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Zwischen Newsroom- und Loftatmospähre: Arbeitsplätze bei door2door (© Marcel Schwickerath)
Die Digitalisierer, Teil 4
04.05.2017

Die digitale Transformation verändert die Märkte und unser tägliches Handeln. Der technologische Wandel ist für Unternehmen und ihre Mitarbeiter gleichermaßen herausfordernd. Wenn althergebrachte Geschäftsmodelle verschwinden und digitale an ihre Stelle treten, ist häufig Unsicherheit die Folge. Umso mehr kommt es in Unternehmen auf die richtige Strategie und auf Vordenker an, die in der digitalen Welt leben und sie den Mitarbeitern zugänglich machen. In unserer Serie „Die Digitalisierer" stellen wir Menschen vor, die in deutschen Unternehmen die digitale Transformation vorantreiben. Diesmal porträtieren wird Tom Kirschbaum, Gründer der „Mobility Company“ door2door.

Dr. Tom Kirschbaum hatte 20 Minuten. 20 Minuten, um Dr. Angela Merkel seine Geschäftsidee zu erklären und die Bundeskanzlerin von seiner Vision der Mobilität von morgen zu überzeugen. Die Bundeskanzlerin, das ist bekannt, pflegt einen engen Kontakt zur Gründerszene, und so schaute sie an einem Januarabend dieses Jahres bei Kirschbaums Start-up „door2door“ in einem Hinterhof-Loft Programmierern und Datenanalysten über die Schulter. Die Mission darf als geglückt gelten. Wie eine Trophäe hängt jetzt ein Gruppenfoto mit Kanzlerin über dem Empfang des Mobility-Startups.

Kirschbaum ist blendend vernetzt. Woche für Woche richten er oder Mitgründer Maxim Nahroudi ihre Botschaften, wie sie den öffentlichen Nahverkehr der Zukunft lenken wollen, an prominente und einflussreiche Adressaten. Beim Ridesharing-Talk der Grünen, bei einer Diskussion über intelligente Fahrzeuge mit Zulieferer ZF oder bei einer Podiumsdiskussion des Verbandes der Automobilindustrie zum Thema Elektromobilität. Prompt bot Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) nach einem kritischen Einwurf Kirschbaums schnelle Hilfe an: „Ich habe ein Herz für neue Mobilitätsideen. Wenn Sie ein Problem haben, schreiben Sie mir bitte eine Mail mit Ihrem Anliegen.“

Wenn man sein eigenes Startup hat, lernt man Demut.

Tom Kirschbaum, Gründer door2door

Viel wird in Deutschland über bürokratische Hürden für Startups geredet, über Fallstricke für die New Economy. Kirschbaum halten diese Debatten nicht auf, sie scheinen ihn erst recht anzuspornen. Er sagt: „Wir müssen neu denken.“ Deswegen hat er sich selbstständig gemacht, begann seine unternehmerische Karriere 2009 mit der Gründung einer Corporate-Governance-Beratung. Weil er die Digitalisierung der Mobilität voranbringen will, engagiert er sich auch als Funktionär. Seit Ende 2014 ist Kirschbaum Mitglied des Vorstands und Sprecher der Fachgruppe Future Mobility im Bundesverband Deutsche Startups.

Um die Hälfte günstiger als ein Taxi

Eine der Ideen, die bei door2door entstand, ist allygator shuttle, ein on-demand Ridesharing-Service. Nutzer können über die allygator App eine Fahrt buchen, nach Eingabe von Start und Ziel wird ihnen die Wartezeit, die Fahrtdauer und der Preis für die Fahrt angezeigt. Anders, als bei herkömmlichen Fahrdiensten, teilen sich Nutzer, die eine ähnliche Route haben, eine Fahrt. Das macht den Service um mehr als die Hälfte günstiger als eine entsprechende Taxifahrt und reduziert die gleichzeitig die Anzahl von Fahrzeugen auf den Straßen.

Wie das funktioniert, haben die Umdenker von door2door auch Angela Merkel erklärt. Sie solle sich vorstellen, dass sie ein Auto steuere und dass sich zwei Mitfahrer über eine App anmelden, die in eine ähnliche Richtung wollten: Ihr Generalsekretär Peter Tauber ins Kanzleramt und Außenminister Sigmar Gabriel zum Hauptbahnhof. Ein Algorithmus berechnet den Weg, um alle so schnell wie möglich zu ihren Zielen zu bringen.

Auch wenn Kirschbaum VW und Mercedes als Shuttle-Partner gewonnen hat, ist allygator nur ein Modell, um zu zeigen, was heute schon möglich ist. Das Unternehmen will den Dienst nicht dauerhaft selbst betreiben, sondern Lösungen für den öffentlichen Nahverkehr anbieten. „Es ist wenig effizient, öffentliche Transportmittel nach einem festen Fahrplan fahren zu lassen“, sagt Kirschbaum. In den Nachtstunden, am Wochenende, in den Randzonen könne es sich für Verkehrsbetriebe lohnen, Busse stehen zu lassen und auf Mitfahrdienste zu setzen, ohne festen Fahrplan und fixe Routen. Derartige Modelle stoßen beim ÖPNV auf Interesse. Allygator hat schon Nachahmer gefunden. Die Berliner Verkehrsgesellschaften planen ein Ridesharing, demnächst sollen ein Dutzend Kleinbusse Fahrgäste transportieren, die ein ähnliches Ziel haben.

door2door-Mitgründer Maxim Nohroudi über die Mobilitätsvision des Startups.

door2door bietet mittlerweile eine Ridesharing-Plattform an, die verschiedene Software-Lösungen miteinander verbindet, um einen Service wie den allygator Shuttle auf die Straße zu bringen. Ein wesentliches Element der Plattform liegt in der Verwendung von aggregierten Daten, um ein besseres Verständnis des Mobilitätsverhaltens der Menschen in einer Stadt oder einer Region zu erhalten und auch um zu verstehen, ob das Verkehrsangebot der Nachfrage der Bevölkerung nachkommt. Die Analysen werden auf Grundlage von anonymen Mobilfunk- und GPS-Daten, Angebotsdaten von Verkehrsunternehmen sowie Daten der door2door-Plattform erstellt. Denn der Ridesharing-Service soll nicht abgeschottet, sondern ein integraler Bestandteil des Nahverkehrs werden, der mithilfe einer intermodalen Nutzerapp in den öffentlichen Verkehr eingebettet wird. Die App ermöglicht es, alle verfügbaren Verkehrsmittel miteinander zu kombinieren und so Nutzern die optimalen Wege von A nach B aufzeigen.

Die Mitarbeiter als Motor

Auf dem Weg zu einer autofreien Stadt gibt es noch viel zu tun. Das Personenbeförderungsgesetzt bedarf nach dem Willen Kirschbaums dringend einer Novellierung. Der Fahrtenvermittler Uber wollte einst eine günstigere Alternative zum Taxi sein, scheiterte aber in Deutschland an den gesetzlichen Bestimmungen. Die allygator-shuttle-Fahrer dagegen sind zum Großteil ehemalige Taxifahrer und besitzen einen Personenbeförderungsschein. Und die benutzten Kleinbusse sind keine privaten Fahrzeuge.

Stilgerecht: Tom Kirschbaum in den relativ großzügigen Büroräumen von door2door. Bald sollen an dieser Stelle weitere Mobilitätsspezialisten arbeiten. (© Marcel Schwickerath)

Kirschbaum hat für sich entschieden, dass er diesen Weg als Unternehmer gestalten will. „Wenn man sein eigenes Startup hat, lernt man Demut. Das wiederum führt dazu, dass man sich ständig hinterfragt.“ Er ist für über 60 Mitarbeiter verantwortlich, da darf man sich „keine Ego-Trips leisten“. Kirschbaum, Volljurist und Bankkaufmann, verantwortet die Bereiche Sales, Business Development und Operations.

Der Motor eines Startups, sagt Kirschbaum, seien Mitarbeiter, die etwas bewirken wollen und bereit seien, eine gewisse Zeit ihres Lebens einem Unternehmen zu widmen, ohne zu wissen, ob dieses Erfolg haben wird. Als Gründer baucht man „vor allem Mut und den starken Willen, etwa zu verändern“. Das Scheitern gehört für ihn als wichtiger Lernprozess dazu. Auch er hat schon mal eine Finanzierung „richtig in den Sand gesetzt“. Wichtig sei es, dass man bereit sei, seine Komfortzone zu verlassen. Kirschbaum sagt: „Nur so kann man die wahre Erfüllung erleben.“

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