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Digitales Geld ist für Notenbanken kein Tabu mehr (© Getty Images)
Kryptowährungen
17.07.2017

RSCoin, Fedcoin und Co – Notenbanken experimentieren mit digitalen Geld, und heizen so den Boom um Bitcoin und andere Kryptowährungen weiter an.

Ein Merkmal haben nahezu alle der stark boomenden Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum gemeinsam – sie preisen sich als Alternative zu etablierten Währungen an, dem Notenbankgeld. Doch die extreme Volatilität und einige Betrugsskandale schaden dem Ruf des digitalen Geldes bis heute. Dabei hatte der unter dem Pseudonym auftretende Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto bereits 2009 in den Nachwehen der Finanzkrise mitgeteilt (The Times vom 3. Januar 2009): „Chancellor on brink of second bailout for banks." Was so viel ausdrücken soll wie: Wieder hat der Staat die Banken gerettet. Wir sind die Alternative.

Wer damals in Bitcoins investierte und sie bis heute hält, hat ein Vermögen gemacht. In sozialen Netzwerken prahlen Glückspilze derzeit mit den Wertzuwächsen ihrer Investments. Trotz des halbseidenen Images gelten die öffentlich erfolgende Verifizierung und Verbuchung der Bitcoin-Transaktionen als weitgehend sicher. Sie nutzen die Architektur der Blockchain und erfolgen dezentral von Seiten der Nutzer. Jeder von ihnen besitzt eine Nummer für seine Bitcoin-Bestände und kann damit seinen Besitz nachweisen. Die Notenbanken haben die Geringschätzung gegenüber dem digitalen Geld, das wegen seiner dezentralen Erzeugung quasi der diametrale Gegenentwurf zum eigenen Geschäftsmodell darstellt, abgelegt. Die Institute arbeiten intensiv an eigenen Kryptowährungen. Deutsche Börse und Deutsche Bundesbank tüfteln derzeit an einem Prototypen, den sie aber noch als reine Konzeptstudie verstehen. Die Bundesbank bewegt sich allerdings im Rahmen des Eurosystems, für das der „ECCoin“ bislang nur eine Hypothese ist.

Schweden und Großbritannien sind Vorreiter

Deshalb kann es kaum verwundern, dass mit der Bank of England oder der schwedischen Notenbank Institute außerhalb des Euroraums beim Thema Kryptowährungen freier agieren können. Mark Carney, Gouverneur der Bank of England (BoE), hat mit dem „RSCoin“ das erste Konzept einer großen Zentralbank mit einer digitalisierten Währung formuliert. BoE-Chefvolkswirt Andrew Haldane hat 2015 gar von Zentralbanken emittierten digitalem Geld seiner Forschungsabteilung Priorität erteilt. Auch in den USA geht die Diskussion um einen möglichen „Fedcoin“ weiter, seit sie der kanadische Finanzblogger JP Koning in einem viel zitierten Beitrag angestoßen hat.

Seine Praxistauglichkeit muss das digitale Geld aber noch unter Beweis stellen. Die Menge an Transaktionen selbst der „Hauptwährung“ Bitcoin sind im Vergleich zu denen der Notenbanken marginal. Zudem sind wegen der nötigen Prüfung der kompletten Transaktionshistorie jeder einzelnen „Münze“ derzeit nur rund sieben Transaktionen pro Sekunde möglich. Die Lösung der BoE ist eine digitale Währung mit zentraler Buchhaltung. Beim RSCoin soll das für schnellere Transaktionen sorgen, ist aber zugleich eine Abkehr von der zentralen Idee der digitalen Währungen, die Satoshi Nakamoto 2009 formulierte.


Macht digitales Geld für Notenbanken Sinn?

Antworten von Markus Vogg,

Leiter Blockchain bei der Unternehmensberatung Capgemini Consulting.

Einige Währungsbehörden der G-20-Staaten prüfen, in Zukunft elektronisches Geld herauszugeben. Ist das sinnvoll?

Markus Vogg: Grundsätzlich ja, da die Zentralbanken dadurch zum einen Erfahrungen mit der Technologie sammeln und so beispielsweise auch die Blockchain-Aktivitäten der Geschäftsbanken besser regulieren können. Zum anderen bietet elektronisches Geld auch viele Vorteile aus Sicht der Zentralbanken, wie zum Beispiel geringere Transaktionskosten, höhere Abwicklungsgeschwindigkeit, größere Transparenz und somit weniger Möglichkeiten für Korruption und Schwarzmarkttransaktionen.

Gibt es bereits Testreihen oder sogar schon konkrete Termine einer Einführung?

Markus Vogg ist Leiter Blockchain bei Capgemini Consulting

(© Capgemini Consulting)

Markus Vogg: Neben der BoE (RSCoin) gibt es ähnliche Bestrebungen auch in anderen Ländern wie USA, Kanada, China, Russland, Schweden und Singapur. Konkrete Termine einer Einführung sind bisher nicht öffentlich und hängen aller Voraussicht nach stark von den gesammelten Erfahrungen der Zentralbanken ab.

Können digitale Währungen, wie in China geplant, gesetzliches Zahlungsmittel werden?

Markus Vogg: Natürlich können digitale Währungen theoretisch auch gesetzliches Zahlungsmittel werden. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass alle Marktteilnehmer ein starkes Vertrauen in die Sicherheit und Verlässlichkeit der zugrundeliegenden Technologie haben.

Mark Carney, Gouverneur der Bank of England, gilt mit seinem RSCoin als Vordenker der Digitalisierung von Währungen. Kann der RSCoin ein Vorbild für eine mögliche europäische digitale Währung sein?

Markus Vogg: Der RSCoin der BoE war das erste Konzept einer großen Zentralbank Währungen zu digitalisieren und beinhaltet interessante Modalitäten: Die Zentralbank kann damit unter anderem die so wichtige Geldmenge weiterhin steuern. Die EZB ist also gut beraten, sich diese oder ähnliche Konzepte genau anzusehen und eine proaktivere Rolle unter den Zentralbanken einzunehmen.

Welche Rolle spielt in den Überlegungen der Höhenflug von populären digitalen Währungen wie dem Bitcoin?

Markus Vogg: Mit dem Höhenflug der größten digitalen Währungen steigt natürlich auch das Interesse der breiten Masse. Das ist grundsätzlich gut, da es das enorme Potenzial unterstreicht. Jedoch besteht auch das Risiko einer Überhitzung, so wie auch bei jeder anderen Anlageform.

Kann der Bitcoin nicht auch zu einer Verunsicherung des gesamten Geldsystems führen?

Markus Vogg: Prozentual gesehen ist das Bitcoin-Volumen weiterhin vernachlässigbar klein. Deswegen nehmen auch die Regulatoren eine abwartende Haltung ein. Gleichzeitig sind mit der Blockchain-Technologie von Bitcoin auch bestimmte Verbraucherrisiken verbunden, über die es aufzuklären gilt, wie zum Beispiel ein Verlust des privaten Schlüssels.

Wäre ein „Notenbank-Bitcoin“ vertrauenswürdiger als der Bitcoin?

Markus Vogg: Dazu lässt sich keine allgemeine Aussage treffen, da jede Währung immer nur so vertrauenswürdig ist wie die dahinterstehende Zentralbank. Dies gilt besonders wenn diese Zentralbank im Falle eines Notenbank-Bitcoins noch eine exponierte Rolle im Blockchain-Netzwerk einnimmt. Der Vorteil von Bitcoin liegt bekanntermaßen darin, dass es eben keine potenziell korrumpierbare zentrale Stelle wie zum Beispiel eine Notenbank gibt.

Die Höchstmenge des Bitcoins ist mathematisch begrenzt. Ist so etwas für Notenbanken nicht inakzeptabel, die mit der Varianz von Geldmengen arbeiten müssen?

Markus Vogg: Im Fall von Bitcoin ist das grundsätzlich richtig. Der Programmcode der Blockchain wurde bewusst so definiert, da Bitcoin auch als „digitales Gold“ verstanden wird. Dieses Prinzip gilt jedoch nicht zwingend für jede digitale Währung – so wurde die Höchstgrenze im RSCoin bewusst variabel gehalten, damit die BoE noch Einfluss auf die Geldmenge nehmen kann.

Kann man als Notenbanker überhaupt die Zukunft des Finanzsystems in einer dezentral organisierten Währung sehen? Die kommt ja im Prinzip ohne Notenbanker aus.

Markus Vogg: Das libertäre Weltbild vieler Bitcoin-Enthusiasten sieht in der Tat eine Zukunft ohne Notenbanker. Jedoch zeigen die Blockchain-Entwicklungen der letzten zwei Jahre, dass dieses Radikalszenario eher unwahrscheinlich ist und dass auch in einem ganz und gar digitalen Finanzsystem bestimmte Intermediäre weiterhin wichtige Rollen spielen könnten.