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Innovativer Ort für innovative Gedanken: Hammerbrooklyn Digital Space (© INTERPOL+- Studios GmbH)
Digitale Transformation
03.07.2017

Die Wirtschaft steht vor einem epochalen Umbruch. In „Hammerbrooklyn“ arbeiten Gründer, Konzernentwickler und Wissenschaftler zusammen an Ideen für morgen.

In Mailand hat die lichte Konstruktion aus Stahl und Glas Millionen von Besuchern angezogen – als Pavillon der USA auf der Weltausstellung Expo. Die Amerikaner präsentierten dort 2015 die Vielfalt ihrer Esskultur, an der Fassade wuchsen Kräuter, Salat und andere Gemüsesorten in einem vertikalen Garten.

Anfang 2018 soll der Vorzeigebau gegenüber der Hamburger HafenCity am Elbufer stehen. Die grüne Fassade wird bleiben, doch auf der Dachterrasse und im großzügigen Innenbereich wird es nicht mehr um leckere Sandwiches oder Amerikas Beitrag zur Welternährung gehen, sondern um Virtual Reality, eHealth oder digitale Mobilitätskonzepte. Startups werden in das Gebäude einziehen, Forschungsabteilungen großer Konzerne und das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI).

Dessen Direktor Henning Vöpel zählt zu den Initiatoren dieses Vorhabens. Der Ökonom sieht die lange Jahre erfolgreiche deutsche Wirtschaft vor einer epochalen Neuausrichtung, die in vielen Führungsetagen für Irritation und Unsicherheit sorgt. „Viele Unternehmer können noch nicht richtig einschätzen, was mit der digitalen Transformation auf sie zu kommt und was die ersten Schritte der Umsetzung sind”, sagt der Ökonom. Auf dem „Campus für digitale Transformation“ sollen junge Gründer und erfahrene Manager zusammentreffen, Wissenschaftler und Entwickler, Unternehmer aus unterschiedlichen Branchen und Experten aus den Behörden der Hansestadt.

„Wir wollen einen neuartigen Innovationsort schaffen, der bereithält, was Gesellschaft und Unternehmen brauchen, um diesen fundamentalen Wandel zu gestalten”, sagt er. Im Herbst wird der Aufbau der Stahlkonstruktion neben den Deichtorhallen beginnen. „Der zentrale Ort in der Stadt war uns wichtig”, sagt der HWWI-Chef. „Hammerbrooklyn” haben Vöpel und seine Mitstreiter den Innovationsort schon getauft – eine Referenz an den Stadtteil Hammerbrook, der auch gerade einen fundamentalen Wandel erlebt.

„Die Wissenschaft muss den Elfenbeinturm verlassen“

Henning Vöpel, Direktor Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut

Fertiges Muster widerspricht der Philosophie

Zwischen dem Hauptbahnhof und der Richtung Osten wachsenden HafenCity reihten sich lange trostlose Gewerbebauten aneinander, dazwischen Schnellstraßen, Bahntrassen und Brachflächen – die schlecht vernarbten Wunden der Bombennächte des Zweiten Weltkriegs. Doch inzwischen gilt das zentral gelegene Viertel als vielversprechendes Entwicklungsgebiet. Zahlreiche moderne Bürobauten entstanden hier in den vergangenen Jahren, hunderte neue Wohnungen sind geplant. In einem ehemaligen Betriebshof der Hamburger Wasserwerke hat sich bereits die Kreativszene etabliert, mit Ausstellungsflächen und Werkstätten, Filmproduktionsstudios und einem Schallplattenpresswerk.

„Hammerbrooklyn“, der neue Campus am Stadtdeich, dürfte der dynamischen Entwicklung des Stadtteils zusätzlichen Schwung verleihen. Die 4500 Quadratmeter auf den vier Etagen des Pavillons bieten Raum für Veranstaltungen, die Entwicklung und Präsentation von Projekten oder Qualifizierung und Coaching. Etwa 250 Menschen werden hier arbeiten, in einem Nebengebäude kommen Büroflächen mit Shared Offices und weiteren 300 Arbeitsplätzen hinzu.

Das HWWI hat gemeinsam mit der Hamburger Kreativagentur Interpol Studios, die am Projekt Hilldegarden, Hamburgs grüner Bunker, beteiligt ist, und dem Unternehmensberater und Roland-Berger-Partner Björn Bloching die Planung und Koordination des Projekts übernommen. Der Senat war von der privaten Initiative schnell begeistert, die Vöpel und seine Mitstreiter vor einem Jahr erstmals in der Kulturbehörde vorstellten, und half bei der Standortsuche. Dass es mit der Umsetzung nun zügig vorangeht, ist für Vöpel Teil des Konzepts. Anfangen, ausprobieren, weiterentwickeln – mit einem fertigten Muster zu starten wäre gegen die Philosophie von „Hammerbrooklyn“.

Stark ist schon jetzt das Interesse aus der Wirtschaft. „Vertreter großer Unternehmen kommen fast täglich auf uns zu”, berichtet der HWWI-Chef. Mit Volkswagen und Siemens, der Hamburger Hochbahn, der Haspa, der HSH Nordbank und der Port Authority wird bereits über Kooperationen verhandelt. Die Konzerne können etwa Entwicklungsteams auf Zeit nach „Hammerbrooklyn“ schicken, die sich hier mit Entwicklern aus anderen Unternehmen, innovativen Gründern oder Wissenschaftlern vernetzen.

Offener Austausch, Agilität und die richtige Mischung aus Unternehmen verschiedener Größen und Branchen sind für den Wirtschaftsprofessor wesentliche Voraussetzungen für das Gelingen des Projekts – und für den Erfolg der deutschen Wirtschaft in der digitalen Transformation. „Wir müssen stärker experimentell an Innovationen arbeiten“, sagt Vöpel, „branchenübergreifend, interdisziplinär und kollaborativ – und dazu müssen wir lernen, aus unseren Unternehmen herauszugehen.”

Dazu will der HWWI-Chef auch seine Mitarbeiter ermuntern. Vor fast 110 Jahren sei das älteste deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut von Hamburger Kaufleuten gegründet worden, die mehr über die Weltwirtschaft erfahren wollten. Jetzt suchten die Unternehmen nach fundierten Informationen über die Herausforderungen der Digitalwirtschaft. „Die Wissenschaft muss den Elfenbeinturm verlassen”, sagt Vöpel. „Mit dem Umzug nach „Hammerbrooklyn” macht das HWWI diesen Schritt.”

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