SUCHE

Kim Jong-un droht mit weiteren Atomtests (© Getty Images)
Fokus Nordkorea
18.05.2017

„Beziehungen zwischen Nordkorea und China haben ihren Tiefpunkt erreicht“, so Gast-Researcher Simon Finke.

Die USA halten ihr militärisches Frühjahrsmanöver im Südchinesischen Meer mit ihrem Verbündeten Südkorea ab und Nordkorea feiert den 105. Geburtstag des lange verstorbenen Staatsgründers Kim Il-Sung (1912 – 1994) mit Militärparaden und Zurschaustellung von Raketen. Die Welt hält den Atem an. Alles beim Alten also – oder etwa nicht? Nein, denn die jüngsten Raketentests des Diktators Kim Jong-un und die Androhung eines sechsten Atomwaffentests (der letzte war im September 2016), lassen einen exzentrischen US-Präsidenten wie Donald Trump nicht abwartend zusehen, sodass kurzerhand ein Flugzeugträger des US-Militärs an die koreanische Halbinsel verlegt wird. Die Angst, dass die nordkoreanischen Langstreckenraketen bald in der Lage sein könnten die Westküste der USA zu erreichen, verbreitet Unruhe in den Vereinigten Staaten, wobei in den Medien bereits die Absicht eines „Präventivschlages“ herbeigeredet wird. Sind das noch Drohgebärden?

Das Bündnis von Nordkorea und China…

Zu Beginn des Koreakrieges (1950-1953) rückten nordkoreanische Truppen zügig in den Süden vor und nahmen weite Teile ein. Als die Amerikaner jedoch zur Unterstützung Südkoreas kamen, schaltete sich auch die chinesische Regierung ein. Es begann ein Krieg, der etwa vier Millionen Zivilisten forderte und mit der Errichtung einer entmilitarisierten Zone endete. Seitdem wird in China - trotz massiver Opfer auf eigener Seite - der Koreakrieg als siegreiche Intervention gegen den Westen angesehen. Während sich seit dem Zweiten Weltkrieg Japan und Südkorea am Westen orientieren und stets in Furcht vor einem Militärschlag ihres nicht einschätzbaren Nachbarn leben, gilt China als Verbündeter und engster Handelspartner. So beträgt der Anteil Chinas am nordkoreanischen Außenhandel um die 80-90 %. Weiterhin bezieht Nordkorea 90 % seiner Energieversorgung aus China und ist daher wirtschaftlich, wie auch strukturell hochgradig abhängig von der Volksrepublik. Bei einer solchen Dependenz sollte man meinen, dass Nordkorea sich auf Anweisungen aus Peking hält, dies war in der Vergangenheit und ist besonders in der Gegenwart jedoch nicht der Fall.

… bekommt Risse

China spricht sich seit Jahren gegen das Atomwaffenprojekt seines „kleinen Bruders“ aus, der jedoch unbeirrt an seinem Kurs festhält und in einer sturen, unbeeindruckten Art und Weise versucht, Stärke und Macht zu demonstrieren. Eine Macht, die auf Abschreckung ausgelegt ist und seine Legitimation im Besitz und Gebrauch von Atomwaffentechnologie findet. Die chinesische Regierung lässt sich dies allerdings seit kurzem nicht mehr gefallen und hat nach dem Vorbild der UN Sanktionen verhängt: Schon seit Februar stoppt China sämtliche Kohleimporte aus Nordkorea und sorgt somit dafür, dass dem Land eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen verloren geht. Peking fordert zudem eine diplomatische Lösung des Konfliktes zwischen Nordkorea und den USA, stellt sich aber zunehmend auf die Seite des Westens. Die Beziehung zwischen den beiden Ländern hat einen Tiefpunkt erreicht und jüngste Drohungen der nordkoreanischen Staatsmedien gegen China erwecken nicht den Anschein, als sei eine Besserung in Sicht. Ein militärischer Präventivschlag seitens der Vereinigten Staaten wäre jedoch aufgrund von diversen Faktoren nicht im Interesse der Volksrepublik, die Nordkorea bereits als „latenten Feind“ anzusehen scheint.

China braucht ein stabiles Nordkorea

Ein Militärschlag Amerikas wäre ein Szenario, dass man sich nicht ausmalen möchte, die Volksrepublik China aber offenbar bereits ins Kalkül mit einbezieht. Angeblich verlegte die chinesische Regierung Mitte April bereits 150.000 Soldaten an die Grenze zu Nordkorea um im Falle eines Versagens der Kontrollmechanismen eine entstehende Flüchtlingskrise koordinieren zu können. Würde das Szenario eines Zusammenbrechens Nordkoreas wahr werden, würden in der Folge zur Stabilisierung des Landes US-Soldaten an der Grenze zu China stationiert werden. Die USA hat bereits seit 1957 Soldaten in Südkorea, zurzeit etwa 30.000. Das US-Militär an der Grenze zu China wäre ein Ergebnis, dass in Peking auf wenig Zustimmung treffen dürfte, da sie Nordkorea sicherlich als „Pufferstaat“ erhalten möchten. Deshalb dürfte China weiterhin im Hinblick auf Sanktionsvorhaben der UN zurückhaltend agieren und die Notwendigkeit von diplomatischem Entgegenkommen betonen. Trumps Aussage, dass eine militärische Lösung nicht auszuschließen – eine nicht-militärische jedoch favorisiert – sei, sollte daher in China zu weiterem Bestreben zur Minderung des Konfliktpotenzials sorgen.

Japan und Südkorea träfe es zuerst

Die US-Verbündeten Südkorea und Japan, welche sich in unmittelbarer Reichweite nordkoreanischer Raketen befinden und kontinuierlich Drohungen ausgesetzt sind, bereiten sich inzwischen auf den schlimmstmöglichen Fall vor. Beide Staaten wären jedoch vermutlich machtlos und würden unermesslichen Schaden erleiden, sollte Kim Jong-un einen direkten Angriff wirklich ausüben. Japan, das Nordkorea im zweiten Weltkrieg noch als Japanisches Kaiserreich besetzte, bekam in der Vergangenheit bereits mehrmals gezeigt, dass Nordkorea auf Worte auch Taten folgen lässt. So wurden bereits mehrmals Testraketen in Richtung des Landes der aufgehenden Sonne geschossen, diese erreichten bisher jedoch noch nie das Festland, sollten es aber wohl auch nicht. Am 03. Mai stürzten mehrere ballistische Raketen allerdings innerhalb der japanischen 200-Meilen- Zone ins Meer, worauf der japanischen Regierungschef Shinzo Abe die aktuelle Lage als „Bedrohung“ betitelte und sich noch näher an die Seite der USA positionierte. Während das bislang größte japanische Kriegsschiff „Izumo“ zur Unterstützung des US-Militärs ausgesendet wurde, hört man erschreckend wenig Stimmen aus dem Land, welches am nähesten liegt: Südkorea.

Südkoreas „Sunshine Policy“

Das politische Vakuum, das durch die Absetzung der ehemaligen konservativen Präsidentin Park Geun-hye aufgrund von Korruptionsvorwürfen entstanden ist, führte im aktuellen Konflikt zu einer gewissen Sprachlosigkeit. Der jüngst gewählte Regierungschef Moon Jae-in kritisiert unterdessen das von den USAmerikanern in Südkorea installierte Raketenabwehrsystem THAAD und gilt als Befürworter des Dialoges mit Nordkorea. Wie bereits vorherige liberale Präsidenten ist Moon ein Befürworter der „Sunshine Policy“, welche sich zwischen 1998 bis 2008 für eine friedliche Koexistenz Nord- und Südkoreas sowie eine Verbesserungen der gemeinsamen Beziehungen als Ziel einsetzte. Es scheint allerdings, als habe man sich in Südkorea an die Drohungen des nördlich gelegenen Nachbarn gewohnt – an den militärischen Tatendrang eines schwer einzuschätzenden US-Präsidenten jedoch noch nicht. So werden nordkoreanische Raketentests seit Jahren mit einem beiläufigen Schulterzucken wahrgenommen, Reaktionen der USA (wie die Verlegung des Flugzeugträgers vor die koreanische Halbinsel) jedoch weit kritischer gesehen. Durch das militärische Einschalten der USA in den Nordkoreakonflikt hat sich die altbekannte Situation verändert. Es bleibt abzuwarten, ob es eine positive Veränderung wird.