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Katars Hauptstadt Doha (© Getty Images)
Katar-Krise
08.06.2017

Die diplomatische Krise zwischen Saudi-Arabien, anderen Staaten des Golfkooperationsrats und dem Emirat Katar erschüttert die Golfregion. Im Interview spricht Nahost-Experte Prof. Udo Steinbach über die tieferen Ursachen des Konflikts. HSH-Nordbank-Analyst Jan Edelmann beschreibt die Folgen für die Energiemärkte

Udo Steinbach ist einer der renommiertesten Nahost-Experten Deutschlands (© PR)

Die diplomatische Krise zwischen Saudi-Arabien, anderen Staaten des Golfkooperationsrats und dem Emirat Katar erschüttert die Golfregion. Im Interview spricht Nahost-Experte Prof. Udo Steinbach über die tieferen Ursachen des Konflikts

Politische Beobachter sprechen angesichts der aktuellen Entwicklung in Katar von einer „beispiellosen Krise". Haben Sie die Ereignisse überrascht?

Udo Steinbach: In dieser Schärfe ja. Man darf aber nicht übersehen, dass der Konflikt zwischen Katar und Saudi- Arabien seit Jahren schwelt. Es ist ein regelrechter Machtkampf zwischen diesen Staaten, einem großen arabischen Land und einem aufstrebenden kleinen Land am Golf.

Was sind aus ihrer Sicht die tieferen Gründe des Konflikts?

Udo Steinbach: Hinter dem Streit steckt ein noch größerer Machtkampf, der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran. Nach dem Besuch von Donald Trump, der sich ganz klar positioniert hat, spürt Saudi-Arabien einen Rückenwind wie seit Jahren nicht. Das Land fühlt sich gleichzeitig von Katar provoziert. Gestritten wird über das Verhältnis zu Iran, zu den Muslimbrüdern und zur Hamas. Auch der in Katar beheimatete TV-Sender Al Jazeera stört die Saudis.

Beide Staaten gehören dem Golf-Kooperationsrat an, der sich in Fragen der Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik bislang eng abstimmte. Welche Auswirkungen kann ein Andauern der Krise auf den Rat haben?

Udo Steinbach: Es wird nicht zu einem Auseinanderbrechen des Rats kommen. Es laufen bereits Vermittlungsversuche, bei denen vor allem die Ratsmitglieder Kuwait und Oman eine wichtige Rolle spielen. Oman hat traditionell sehr gute Beziehungen zu Saudi-Arabien und auch zum Iran. Auch die Amerikaner haben sich eingeschaltet, sie unterhalten mit dem al-Udeid-Militärflughafen eine wichtige Militärbasis in Katar. Diesen werden die USA nicht aufgeben, solange das Verhältnis zum Iran so angespannt ist wie derzeit.

Der Luft- und Schiffsverkehr nach Katar leidet stark unter der Krise. Sind die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise schon absehbar?

Udo Steinbach: Sie sind vorhanden, aber die Lage wird sich meiner Meinung nach entspannen. Die Kataris könnten ihre guten Beziehungen zu Iran ausspielen und den Luft- und Seeraum des Landes nutzen. Der Export von Erdgas wird weitergehen.

Wie könnte eine Lösung des Konflikts aussehen?

Udo Steinbach: Katar muss sich mehr zurücknehmen. Das betrifft mehrere Ebenen, unter anderem das Verhältnis des Landes zu Extremisten. Eine Zusammenarbeit mit den Muslimbrüdern ist ein rotes Tuch für Länder wie Saudi-Arabien oder Ägypten.

Der 1943 geborene Islamwissenschaftler Udo Steinbach gilt als einer der gefragtesten deutschen Nahost-Experten. Er leitete von 1976 bis 2007 das Deutsche Orient-Institut. 2009 wurde das Governance Center Middle East/North Africa an der Humboldt-Viadrina School of Governance unter seiner Leitung gegründet. Steinbach wirkt er als Berater und Gutachter für zahlreiche öffentliche und private Einrichtungen.

Research-Meinung: Mögliche Auswirkungen auf die Energiemärkte

Am Montag haben Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten, Bahrain, Jemen, Jordanien und die international nicht anerkannte Regierung in Libyens Osten völlig überraschend ihre diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen. Katar wird beschuldigt, den Terrorismus zu finanzieren und zu unterstützen. Zudem wird dem Golf-Emirat eine Nähe zum Iran zur Last gelegt.

Auswirkungen auf den Öl- und Gasmarkt

Katar ist ein wichtiger Lieferant von (verflüssigtem) Erdgas für die Region und stellt ein Drittel der weltweiten LNG-Exporte. Bei Rohöl ist Katar dagegen ein vergleichsweise kleiner Akteur. Mit einer Produktion von 620 Tsd. Barrel/Tag (~0,6 % der globalen Ölproduktion) gehört Katar zu den kleineren OPEC-Ländern. Die Gefahr für die Ölmärkte wird davon abhängen, ob die Spannungen in Produktionsausfälle übergehen bzw. der Export von Öl und verflüssigtem Gas aufgrund von einer möglichen Blockade der Seefahrtswege erschwert werden könnte. Die neuerlichen diplomatischen Verstimmungen im Mittleren Osten verstärkten die Unsicherheit in einer ohnehin schon fragilen aber sehr bedeutenden Energieexport-Region. Saudi-Arabien ist der größte Exporteur von Rohöl, während Katar erhebliche Erdgas-Ressourcen besitzt.

Aber ein diplomatischer Streit wird nicht unbedingt das Öl-und Gasangebot einschränken, sollten sich die Spannungen in der Region nicht weiter verschärfen, d.h. über den diplomatischen Disput hinausgehen. Auf das globale Angebot hätte dies in einem Markt, in dem andere Länder die Lücke leicht schließen könnten, kaum Auswirkungen. Investoren scheinen das zu antizipieren. Während die Ölpreise am Montag zunächst um 1,6 Prozent anstiegen, gaben diese schnell die Zugewinne wieder ab und notierten um rund 50 US-Dollar/Barrel. Dies folgt ganz der Devise "im Mittleren Osten gibt es Politik und dann gibt es Geschäfte" und die Geschäfte neigen dazu, weiter zu gehen, unabhängig von politischen Problemen. Gegenwärtig verdauen die Märkte ein Überangebot an Rohöl, das die Preise für mehr als zwei Jahre niedrig gehalten hat. Saudi-Arabien und andere große Öl-exportierende Nationen versuchen, das Angebot in Schach zu halten, aber amerikanische Schieferölproduzenten weiten gegenwärtig die Produktion aus.

Könnten die diplomatischen Verstimmungen das OPEC-Förderabkommen gefährden?

Katar, ein Mitglied der OPEC, half, die Kürzungsvereinbarung Ende letzten Jahres durch das Kartell und andere Produzenten, wie Russland, zu vermitteln, um die Ölpreise zu stabilisieren und die Lagerbestände abzubauen. Die Parteien vereinbarten erst im vergangenen Monat, die Kürzungen für neun Monate zu verlängern. Katar ist an diesem Förderabkommen mit einem Beitrag von 30 Tsd. Barrel/Tag, von denen im Mai laut einer Reuters-Umfrage 93% umgesetzt wurden, beteiligt.

Falls Katar nun aufgrund der jüngsten Entwicklungen seine Förderdisziplin aufgibt und die Produktion erhöht, stellt dies für sich genommen noch kein größeres Problem dar. Schwerer wiegen dürfte dagegen der Riss, welcher durch die OPEC gehen und die Umsetzung der Produktionskürzungen insgesamt auf eine harte Probe stellen könnte.

Auswirkungen auf den Ölpreis

In einem Markt, bei dem der Preis von den Produktionskürzungen der OPEC und weiterer großer Ölförderer gestützt wird, würden mögliche Risse bei der Kürzungsvereinbarung die Preise unter Druck setzen. Dies gilt erst recht, da die Ölpreise anders als zu erwarten (und von der OPEC beabsichtigt) zuletzt, trotz Verlängerung der Förderkürzungen bis ins Frühjahr 2018, deutlich gefallen sind. Zu den Mindereinnahmen aufgrund des freiwilligen Verzichts auf Marktanteile kommen nun noch Einbußen aufgrund der niedrigeren Preise hinzu. Der Anreiz für einzelne Länder, die Produktion auszuweiten, dürfte daher steigen. Falls Katar hier den Anfang macht, könnten andere Länder diesem Beispiel folgen.