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Blick auf Tansanias Hauptstadt, die Millionenmetropole Dar es Salaam (© Getty Images)
Urban Partnership Forum
05.05.2017

Die Idee der Partnerstädte wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als ein Beitrag zur Völkerverständigung ersonnen. Längst hat sie neben der politischen eine kulturelle und vor allem eine wirtschaftliche Dimension gewonnen. In einer Welt, die durch die Digitalisierung zusammenwächst, sind Partner besonders wichtig. Städtepartnerschaften sind daher keine Idee von gestern, sondern eine Strategie für morgen. Welche Chancen darin liegen, was man voneinander lernen kann, welche Wünsche die Städte haben, das stand beim Urban Partnership Forum 2017 auf der Agenda – und dieses Jahr ganz speziell das Thema Nachhaltigkeit. Auf Einladung der HSH Nordbank und des Hamburger Abendblatts diskutierten Vertreter der drei Handelsmetropolen Marseille, León und Dar es Salaam. Zuvor sprach UP Nord mit Olaf Scholz, dem Ersten Bürgermeister Hamburgs, über den Austausch von smarten Städtelösungen und die Auswirkungen auf die Hamburger Wirtschaft.

Weshalb sind Städtepartnerschaften wichtig?

Olaf Scholz: Städtepartnerschaften haben zu unterschiedlichen Zeiten wandelnde Bedeutungen gehabt. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges war es die Idee, dass sich ehemalige Kriegsgegner persönlich kennenlernen sollten, mit der Hoffnung, dass man gegen Menschen, die man kennt, weniger leicht zu einem Krieg verführt werden kann. Die Aussöhnung über die Gräben des Krieges hinweg war insbesondere in Bezug auf St. Petersburg - das damalige Leningrad - und Marseille ein wichtiger Aspekt. Auch heute, mit den Spannungen zwischen Deutschland und Russland über die Krim und die Ukraine, ist es wichtig, dass die Menschen neben den vorhandenen Differenzen erkennen, wie viel wir gemeinsam haben und dass es wesentlich mehr verbindende als trennende Aspekte gibt.

Setzen sich für den Erhalt der Städtepartnerschaften ein: Stefan Ermisch, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank, Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz und Hamburger-Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider (v.li.) (© HSH Nordbank)

Da Städtepartnerschaften auf Dauer angelegt sind, geben sie immer wieder den Anstoß, sich mit der anderen Kultur und der unterschiedlichen Sichtweise der Partner auseinanderzusetzen. Gerade die Unterschiedlichkeit gibt dabei immer wieder Anregungen, die eigene Position zu überdenken. Manche Probleme, die uns hier in Hamburg groß erscheinen, werden aus der Perspektive von León oder Dar es Salaam relativiert. Zwar reisen heute viele Hamburgerinnen und Hamburger in ferne Länder, aber im Austausch mit Partnern aus den Partnerstädten ist man nicht Tourist, sondern kommt in direkten persönlichen Kontakt, der viel mehr Einblicke in das Leben der anderen Stadt bietet. So wird zum wechselseitigen Verständnis erheblich beigetragen. Dies gilt besonders für den Jugendaustausch.

Wie können Städte wachsen und dabei die Nachhaltigkeit im Blick behalten?

Olaf Scholz: Auf Dauer ist ein Wachstum ohne Nachhaltigkeit nach meiner Erfahrung gar nicht möglich. Es sind nicht zwei voneinander losgelöste Themen, sondern die Nachhaltigkeit ist Voraussetzung für Wachstum. Dabei müssen wir auf allen Feldern, ökonomisch, ökologisch und sozial, daran arbeiten, z. B. den Ausstoß von Treibhausgasen, die Luftverschmutzung aber auch den Energie- und allgemein den Ressourcenverbrauch je Einwohner zu senken, Gleichstellung, Integration, Inklusion und Teilhabe zu gewährleisten und eine langfristig erfolgreiche Wirtschaftsstruktur mit zukunftsfähigen Arbeitsplätzen anzustreben. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Städte sein. Städte wachsen, weil sie für Menschen attraktiv sind. In Städten entwickeln sich mehr Arbeitsplätze, sie sind Zentren der Kultur und gerade durch die höhere Bevölkerungsdichte in vielen Bereichen heute schon nachhaltiger aufgrund des geringeren Energie-, Flächen- und Ressourceneinsatzes pro Einwohner. Wir müssen alle daran arbeiten, Städte von Orten der Probleme zu Laboren der Problemlösung, von Kreativität, Innovation und zukunftsfähiger Entwicklung zu machen. Da sind wir in Hamburg auf einem guten Weg.

Will durch größeren Akzent auf die Nachhaltigkeit der Hamburger Wirtschaft noch mehr Impulse geben: Olaf Scholz. (© HSH Nordbank)

Den neuen Orientierungsrahmen dafür haben im September 2015 die Vereinten Nationen mit der sogenannten „Agenda 2030“ mit 17 Zielen, den Sustainable Development Goals (SDGs), und 169 Unterzielen gesetzt. Damit haben wir einen global gültigen Kompass, um allen Menschen ein gutes Leben in Würde zu ermöglichen, ohne dabei unseren Planeten zu zerstören – heute und in Zukunft. Dies gilt für alle Staaten dieser Welt – auch die Industrienationen. Den Städten wird damit eine zentrale Schlüsselrolle für eine zukunftsfähige Entwicklung weltweit zugewiesen. Auch Hamburg stellt sich seiner Verantwortung zur Umsetzung der SDGs. Wir erarbeiten gerade in einer behördenübergreifenden Arbeitsgruppe Rahmenbedingungen und Schwerpunkte unseres Engagements.

Was bedeutet Nachhaltigkeit im Hinblick auf Bauen und Verkehr?

Olaf Scholz: Wir sind dabei mit energieeffizienten Gebäuden, dem Ziel, ab 2020 nur noch emissionsfreie Busse anzuschaffen, und einer großen Zahl von „smarten“ Lösungen auf gutem Weg und tauschen uns darüber auch mit Partnerstädten, aber auch weiteren Partnern wie z. B. Kopenhagen aus. In der HafenCity und anderen Bauvorhaben in Hamburg wird darauf geachtet, möglichst energieeffiziente Häuser zu bauen.

Nachhaltigkeit beim Thema Bauen und Verkehr hat für uns insbesondere eine soziale Komponente. Es geht darum, soziale Wohnungsbaupolitik, nachhaltige Verkehrssysteme und Stadtentwicklung, Senkung der Umweltbelastungen und die Versorgung mit öffentlichen Grünflächen miteinander zu verbinden. Wir wollen allen den Zugang zu angemessenem, sicherem und bezahlbarem Wohnraum ermöglichen und ein sicheres, bezahlbares und nachhaltiges Verkehrssystem mit einem gut ausgebauten ÖPNV. Und wir wollen den Fuß- und Radverkehr in der Stadt fördern. Diese Ziele sind übrigens auch Bestandteil der Agenda 2030. Auch da begreifen wir unsere Stadt als „Motor für Transformation“.

Inwieweit ist das Bewusstsein der Bewohnerinnen und Bewohner der Städte für Nachhaltigkeit wichtig?

Olaf Scholz: Wie bei den meisten Themen kann und sollte eine wohlberatene Regierung sie nicht gegen die eigenen Bürger durchsetzen. Gerade bei den Fragen der Nachhaltigkeit kommt es darauf an, dass jede und jeder Einzelne dazu beiträgt. Nachhaltige Entwicklung braucht das Engagement aller, sie geht über die Möglichkeiten staatlicher Verantwortung hinaus. Es ist unsere Aufgabe und unser Ziel, alle einzubinden. Diese Forderung zieht sich übrigens mit den Worten „Leave no one behind“ als Grundsatz durch die gesamte Agenda 2030. Es wird auch für uns darauf ankommen, alle, auch benachteiligte Menschen und Bevölkerungsgruppen, zu erreichen und einzubinden.

Nachhaltiges Bewusstsein muss sich in konkreten Verhaltensänderungen, in kleinen Schritten und im Ausprobieren neuer Wege zeigen, sonst ist es nur eine aufgesetzte Fassade. In der Summe sind viele kleine Umstellungen, die jeweils nur einen kleinen Beitrag zur Ressourcenschonung, zur Verminderung von Treibhausgasen etc. leisten, die wichtigste Quelle für den Gesamterfolg. Muss man den privaten Pkw nehmen oder kann das Ziel auch mit Fahrrad oder dem ÖPNV fast genauso gut erreicht werden? Muss das Licht weiter brennen, wenn wir ein Zimmer verlassen? Dies und ähnliche kleine Verhaltensänderungen können in der Summe viel bewirken.

Wir können die Bürgerinnen und Bürger erreichen, wenn wir als Stadt selbst glaubwürdig sind und mit gutem Beispiel vorangehen. Mit der umweltverträglichen und nachhaltigen Beschaffung, unserem eigenen Fuhrpark, unserem Engagement als Fair-Trade-Stadt setzen wir gute und sichtbare Akzente. Mit diesen setzen wir übrigens auch für die Hamburger Wirtschaft Impulse.

Gibt es konkrete Beispiele, wie Hamburg von anderen Städten lernt?

Olaf Scholz: Bei vielen EU-Projekten ist genau dies das Hauptziel. Kopenhagen ist zum Beispiel beim Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur weiter. Bei meinem Besuch in Singapur habe ich im vergangenen Jahr für uns ungewöhnliche Lösungen mit Industriebetrieben in mehrstöckigen Gebäuden, bei denen auch die höheren Stockwerke durch LKW erreicht werden konnten, gesehen. Sicher sind nicht alle Lösungen auch für alle Städte geeignet, aber die Herausforderung, mit begrenztem Raum möglichst gut zu planen, teilen wir mit fast allen. In manchen Fällen können wir aber auch Bescheidenheit lernen. Wenn wir sehen, mit welch geringen Mitteln in León oder Dar es Salaam schon viel für die Menschen und die Umwelt erreicht werden kann, wird uns das hohe Niveau, auf dem wir über manches klagen, erst richtig bewusst.

Haben andere Partnerstädte Anregungen von Hamburg aufgenommen?

Olaf Scholz: Gerade im Austausch der Feuerwehren und bei der Abfallbehandlung sind viele Erfahrungen aus Hamburg für León und Dar es Salaam nutzbar gemacht worden. So wurde in León eine neue Feuerwache gebaut, und in Dar es Salaam wird an einem Projekt zur Kompostierung von organischen Abfällen mit Hamburger Unterstützung gearbeitet. Hamburg Wasser hat über mehrere Jahre den Wasserversorger von Dar es Salaam bei einer effizienteren Organisation beraten. In unserer langjährigen Partnerschaft mit St. Petersburg tauschen wir uns unter anderem regelmäßig zu „Bildung für Nachhaltigkeit“ aus. Dort konnten wir im schulischen und universitären Bereich als mehrfach ausgezeichnete Stadt der Weltdekade Impulse setzen. In der Planungsphase befindet sich als weiteres Projekt die „Umweltpartnerschaft Hamburg – Mexiko“ der Behörde für Umwelt und Energie. Hier setzen Partner aus Mexiko mit Unterstützung ihrer Spiegelinstitution aus Hamburg beispielhafte, praxisbezogene Maßnahmen zur nachhaltigen Stadtentwicklung in Mexiko um.

Welche Bedeutung hat Kultur für eine nachhaltige Entwicklung?

Olaf Scholz: Kultur ist ja nicht nur künstlerische Hochkultur in Musik, Malerei, Bildhauerei und ähnlichen Disziplinen, sondern Kultur ist auch die Art und Weise, wie wir leben. Dabei spielt die Nachhaltigkeit eine zunehmend größere Rolle. Manche sehen neben den klassischen drei Säulen der Nachhaltigkeit (Ökonomie, Ökologie und Soziales) Kultur als vierte Säule an. Wir müssen die Bürgerinnen und Bürger erreichen, ihre Einstellungen und ihr alltägliches Verhalten. Für diesen Zugang zum „mal was Neues ausprobieren“ spielt Kultur, nicht nur die Hochkultur, sondern auch unsere Alltagskultur, eine ganz entscheidende Rolle. Da können es dann auch der von Berufsschülern komponierte Rapsong zum Ressourcensparen, der Poetry-Science-Slam-Wettbewerb im Uebel&Gefährlich oder die altonale mit nachhaltigen Konzepten wie die Fahrradgarderobe oder die Komposttoilette sein.

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