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Seid doch mal ruhig! Manager sollten das Zuhören lernen. (©GettyImages)
Karriere
19.06.2017

Martin Wehrle ist „Deutschlands bekanntester Karriereberater“ (Focus). Im April ist sein neues Buch erschienen, der Spiegel-Bestseller „Der Klügere denkt nach – Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein.“ In diesem Buch bricht er eine Lanze für die leiseren Menschen und gibt Tipps für den Arbeitsalltag.

In Ihrem neuen Buch „Der Klügere denkt nach“ bieten Sie ein Anti-Schwätzer-Training an. Wie funktioniert das?
Martin Wehrle: Jeder kennt Situationen, in denen sich nicht die Kompetentesten, sondern die Lautesten durchsetzen. Zum Beispiel ärgern sich die Menschen über Kollegen, die beim Arbeiten wenig auf die Reihe kriegen, sich aber später den Erfolg des ganzen Teams an den eigenen Hut stecken wollen. Ich gebe Tipps, wie man die Luftblasen der Schwätzer enttarnen kann. Das Grundrezept: Lassen Sie sich nicht auf rhetorische Schlammkämpfe ein, sondern lenken Sie den Scheinwerfer zurück auf die Sachebene. Zum Beispiel hilft es immer, nach Fakten zu fragen: „Was genau hast du zum Projekt beigetragen? Und wie schätzt du die Leistung deiner Kollegen ein?“ Solche Fragen bringen Schwätzer in Verlegenheit.

Erfolgsautor Martin Wehrle (©André Heeger)

Erfolgsautor Martin Wehrle (©André Heeger)

Weshalb braucht man überhaupt ein Anti-Schwätzer-Training?
Martin Wehrle: Ich habe beobachtet, dass Redestärke oft mit Leistungsstärke verwechselt wird. Wer große Sprüche klopft, erzielt eine große Wirkung. Dagegen konzentrieren sich zurückhaltende und bescheidene Menschen auf ihre Arbeit und nicht aufs Reden darüber. Das Anti-Schwätzer-Training hilft dabei, Sprücheklopfern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Gleichzeitig lernen zurückhaltende Menschen, wie sie ihre Interessen behaupten können, etwa auch bei rhetorischen Angriffen.

Sie schreiben: „Wir leben in einer Lärmgesellschaft“. Wie ist es dazu gekommen?
Martin Wehrle: Das liegt an der Industrialisierung. Vorher haben wir in Dörfern gelebt und uns von der Schulbank an gekannt, da konnte man niemandem etwas vormachen. Mit der Industrialisierung sind wir in die Städte gezogen und erstmals in der Geschichte regelmäßig fremden Menschen begegnet. Ihnen konnte man alles Mögliche über sich erzählen. So kam es zu einem Wandel: von der Charakter- zur Imageethik. Seit damals boomen die Rednerseminare. Diese Entwicklung hat sich mit der Dienstleistungsgesellschaft ab den 1970er Jahren noch beschleunigt: Den Tisch eines Handwerkers hatte man noch mit der Wasserwaage auf seine handwerkliche Qualität prüfen können, er ließ sich nicht gerade reden. Aber zahlreiche Projektarbeiten bestehen ja nur noch aus Worten. Folglich können sie auch mit Worten schöngeredet werden.

Weshalb sind Action und Lärm heute so wichtig geworden?
Martin Wehrle: Das liegt an den fragwürdigen Idealen unserer Gesellschaft. Zum Beispiel kenne ich reihenweise Manager und Politiker, die stolz erzählen, dass sie mit vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommen, pro Tag 500 Mails bekommen und pro Woche zwei Kontinente bereisen. Ehrlich gesagt: Mir wären Manager lieber, die acht Stunden schlafen und an kürzeren Arbeitstagen vernünftiger entscheiden; Manager, die viel Zeit für ihre Mitarbeiter haben und möglichst oft in ihrem Büro ansprechbar sind. Die Arbeitswelt ist eben keine Kinoleinwand: Oft werden große Leistungen sehr unspektakulär erbracht, indem jemand an einem Schreibtisch sitzt, einen Sachverhalt durchdringt und daraus wichtige Erkenntnis ableitet.

Was bedeutet das für unsere Kommunikation untereinander?
Martin Wehrle: Die größte Sünde im Actiontheater der modernen Arbeitswelt ist das Multitasking. Ganz oft schielen die Menschen auf ihre Smartphones oder Computer, während sie miteinander sprechen. Das Londoner Kings College hat untersucht, wie sich das regelmäßige Empfangen von E-Mails auf die Konzentration auswirkt. Zwei Versuchsgruppen mussten Aufgaben lösen. Die eine durfte Haschisch rauchen, die andere betrieb dieses Multitasking. Ergebnis: Die Kiffer schnitten besser ab als die Multitasker. Das bedeutet: Wann immer ich mit einem Kollegen oder Vorgesetzten spreche, sollte ich darauf achten, dass ich mich nur auf dieses Gespräch konzentriere und es von ihm auch einfordern – sonst redet man zwangsläufig aneinander vorbei.

Nachdenklichkeit als Nachteil – kann sich eine Wissensgesellschaft das leisten?
Martin Wehrle: Im Gegenteil! Es wird heute oft der Eindruck erweckt, dass man ganz schnell entscheiden muss. Aber wahr ist: Nicht die schnellste Entscheidung, sondern die beste setzt sich durch. Niemand wird dafür belohnt, dass er als Erster auf einen Abgrund zurennt, wie es ja schon ganzen Branchen passiert ist. Ich finde es wichtig, dass wir in Meetings auch die leisen und nachdenklichen Menschen ins Gespräch holen. Oft dominieren die lauten Gewohnheitsoptimisten, die zum Beispiel behaupten: „Der Termin ist mit links zu halten!“ Aber das ist oft nicht wahr – siehe den Flughafen Berlin-Brandenburg. Gute Führungskräfte versammeln um sich keine applaudierenden Höflinge, sondern laden ausdrücklich zur Nachdenklichkeit und auch zum Widerspruch ein. Genau aus dieser Reibung entstehen nicht nur gute Ideen, sondern auch ein produktives Arbeitsklima.

Das neueste Buch von Martin Wehrle ist im Mosaik-Verlag erschienen, hat 432 Seiten und kostet 15 Euro (©Mosaik-Verlag)

Das neueste Buch von Martin Wehrle ist im Mosaik-Verlag erschienen, hat 432 Seiten und kostet 15 Euro (©Mosaik-Verlag)

Wie können die stillen, eher zurückhaltenden Menschen in einer lauten Welt erfolgreich sein?
Martin Wehrle: Indem sie ihre eigenen Stärken ausspielen, statt immer nur die Lauten zu imitieren. Zum Beispiel rate ich leisen Menschen davon ab, Rednerseminare zu besuchen. Ich selbst habe das als junger Mann getan und danach kaum mehr einen Satz rausgebracht. Denn es hieß, ich müsse meine Arme über der Problemzone, also Hüfthöhe, halten. Ich sollte weit ausholende Gesten verwenden, offene Handflächen zeigen und meine Stimme modulieren. Am Ende war ich so mit dieser Inszenierung beschäftigt, dass mir kein klarer Gedanke mehr möglich war. Besser wäre es gewesen, ich hätte mich auf meine Stärken als leiser Mensch konzentriert: Ich kann mich durch meine Empathie in die Zuhörer versetzen, verfüge über gute Sachkenntnis und bereite mich gründlich vor. Redner werden nicht für Ihre Rhetorik, sondern vor allem für ihre Inhalte und ihre Glaubwürdigkeit geschätzt.

Ihr Ansatz ist es nicht, die Stillen laut zu machen – aber wäre es nicht sinnvoll, sich an die neue Situation anzupassen? Schließlich Adaptionsfähigkeit ein wichtiges Kriterium in der Evolution.
Martin Wehrle: Stimmt, nur schlage ich vor: Dann sollen sich die Lauten den Leiseren anpassen, umgekehrt ist es schon reichlich passiert. Wir brauchen endlich Kurse im Zuhören – und nicht immer nur im Reden. Wir brauchen endlich Bücher für Unsensible, wie man besser mit seinen Mitmenschen umgeht – und nicht immer nur Bücher für Hochsensible. Die Leisen sollten nicht immer als Nachhilfeschüler des Lebens betrachtet werden, sondern auch als Vorbilder. Mehr Substanz und weniger Geschwätz täten unserer Gesellschaft und unserer Arbeitswelt gut. Und vergessen wir nicht, viele leise Menschen haben es weit gebracht. In meinem Buch erzähle ich unter anderem die Geschichten von Warren Buffett, Angela Merkel, Albert Einstein, Bruce Springsteen und Mark Zuckerberg.

Was raten Sie den Stillen, Zurückhaltenden, wenn sie erfolgreich sein wollen?
Martin Wehrle: Dass sie auf Ihre ganz eigene Weise auf sich aufmerksam machen. Es muss nicht immer die Wortmeldung in der großen Gruppe sein – es ist auch in Ordnung, den Vorgesetzten im Vier-Augen-Gespräch über die eigene Leistung zu informieren. Und in eine Gehalts- oder Beförderungsverhandlung können sie zum Beispiel eine Leistungsmappe mitnehmen, in der sie aufführen, was sie im letzten Jahr für die Firma geleistet haben. Ein solches Dokument gibt Sicherheit, denn man kann sich daran orientieren. Außerdem macht es beim Vorgesetzten Eindruck, und er kann es als Argumentationshilfe gegenüber seinem Vorgesetzten verwenden. Auch lohnt es sich, vor einem Meeting ein Thesenpapier mit klugen Gedanken vorzubereiten. Das kann die Debatte entscheidend beeinflussen und nachhaltig wirken. Nicht umsonst heißt es: Wer schreibt, der bleibt.

Sie schreiben: Wer Ja zu sich sagt, kann besser Nein zu anderen sagen – was meinen Sie damit?
Martin Wehrle: Abgrenzung wird heute immer wichtiger. Wer nur tut, was die anderen von ihm wollen, verliert sich selbst. Aber die Kraft zum Nein-Sagen kommt immer auf einem Ja zu sich selbst: zu den eigenen Werten und Überzeugungen. Beispiel: Wer Kundenfreundlichkeit und Fairness als hohe Werte sieht, wird sich nicht dazu drängen lassen, Kunden schlecht behandeln oder gar über den Tisch zu ziehen. Weil er zu sich und seinen Werten steht, ist er völlig klar in diesem Punkt und strahlt das auch aus. Ein klares Nein ist nicht in erster Linie eine Frage der Rhetorik, sondern der inneren Klarheit.

Zur Person

Martin Wehrle ist einer der bekanntesten deutschen Karriere- und Lebenscoachs. Seine Bücher haben rund um den Globus begeisterte Leser gefunden, zuletzt erschienen die Spiegel-Bestseller „Bin ich hier der Depp?“ und „Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?!“, sowie „Sei einzig, nicht artig!“. An seiner Karriereberater-Akademie gibt er Erfahrungen weiter und bildet mit großem Erfolg Coachs aus.

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