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Kommt es zu einer Neuauflage des Handelsabkommen TTIP? (© Getty Images)
Mario-Ohoven-Interview
01.06.2017

Washington kann sich weder Protektionismus noch einen Handelskrieg mit der EU oder China leisten, meint Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft.

Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), appelliert im Interview an die wirtschaftliche Vernunft aller Beteiligten. Bei einer Protektionismusspirale, so seine Einschätzung, verlieren letztlich beide Seiten.

Trotz eines überraschenden Bekenntnisses zum Kampf gegen den Protektionismus auf dem G7-Gipfel überwiegen die Ängste vor einer transatlantischen Eiszeit, welche auch die Wirtschaft beeinträchtigen könnte. Spüren Sie bereits eine gewisse Verunsicherung beim Mittelstand?

Mario Ohoven: Die Verunsicherung im Mittelstand hat schon bei der Wahl von Donald Trump eingesetzt. Fast 60 Prozent der Mittelständler befürchten unserer Umfrage zufolge negative Auswirkungen auf ihr Geschäft. Herr Trump kommt andererseits nicht an der Tatsache vorbei, dass Deutschland mit einem Volumen von 165 Milliarden Euro einer der wichtigsten Handelspartner der USA ist. Nur: Wir wickeln 60 Prozent unseres Handels mit EU-Ländern ab. Das heißt, Deutschland hat Alternativen zu den USA, und zwar einen Markt mit 500 Millionen Menschen sozusagen vor unserer Haustür. Washington kann sich also weder Protektionismus noch einen Handelskrieg mit der EU oder China leisten. Nicht zu vergessen, die USA brauchen unsere Maschinen und Anlagen für die geplante Re-Industrialisierung. Das weiß auch Herr Trump.

Wie bereitet sich der Mittelstand auf neue Regularien, mögliche Strafzölle oder Verschärfungen im US-Handel vor?

„Deutscher Mittelstand ist in den USA sehr präsent“: Mario Ohoven ist seit 1998 Präsident BVMW und seit 2002 der Europäischen Vereinigung der Verbände kleiner und mittlerer Unternehmen. (© Getty Images)

Mario Ohoven: Ich setze wie beim Brexit auf die wirtschaftliche Vernunft aller Beteiligten. Bei einer Protektionismusspirale verlieren letztlich beide Seiten. Unser gemeinsames Ziel muss deshalb der Abbau von Handelshemmnissen sein. Momentan machen die Einfuhrzölle der USA im Schnitt 2,8 Prozent aus. Am Ende sollten sie bei null liegen. Es gibt durchaus Hoffnungszeichen: Die US-Regierung hat vor kurzem beim transatlantischen Freihandelsabkommen signalisiert, dass TTIP – anders als TPP – nicht tot ist und es zu einer Wiederaufnahme der Verhandlungen unter einem anderen Namen kommen könnte.

Bedarf es jetzt einer verstärkten Lobbyarbeit in den USA, welche die Leistungen des deutschen Mittelstands hervorhebt?

Mario Ohoven: Der deutsche Mittelstand ist in den USA sehr präsent. Es dürfte auch Herrn Trump und seinen Beratern nicht entgangen sein, dass rund zwei Millionen Arbeitsplätze in den USA direkt oder indirekt von deutschen Unternehmen abhängen. Viele namhafte Konzerne und mit ihnen im Verbund tausende Mittelständler engagieren sich teilweise seit Jahrzehnten auf dem US-amerikanischen Markt. Wir sind Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries deshalb dankbar, dass sie dies bei ihrem jüngsten Besuch in den USA gegenüber Handelsminister Wilbur Ross und dem Handelsbeauftragten Robert Lighthizer mit der nötigen Deutlichkeit angesprochen hat.

Angela Merkel hat deutlich gemacht, dass man die deutschen Importüberschüsse mit den USA nicht getrennt von den hohen deutschen Direktinvestitionen in den USA sehen darf. Teilen Sie diese Position?

Mario Ohoven: Natürlich ist das im Zusammenhang zu sehen. Wir haben auf der einen Seite den deutschen Handelsüberschuss von zuletzt rund 50 Milliarden Euro. Auf der anderen Seite stehen die Direktinvestitionen unserer Unternehmen in den USA. Immerhin ein Zehntel aller Auslandsinvestitionen stammen aus Deutschland. In diesem Kontext ist eine weitere Zahl wichtig: Die USA sind mit einem Minus von knapp 480 Milliarden Dollar das Land mit dem höchsten Leistungsbilanzdefizit in der Welt. Zu diesem Ungleichgewicht trägt sicher in nicht geringem Maße die Tatsache bei, dass die US-Konsumenten offenkundig ausländische Produkte bevorzugen, beispielsweise Autos „Made in Germany“. Darüber sollte Herr Trump nachdenken.

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