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Brasiliens Wirtschaft nimmt wieder Fahrt auf (© Getty Images)
Schwellenländer-Barometer
09.05.2017

Die Zuversicht für die wirtschaftliche Entwicklung setzt sich fort. Die Zunahme der Dynamik in der Weltwirtschaft und der Rückgang der allgemeinen Unsicherheit kommen vielen Schwellenländern zu Gute. Vereinzelte länderspezifische Risikofaktoren müssen weiterhin beachtet werden.

Das Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank setzt seinen Entspannungskurs fort und gibt für eine Vielzahl von Emerging Markets eine erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung wider. Insgesamt ging der Gesamtindex ging um 0,4 Punkte zurück auf 41,8 (Stand 08.05.2017). Der aktuelle Stand des Krisenbarometers ist der niedrigste seit Mitte November 2016 und wird von mehreren Faktoren getragen. Zum einen lagen die Industrieproduktion in den Schwellenländern und der internationale Warenhandel auf hohem Niveau und signalisieren eine Fortsetzung des Expansionskurses. Dies wird auch von einer dynamischeren Inflationsentwicklung in vielen Emerging Markets reflektiert. Angesichts der erfreulichen Entwicklungen setzen globale Investoren bei ihren Anlageentscheidungen wieder verstärkt auf diese Ländergruppe, was den Aktien- sowie Anleihenmärkten Zulauf gibt. Zum anderen wirkt sich auch der Rückgang der allgemeinen Unsicherheit aus. Aus den Wahlentscheidungen in den Niederlanden und Frankreich gingen globalisierungsfreundliche Parteien und Fraktionen als Sieger hervor. Zudem scheint die USA von einer Eskalation der Handelsstreitigkeiten und umfassenden protektionistischen Maßnahmen Abstand zu nehmen und konzentriert sich vielmehr auf einzelne Branchen und Warengruppen.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet die Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

„Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex (Dezember 2012 bis heute)

Die wirtschaftliche Erholung in Brasilien hat sich im vergangenen Monat fortgesetzt. Die brasilianische Industrieproduktion konnte im April an Fahrt gewinnen, der Handelsbilanzüberschuss hat sich zum Vormonat um fast 2,5 Mrd. US-Dollar erhöht. Auch der Einkaufsmanagerindex des verarbeitenden Gewerbes notiert erstmals seit Februar 2015 oberhalb des Expansionsniveaus von 50. Dies macht sich auch in der Inflationsentwicklung des südamerikanischen Landes bemerkbar, die ihre Talsohle überwunden zu haben scheint. So gehen die gesamtwirtschaftlichen Risiken für Brasilien zurück. Der aktuelle Indexstand des Länderbarometers gibt mit gegenwärtig 35,9 ein um 1,1 Punkte niedrigeres Stresslevel wider als zur Vorperiode.

Auch in Indien setzt sich augenscheinlich die wirtschaftliche Erholung fort. Unser Länderbarometer geht von 49,0 Indexpunkten auf 46,6 zurück. Der Rückgang in unserem Stressbarometer wird maßgeblich von der Erholung der Indischen Rupie, einer starken Nachfrage nach indischen Aktien und stabilen Weltmarktpreisen für wichtige indische Exportgüter getragen. Dabei muss die Entspannung der länderspezifischen Risiken auch mit anderen Indikatoren verglichen werden. Die Industrieproduktion entwickelte sich in den letzten Monaten rückläufig und auch das Defizit in der Handelsbilanz ist gestiegen. Daher würde es nicht überraschen, wenn der Risikowert für Brasilien bald wieder steigt.

Dieselbe Beobachtung ist auch für die Türkei zu machen. Die Börse Istanbul erfreute sich im April eines Kurszuwachses von 8 %, der auch auf der währungspolitischen Seite eine Stabilisierung herbeiführte. Folglich ging das Stressniveau gemessen an unserem Länderindex signifikant zurück (von 38,0 auf 35,2), jedoch sprechen die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen keinesfalls für eine umfassende Entspannung. Die Inflation befindet sich nach wie vor auf einem hohen Niveau (im März über 11,0 %) und das Handelsbilanzdefizit dehnte sich weiter aus. Zudem erholt sich der wichtige Tourismussektor nur langsam.

Eine leichte Erhöhung des länderspezifischen Stresslevels ist für Indonesien zu verzeichnen. Das Barometer für den Pazifikstaat notiert zu Beginn des Mai bei 45,3 und somit 1,8 Indexpunkte über dem vorherigen Stand. Ursächlich hierfür ist die Rohstoffpreiseentwicklung. Die Weltmarktpreise für Kohle, Erdgas und Erdöl sind im April signifikanten gesunken. Dies läuft den Exportmöglichkeiten Indonesiens entgegen. Wenn die Rohstoffpreise wieder anziehen, sollte sich dieser Effekt wieder umkehren und eine Entspannung der Risikolevel zu beobachten sein.

Die Rohstoffpreisentwicklung für Erdgas und Erdöl ist auch die Triebfeder der erhöhten Stresslevel für Russland. Unser Länderbarometer erhöht sich auf 35,9, gut 1,5 Indexpunkte gegenüber der Vorperiode. Wichtige makroökonomische Variablen signalisieren indes eine allmähliche Stabilisierung der russischen Wirtschaft. Die Inflationsentwicklung tendierte im Vergleich zum Vormonat deutlich nach unten, bleibt aber auf einem hohen Niveau. Erfreulich entwickelten sich der Arbeitsmarkt und die Industrieproduktion im Frühjahr.

Der Länderindex für China signalisiert gegenwärtig eine Abschwächung der wirtschaftlichen Entwicklung und eine Zunahme der volkswirtschaftlichen Risiken. Mit 52,0 Indexpunkten baute sich das Stresslevel um gut einen Indexpunkt gegenüber dem Vormonat aus. In unserem Länderbarometer werden vor allem die Kursrückgänge an der Shanghaier Börse reflektiert. Auch von anderen volkswirtschaftlichen Indikatoren kommen warnende Signale. Die chinesischen Einkaufsmanagerindizes gaben zuletzt eine Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik wider. Indes scheinen die Maßnahmen zur Reduktion des Preisauftriebs im Immobiliensektor (u.a.: Anzahlungspflichten beim Immobilienerwerb, Restriktionen beim Kauf einer Zweitwohnung) zu greifen. Die Preise für Wohnimmobilien entwickelten sich weniger stark als noch zuletzt. Da die Industrieprodukte und der Einzelhandel auf einem hohen Niveau bleiben, ist insgesamt von einer stabilen wirtschaftlichen Entwicklung für 2017 auszugehen.

„Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex (August 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes
    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100
  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • wichtigste Rohstoffe
    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein. Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex. Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex. Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.