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automatisierte Liefer- und Sortierprozesse sorgen für Produktivität (© Getty Images)
Logistik
12.04.2017

Die Logistikbranche steht wegen der digitalen Transformation vor entscheidenden Umbrüchen

Lastwagen und Schiffe fahren selbsttätig, Drohnen liefern Produkte autonom aus, Künstliche Intelligenz ermöglicht selbstlernende Bestellsysteme – die Logistikbranche steht mit der digitalen Transformation vor revolutionären Umbrüchen. „Es gibt Hunderte von Lkw, die sich bereits zu veritablen Datenzentren entwickelt haben. Es sind die ersten rollenden Datenzentralen der Welt. Die von den Sensoren der Trucks gewonnenen Informationen nutzen allen Beteiligten – von der Spedition bis zu anderen Lastwagen, die in Echtzeit über Verkehrsverhältnisse informiert werden und bei Bedarf auf eine bessere Route ausweichen können,“ sagte US-Ökonom Jeremy Rifkin auf einer UP-Nord-Veranstaltung in Hamburg. Das Interesse am Supply-Chain-Management der Zukunft ist bei den Logistikern groß, denn die Digitalisierung verheißt weniger Kosten und Produktivitätssteigerungen. Diese führen bei Logistikunternehmen aber auch zu einem eher sinkenden Personalbestand. Gleichzeitig fehlen qualifizierte Mitarbeitern mit digitaler Expertise. Ein Manko ist auch die fehlende Kenntnis über staatliche Finanzierungs- und Förderprogramme, die Unternehmen bei notwendigen Investitionen in digitale Technologien helfen könnten. Dies ergab eine aktuelle Umfrage der HSH Nordbank unter 22 Top-Entscheidern deutscher Logistikunternehmen. „Unternehmen sind gut beraten, möglichst frühzeitig in digitale Prozesse zu investieren, um langfristig im internationalen Wettbewerb bestehen zu können“, sagt Kai-Uwe Höhs, Kundenberater Corporates Logistik bei der HSH Nordbank. Auch in der Logistik entwickeln sich Startups zur Konkurrenz für die etablierten Unternehmen. Cloud Computing, Data Analytics oder Social Media beeinflussen zunehmend deren Geschäftsmodelle. Dabei ist die Zusammenarbeit der Logistiker mit Startups stark ausbaufähig. Nach Zahlen des IT-Branchenverbands Bitkom arbeiten aktuell nur rund 7 Prozent aller deutschen Unternehmen im Bereich der Logistik mit Startups zusammen – ein gänzlich anderes Bild als in der Finanzwirtschaft, in der Kooperationen mit FinTechs üblich sind.

Drohnen mit Inventurauftrag

Dabei soll schon in zehn Jahren die Welt der Logistik ganz anders aussehen als heute. So sollen autonome Drohen mit Inventurauftrag durch Lagerhallen fliegen und Roboter bestellte Waren an Kunden ausliefern. Dieser Zukunft sehen die Logistiker mit einiger Zuversicht entgegen. Laut der HSH-Umfrage schätzen über die Hälfte der Befragten den aktuellen Digitalisierungsgrad in ihren Unternehmen als „gut“ ein. Viele digitale Technologien würden in den Betrieben bereits genutzt. Dazu zählen zum Beispiel Echtzeit-Verfolgungs- und Rückverfolgungssysteme, digitale Auftragsbearbeitung, Cloud-Technologien und soziale Netzwerke. Viele Firmen, die noch keine automatische Ankündigung von Transporten einsetzen, planen derzeit konkret deren Einführung. Während einige Logistiker bereits heute mit QR- oder Strich-Codes sowie Sensoren zur Förder- und Sortiertechnik arbeiten, sind diese Technologien erst in den nächsten Jahren zu erwarten. Gleiches gilt für Big Data Analytics – also die systematische Auswertung und Analyse großer Datenmengen beispielsweise für Marketingzwecke, Risiko- oder Routenmanagement. Den Einsatz von 3-D-Druckern in der Logistikbranche können sich die Befragen dagegen erst in fünf bis zehn Jahren vorstellen. Hohe oder schwer zu kalkulierenden Kosten der Umstellung auf neue Systeme sind eine Hürde für Investitionen in Digitalisierung – auch wenn Logistikunternehmen das langfristig positive Potenzial erkennen. „Eine fehlende Standardisierung und unterschiedliche Kundenanforderungen erschweren zusätzlich die Einführung neuer digitaler Technologien“, sagt Höhs. Das Kostenrisiko relativiert sich aber durch neue Geschäftschancen.

Das Logistikmarktvolumen in Deutschland wächst

Logistikbranche in Deutschland

Die Logistik umfasst den Transport von Gütern, ihre Lagerung sowie das Management von Waren- und Informationsflüssen. Obwohl sich das globale Wachstum verlangsamt hat, legt die Logistikbranche weiter zu. In der mittelständisch geprägten Branche bieten rund 60.000 Unternehmen ihre logistischen Dienstleistungen an. Nicht zuletzt ist dies auf den boomenden Onlinehandel und die zunehmenden Serviceangebote der E-Commerce-Anbieter zurückzuführen. 2016 betrug der branchenübergreifende Umsatz nach Angaben der BVL rund 258 Milliarden Euro – das sind über 25 Prozent des europäischen Logistikmarkts.

Das liegt an der hohen Wettbewerbsfähigkeit der inländischen Logistikunternehmen, an der guten geostrategischen Lage Deutschlands sowie an der Qualität der deutschen Verkehrsinfrastruktur. Um diese Standards aufrechtzuerhalten, sind regemäßige öffentliche und private Investitionen in Straßen, Tunnel, Brücken, Schienen, Häfen und Flughäfen notwendig. Dementsprechend nutzt die Bundesregierung die gute Haushaltslage, um die Infrastrukturinvestitionen deutlich aufzustocken. 2017 sind Ausgaben von 13,7 Milliarden Euro vorgesehen.