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Huber und Ermisch vor den mächtigen Höhenzügen bei Berchtesgaden (© Dominik Gigler)
CEO-TALK/Stefan Ermisch trifft: Thomas Huber
17.05.2017

Der eine besteigt Berge in Rekordzeit, der andere lenkt als Vorstandsvorsitzender die HSH Nordbank – eine der aktuell anspruchsvollsten Aufgaben in der deutschen Bankenwelt. Beide müssen mit Risiken umgehen, jeder tut das auf seine Art. Genau darüber haben Thomas Huber und Stefan Ermisch auf einer Berghütte lebhaft diskutiert.

Wie risikofreudig sind Sie?

Thomas Huber: Was heißt schon risikofreudig – als Bergsteiger muss ich mich dem Risiko stellen, sonst werde ich nie eine wirkliche Herausforderung erleben.

Stefan Ermisch: Banken haben in der Wirtschaft eine intermediäre Funktion. Sie gehen jeden Tag und mit jedem Kredit, den sie vergeben, gewisse Risiken ein. Diese müssen wir vernünftig managen, dafür haben wir Regeln, Systeme und Prozesse – mit meiner persönlichen Risikofreude hat das sehr wenig zu tun.

CEO-Talk auf 1000 Metern Höhe: Stefan Ermisch, Thomas Huber und Redakteur Thomas Schwitalla (v.r.) (© Dominik Gigler)

Herr Huber, wenn Sie auf eine Klettertour gehen, wirkt das oft extrem gefährlich. Sind die Touren so riskant, wie sie aussehen?

Thomas Huber: Das Risiko ist im Prinzip ziemlich gering, denn ich weiß, was ich tue. Es kommt aber immer darauf an, welchem Berg ich begegne. In meinem Heimatgelände, als in den Bayerischen Alpen, ist es anders als im Himalaya oder in Patagonien, wo ich mit Gefahren konfrontiert werden kann, die nicht vorherzusehen waren: plötzliche Wetterumschwünge, schwierige Schnee- oder Eisverhältnisse.

Wie gehen Sie mit diesen neuen Gefahren um?

„Man darf sich nicht treiben lassen und muss stets wachsam bleiben“: Stefan Ermisch. Er ist seit dem 10. Juni 2016 Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank AG und war seit dem 1. Dezember 2012 Finanzvorstand, seit dem 1. Juni 2015 stellvertretender Vors

„Man darf sich nicht treiben lassen und muss stets wachsam bleiben“: Stefan Ermisch. Er ist seit dem 10. Juni 2016 Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank AG und war seit dem 1. Dezember 2012 Finanzvorstand, seit dem 1. Juni 2015 stellvertretender Vorstandsvorsitzender und von Juni bis September 2015 kommissarischer Risikovorstand. Stefan Ermisch blickt auf über dreizehn Jahre Erfahrungen in Vorstandsämtern bei privaten Geschäftsbanken und im öffentlichen Sektor im In- und Ausland zurück. (© Dominik Gigler)

Thomas Huber: Es gibt Situationen am Berg, in denen du keinen Fehler machen darfst, weil jeder Fehler tödlich ist. Wenn das Wetter schlecht wird und ich das Gefühl habe: Da stimmt irgendetwas nicht – in dem Moment drehe ich um. Ich habe den Mut, Nein zu sagen.

Stefan Ermisch: Wir haben in der Bank natürlich nicht diese Lebensgefahr, aber wir können durch Fehleinschätzungen auch zu hohe Risiken eingehen und in große Schwierigkeiten geraten. Die Frage ist: Ab wann darf ich keine weiteren Risiken eingehen?

Wann ist dieser Punkt erreicht?

Stefan Ermisch: Man darf sich nicht treiben lassen und muss stets wachsam bleiben. Es gibt Situationen, in denen andere Banken noch Kredite geben und man selbst nicht der Erste sein will, der Nein sagt. Schließlich will keiner der vermeintlich Dumme sein. Das sind gefährliche Situationen. Genau dafür gibt es klare Regeln, in denen festgelegt ist, wie weit eine Bank gehen kann.

Dennoch: Ist die Versuchung nicht groß, die Geschäfte abzuschließen, die andere auch machen?

Stefan Ermisch: Klar, zumal es Vorgänge gibt, die sich an den Rand der festgelegten Grenzen drängen. Die große Kunst – und ich finde, wir machen das jetzt gut in der HSH Nordbank – besteht darin, auch Nein zu sagen. Damit sagen wir Ja zu unseren Prinzipien. Auch zu dem Preis, bestimmtes Wachstum nicht zu haben. Dafür muss man stark sein.

Manchmal geht die positive Entwicklung an den Märkten weiter, man selber ist ausgestiegen. Wie ärgerlich ist das?

Stefan Ermisch: Entgangener Gewinn wird meist als besonders schlimm empfunden. Emotional ist es viel schwieriger, bei einem Gewinn nicht dabei zu sein, als richtig Verlust zu machen. Der Mensch tickt da merkwürdig.

Thomas Huber: Ich kenne solche Situationen: Wir stehen vor einer Wand, entscheiden uns gegen den Aufstieg, weil die Verhältnisse kritisch sind. Neben uns steht ein Team, das geht los und schafft es – das ärgert dich richtig. Selbst wenn die nur Glück gehabt haben. Reinhold Messner hat einmal in etwa gesagt: Die größte Kunst des Extrembergsteigens ist, im richtigen Moment Nein zu sagen. Ich sage es anders: Die größte Kunst des Extrembergsteigens ist, Ja zu sagen – Ja zum Überleben.

Stefan Ermisch: Vor allem ist es eine große Kunst, nicht der Masse zu folgen. Jeder muss seine Grenzen kennen. Alle haben unterschiedliche Ressourcen: Ein Bergsteiger ist vielleicht etwas stärker und kommt deshalb weiter. Das ist bei Banken genauso: Manche verkraften etwas mehr Risiko, manche etwas weniger. Wichtig ist zu wissen, wo man selber steht, wo die eigenen Grenzen sind. Das beschäftigt uns in der Bank. Das diskutieren wir regelmäßig in unseren Vorstandssitzungen: Wie weit wollen wir gehen? Wo müssen wir Nein sagen? Wo wollen wir Ja sagen?

Thomas Huber: Ich habe diesen Konflikt bei der Zweitbesteigung des Ogre erlebt, einem gut 7200 Meter hohen Berg im pakistanischen Teil des Karakorums, der extrem schwer zu klettern ist. Fünf Expeditionen waren vor Ort. Diese Zweitbesteigung war damals das Maß aller Dinge, weil so viele schon daran gescheitert waren. Die gesamte Kletterwelt hat darauf geschaut. Ich habe aber gemerkt: Wir können nicht alle den Berg angehen. Wenn du im Wettbewerb stehst, machst du einen Fehler, denn du wirst vom Tun der anderen manipuliert. Du hast das Gefühl, Nein sagen zu müssen, die anderen gehen aber weiter, also gehst du auch weiter. So kommst du in eine Situation, in die du nicht kommen wolltest – und verlierst vielleicht dein Leben.

Was haben Sie gemacht?

Zwei Risikoabschätzer auf einer Wellenlänge: Huber und Ermisch. (© Dominik Gigler)

Thomas Huber: Ich bin zurückgetreten, ich habe gesagt: Mir ist das zu gefährlich. Ich gehe zum Nachbarberg, der ist noch unbestiegen. Dort habe ich mit meinem Team die Erstbesteigung gemacht. Alle anderen vier Expeditionen sind am Ogre gescheitert und abgereist. Wir haben uns noch zwei Wochen akklimatisiert und sind dann auf den Ogre hoch. Ich habe Ja zum Leben gesagt, Ja zum Projekt, aber Nein zu dieser Situation, diesem Wettbewerb, dieser Hektik, in der meine Handlung von anderen beeinflusst wird.

Stefan Ermisch: Wir stehen manchmal auch mit anderen großen Häusern im Wettbewerb um interessante, teilweise hochkomplexe Kreditengagements. Wir sagen dann auch: bis hierhin und nicht weiter. Wir könnten manchmal mehr machen – aber mit einem unguten Gefühl. Dabei geht es nicht um unser Leben, aber um die Existenz der Bank. Deshalb sagen wir: Das Geschäft soll ein anderer machen.

Wie wichtig ist Risiko für Weiterentwicklung – im Sport, im Unternehmen?

Stefan Ermisch: In der Wirtschaft geht es darum, Chancen zu erkennen und der Innovation Wachstumsräume zu öffnen. Ich muss sehen: Wohin geht es? Was sind die Trends? Wir finanzieren beispielsweise relativ viele erneuerbare Energien. Warum? Weil das ein wichtiger gesellschaftlicher Trend ist. Genauso das Thema Digitalisierung. Wenn man nur immer die Risiken sieht, ist das beklemmend. Man muss Chancen erkennen und ergreifen.

Thomas Huber: Ich bin nach wie vor neugierig. Wenn du in eine unbekannte Welt eintauchst, in Pakistan oder Patagonien, dann gehst du immer ein gewisses Risiko ein. Das musst du als Bergsteiger machen. Stefan Ermisch: Jede Bank kann einen einfachen Kredit geben. Knifflige Konstruktionen beispielsweise für sehr komplexe Projektfinanzierungen von großen Infrastrukturmaßnahmen kann nicht jeder. Gefährlich wird es, wenn Projekte angegangen werden, ohne diese zu beherrschen.

Wie es viele Finanzinstitute in den Jahren vor 2008 getan haben, was dann zur großen Krise an den Finanzmärkten geführt hat.

Stefan Ermisch: Damals wurden Risiken schlicht ignoriert. Und zwar, weil man sich dieser Risiken gar nicht bewusst war. Jahrzehntelang war beispielsweise vielen nicht klar, dass eine Bank ein Liquiditätsrisiko haben kann – bis zum Zusammenbruch von Lehman Brothers. Damals gab es keine Kultur des Neinsagens. Die Standards waren nicht hart genug.

Die Pleite von Lehman hat die Finanzwelt massiv erschüttert. Agieren Banken seitdem teilweise zu vorsichtig?

Stefan Ermisch: Es ist wie bei einem Pendel: Mal schlägt es auf der einen Seite aus, mal auf der anderen. Vielleicht sind Banken jetzt teilweise zu risikoscheu, zu ängstlich. Das hängt aber auch mit den regulatorischen Vorschriften zusammen, die alle beachten müssen. Und damit, dass die Sanktionsmechanismen für Individuen, die in den Banken Entscheidungen treffen, sehr hart geworden sind. Für einzelne, auch eher leichte Regelverletzungen können im Ernstfall strafrechtliche Konsequenzen drohen. So etwas gibt es in keiner anderen Branche. Deshalb sind die meisten sehr vorsichtig. Das verstehe ich. Doch das wird sich normalisieren. Und zwar dann, wenn die Gesellschaft wahrnimmt, dass die Banken ihre Hausaufgaben gemacht haben und ihre DNA ausgewechselt haben – genau das ist geschehen. Ich kenne beide Welten – vor der Krise und nach der Krise – und ich kann sagen: Die Auseinandersetzung mit Risiken hat sich komplett verändert. Für uns als HSH Nordbank ist diese Vorsicht genau richtig. Wenn uns aber die nächste Weggabelung gelingt, dann werden wir mit einem neuen Eigentümer versuchen, den Radius wieder etwas auszuweiten, um das Potenzial der Bank besser zu nutzen.

Wie viel Spaß macht Risiko?

„Disziplin ist die Grundvoraussetzung für Spitzenleistungen“: Thomas Huber. Der 50-Jährige und sein jüngerer Bruder Alexander machten sich als „die Huberbuam“ einen Namen. Als Extremkletterer stellten sie zahlreiche Speedrekorde auf. Im Juli 20

„Disziplin ist die Grundvoraussetzung für Spitzenleistungen“: Thomas Huber. Der 50-Jährige und sein jüngerer Bruder Alexander machten sich als „die Huberbuam“ einen Namen. Als Extremkletterer stellten sie zahlreiche Speedrekorde auf. Im Juli 2016 stürzte Thomas Huber bei Filmaufnahmen an einer Felswand am Brendlberg in der Nähe von Berchtesgaden sechzehn Meter im freien Fall ungesichert ab und erlitt eine Schädelfraktur; im August 2016 konnte er bereits wieder auf Expedition gehen. (© Dominik Gigler)

Stefan Ermisch: Risiko allein macht keinen Spaß. Aber etwas unter Druck zu entwickeln – das motiviert mich. Dazu braucht man Adrenalin. Das werden wir auch für unseren Privatisierungsprozess benötigen, denn das ist ein sehr komplizierter, herausfordernder Weg, auf dem wir jedoch schon gut vorangekommen sind. Das hat viel mit Energie zu tun.

Thomas Huber: Risiko an sich macht keinen Spaß, aber ich habe ein Entdecker-Gen in mir. Und das führt dann manchmal in gefährliche Situationen. Wenn man diese Gefahr dann annimmt, muss man hellwach und voll konzentriert sein. Dann sind alle Sinne maximal geschärft. Die Entscheidung dafür darf nicht aus dem diffusen Gefühl heraus fallen, aus einem „na, mir wird schon nichts passieren“. Sonst wirst du irgendwann am Berg sterben.

Steigt das Risiko, wenn man sich in einer eigentlich gar nicht gefährlichen Situation zu sicher fühlt?

Thomas Huber: Wenn man die Historie der Bergunfälle der sehr guten Kletterer ansieht, stellt man fest, dass kaum einer der Spitzenkletterer in einer extremen Wand tödlich abgestürzt ist. Das Adrenalin lässt dich überleben. Aber wenn die Entspannung einkehrt, wird es gefährlich, wenn man denkt: Jetzt können wir uns mal etwas locker machen. Die Unfälle, die ich hatte, sind immer im leichten Gelände passiert, durch eine Nachlässigkeit. So auch mein 16-Meter-Sturz vergangenes Jahr in Berchtesgaden. Da wird man sehr demütig, wenn man das überlebt.

Abseits von Risiken: Gibt es weitere Parallelen zwischen Spitzensport und der Wirtschaftswelt?

Stefan Ermisch: Ja, ich glaube für Spitzenleistungen ist immer unabdingbare Disziplin notwendig. Disziplin ist die Basis dafür, dass sich Fähigkeiten in Leistung umsetzen. In Unternehmen arbeiten sehr viele verschiedene Beteiligte an einem Projekt. Erst wenn die Kette perfekt ineinandergreift, ist man in der Lage Höchstleistungen zu erbringen.

Thomas Huber: Disziplin ist die Grundvoraussetzung für Spitzenleistungen. Wenn ich mit einem Partner in eine schwierige Wand gehe, wo es wirklich lebensbedrohlich ist, dann erwarte ich von ihm, dass er sich zu 100 Prozent vorbereitet hat. Das ist die Voraussetzung und nicht der Weg zur Spitzenleistung. Für mich gilt die Devise: trust is earned. Vertrauen wir oft ausgesprochen, ich finde aber, dass man es verdienen muss. Erst wenn jeder Verantwortung übernimmt, kann man als Team etwas erreichen.

Stefan Ermisch: Ein gutes Team entsteht nur, wenn alle richtig gut sind. Erst dann bildet man eine leistungsfähige Einheit. Jeder muss sein Handwerk absolut beherrschen – dann muss man über Disziplin zusammenfinden. Das ist in der Wirtschaft oft der entscheidende Faktor, weil einfach sehr viele – oft tausende – Kolleginnen und Kollegen überzeugt werden müssen.

Thomas Huber: Da habe ich es natürlich einfacher – manchmal gehe ich ja alleine los. Maximal sind wir zu dritt.

Hüttenstimmung: Das Berchtesgadener Gasthaus Graflhöhe, in dem sich Ermisch und Huber zum Interview trafen (© Dominik Gigler)

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