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Bei der Kieler Woche wird in acht olympischen Bootsklassen gestartet. (© Vladimir Loginov/okpress)
Kieler Woche
21.06.2017

Wie kaum eine andere Sportart stellt Segeln die Teamfähigkeit einer Gruppe auf die Probe. An Bord ergeben sich Analogien zu Arbeitsweisen in Unternehmen, und ähnlich wie Wind und Wellen die Regatten beeinflussen, können wandelnde Märkte und Konjunktur über die Erfolgschancen in der Wirtschaft entscheiden. Das haben auch Unternehmen erkannt und nutzen den Segelsport.

Dirk Ramhorst ist Regatta-Chairman des Kieler Yacht-Club e.V. und Chief Information Officer bei Wacker Chemie.

Sportler, die aussehen wie moderne Gladiatoren, Boote, die ausgerüstet sind mit Hightech: Die Teams von Team New Zealand und Oracle Team USA segeln derzeit in einem der ältesteten und prestigeträchtigsten Wettrennen um den 35. America’s Cup. In endlosen Trainings, Tests und internen Wettfahrten haben die Teamleitung ihre jeweils 17 besten Segler für den Kampf um den America’s Cup ausgewählt. Wer ist körperlich und geistig am fittesten, wer dem Stress des direkten Duells mit dem Konkurrenten gewachsen? Vor allem aber: Welche 17 Sportler harmonieren am besten miteinander?

Nicht nur Millionen Segelbegeisterte, auch Unternehmen haben durch Events wie den America’s Cup und die Kieler Woche den Segelsport für sich entdeckt. Jedes Jahr in der letzten vollen Juniwoche macht die Kieler Woche die Stadt an der Förde zum Mekka für Segler. In diesem Jahr nehmen allein über 4000 aktive Segler teil. Zu den Stars gehört der fünfmalige olympische Medaillengewinner Robert Scheidt aus Brasilien. Gestartet wird unter anderem in den acht olympischen Bootsklassen.

Über die Parallelen zwischen Bootsrennen und Business hatte der 2014 verstorbene Unternehmer und ehemalige Arbeitgeberpräsident Klaus Murmann gesagt: „Eine Segelyacht funktioniert wie ein Unternehmen. Beide werden manövriert von einem Team von Spezialisten, das einander zuarbeitet, gemeinsame Entscheidungen trägt und das Ziel mit eisernen Willen verfolgt.“ Wer bei Murmann Karriere machen wollte, musste erst mal auf einen Hochseetörn. „24 Stunden auf See erzählen mehr über einen Menschen als 240 Stunden im Betrieb“, hieß sein Credo.

„Der Segelsport vermittelt wichtige Werte wie Fairness, Durchhaltevermögen und Glaubwürdigkeit“

Dirk Ramhorst, Organisationsleiter Kieler Woche

Segeln ist Teamsport, und ähnlich wie Wind und Wellen die Rennen beeinflussen, können sich wandelnde Märkte und Konjunktur auf die Erfolgschancen von Unternehmen auswirken. Ständige Analyse des direkten Gegners gehören für die Segler genauso dazu wie die Fähigkeit, jederzeit flexibel zu reagieren – und nicht nur das: „Der Segelsport vermittelt wichtige Werte wie Fairness, Durchhaltevermögen und Glaubwürdigkeit“, sagt Dirk Ramhorst, Organisationsleiter der Kieler Woche. „Das zieht auch viele Manager aus dem Mittelstand an.“

Dirk Ramhorst hat seine Erfahrungen als begeisterter Segler auch bei Wacker Chemie eingebracht, für den Münchner Konzern arbeitet er als Chief Information Officer. Bei der Kieler Woche vernetzt er Mittelständler und bietet mit dem Team des Wassersport-Vermarkters Point of Sailing in der gesamten Segel-Saison exklusive Schulterblicke an. Während der Teambuilding-Workshops geht es zu den Crews an Bord. „Dann wird es ganz anschaulich“, sagt Ramhorst. Bei Wind und Wellen trainieren Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter Teamgeist und professionelles Handeln unter Stress. Sie üben Tugenden wie Verlässlichkeit und Vertrauen, Konkurrenzbeobachtung und Krisenmanagement. Manche nutzen solche Workshops auch, um ihr künftiges Führungspersonal auszusuchen.

Jeder Teilnehmer merke sehr schnell, dass Segeln ein Teamsport mit klaren Verantwortlichkeiten sei, sagt Dirk Ramhorst. Es brauche einen, der die Richtung vorgibt – im Unternehmen wie bei einer Segel-Crew: „Nicht jeder kann der Steuermann sein.“ Es ist nicht die einzige Analogie. „Bei kaum einem anderen Sport ist die gegenseitige Abhängigkeit so groß wie unter Seglern – und die Mannschaft tatsächlich nur so stark wie das schwächste Glied in der Kette“, sagt Ramhorst. Während in Bürofluren und Werkhallen Konflikte oft wochenang vor sich hinköcheln, wirkt das Schiff gewissermaßen wie ein Schnellkochtopf: Der minimale Intimbereich an Bord, sagen Experten wie der deutsche Weltklassesegler Tim Kröger, entlarve unmittelbar schwelende Konflikte sowie Stärken und Schwächen jedes Einzelnen rasch.

Kröger doziert über Themen wie Leadership und Teamwork, setzt Incentive-Projekte für Unternehmen um. „Der Segelsport lehrt auf natürliche Weise Demut, Flexibilität, Fleiß, Verantwortung, Teamgeist“, sagt der Berater für die Themen Leadership und Teamfähigkeit. „Ohne diese Eigenschaften lässt sich kein Schiff erfolgreich manövrieren. Und ein Unternehmen auch nicht.“

In einem Unternehmen gibt es eine sehr heterogene Typologie von Chefs und Mitarbeitern, beim Segeln hat Tim Kröger, viele Jahre der einzige deutsche Profisegler und WM-Bronzemedaillengewinner von 1986, drei Segel-Typen identifiziert. Der Steuermann ist der Kopf, der nicht allein wegen seines Status, sondern vor allem wegen seiner Erfahrung und seiner Fähigkeiten akzeptiert wird. Er muss in jeder Situation in klaren Strukturen denken und das Gesamtbild vor Augen haben. Zugleich darf er nicht abgehoben sein. Gleichzeitig braucht es an Bord den Intuitiven, der auch nicht unter Druck laut wird. Er stellt seine Kompetenz dadurch unter Beweis, dass er stetig Wasserströmungen liest. Außerdem hat eine gute Crew Techis an Bord. Segler, die sich bis ins Detail mit Winschen und Fallen, Schot und Spinaker auskennen.

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