat ihre Reise auf dem Entspannungspfad fortgesetzt. Das Länderbarometer sinkt von 33,4 auf 31,4 Indexpunkte. Fallende Ölpreise und der Zulauf in die türkischen Aktienmärkte haben die Stresswerte für das Land zwischen Europa und Asien zurückgehen lassen. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung ist dennoch mit Vorsicht zu genießen, da die innenpolitische Lage in der Türkei und die politische Situation in vielen Anrainerstaaten instabil sind.

Eine moderate Erhöhung im Stresslevel ist für Indonesien zu beobachten. Die Stresswerte des Pazifikstaates erhöhen sich von 44,0 auf 46,6 Indexpunkte. Besonders der Rückgang im Weltmarktpreis für das wichtige Exportgut Kohle wirkt belastend. Indonesien ist mit einem Anteil von 17,3 % an den weltweiten Exporten der zweitgrößte Exporteur des fossilen Brennstoffs. Auch der jüngste Preisverfall von Rohöl wirkt sich auf den Nettoexporteur Indonesien nachteilig aus. Der indonesische Aktienmarkt zeigte sich davon unberührt und legte im Juni um rund 1,5 % zu.

Am stärksten wurde Russland von dem Preisrückgang für Rohöl und Erdgas getroffen. Unser Länderindex steigt von 34,8 auf 38,7 Indexpunkte und wird wesentlich vom Einbruch der Rohstoffpreise bestimmt. Der russische Rubel werte in der Folge ab. Zudem stiegen die Ausfallwahrscheinlichkeiten Russlands gemessen an den CDS-Spreads an. Eine Stabilisierung der Ölpreise würde diese Entwicklung umkehren.

Die Stresswerte für China verzeichneten im zurückliegenden Monat einen moderaten Rückgang. Auch dank der erfreulichen Entwicklung der Aktienmärkte, welche im letzten Monat 1,5 % zulegen konnten, sank der Länderindex von 48,5 auf 46,1 Indexpunkte. Für die Hausse war die Entscheidung des Indexbetreibers MSCI mitverantwortlich, welcher chinesische Festlandaktien ab Juni 2018 in seinem Emerging Markets Index berücksichtigen wird. Dies hat vor allem langfristige Folgen, denn Portfoliomanager orientieren sich häufig an den Allokationen von MSCI. Die chinesischen Aktienmärkte und Shanghai und Shenzhen schlossen nach der Entscheidung auf ihren 18-monatigen Bestwerten. Zusätzlich wirkt sich auch der Ölpreisrückgang aus. China ist mit 17,3 % der Weltimporte einer der größten Nachfrager von Rohöl.

Abbildung 2: „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes
    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100
  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • wichtigste Rohstoffe
    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.