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Chinas Konjunktur befindet sich wieder im Aufwind. (© Getty Images)
SCHWELLENLÄNDER-BAROMETER
10.04.2017

Anziehender globaler Warenhandel und verbesserte Finanzierungsbedingungen lassen länderspezifischen Risiken sinken.

Das Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank entspannt sich zum April und kann somit die Erhöhung im Stresslevel aus dem vorherigen Monat wieder abbauen. Der Gesamtindex ging um 1,7 Punkte zurück auf 42,1 (Stand 05.04.2017), wofür eine Vielzahl von Faktoren ursächlich war. Insgesamt gibt der Rückgang einen vorsichtigen Optimismus für die wirtschaftliche Entwicklung in diesen Ländern wieder. Im ersten Quartal wuchs der globale Warenhandel der Schwellenländer zum Vorjahr um 4,2 %, der höchste Zuwachs seit Anfang 2010. Parallel profitiert diese Ländergruppe vielfach von einem Rückgang ihrer Inflationsraten, was viele Marktteilnehmer als positives Zeichen werteten und den Aktienmärkten in vielen Schwellenländern Auftrieb gab. Eine Entspannung in den Anleihen-Spreads durch eine Abnahme der politischen Unsicherheit in den USA wirkt sich aktuell zusätzlich aus. Diese Wirkung ist womöglich nur kurzfristig. Zunehmende handelspolitische Streitigkeiten und eine Zunahme der Zuversicht für die wirtschaftliche Entwicklung in den Industrieländern relativ zu Schwellenländern könnten die Wachstumsaussichten wieder umkehren. Das Schwellenländerbarometer beinhaltet die Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS-Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Für Brasilien zeigt sich analog zu unserem Gesamtindex ein Rückgang der länderspezifischen Risiken. Die Volatilität an den Eisenerz-Märkten hat sich zwar signifikant erhöht und so den Preis für das wichtigste brasilianische Exportgut unter Druck gesetzt. Allerdings schlagen diese Entwicklungen derzeit nicht auf den Gesamtindex durch. Der Rückgang des Stresslevels wird maßgeblich von den gesunken Anleihenspreads zwischen brasilianischen und US-amerikanischen Staatspapieren getragen. Aktuell notiert unser Länderindex bei 35,6, was einem Rückgang von 1,7 Punkten entspricht.

Eine bemerkenswerte Erholung konnte Indien verzeichnen. Das Länderbarometer für das zweit-bevölkerungsreichste Land der Erde sinkt auf 50,2 Indexpunkte. Die Entspannung zur vorherigen Betrachtung macht über 9 Indexpunkte aus, was der höchste Rückgang in einem länderspezifischen Stresslevel in 2017 ist. Auch hier wirkt sich der Rückgang der Spreads zu den US-Treasury Renditen aus. Die indische Konjunktur könnte zudem durch die jüngst im Parlament beschlossene Steuerreform und die damit verbundenen erheblichen Vereinfachungen der Steuergesetzgebung zusätzliche Belebung erfahren.

Eine leichte Erhöhung im Stresslevel konnte die Türkei verzeichnen. Der Länderindex stieg um 0,4 auf 38,3 Indexpunkte. Es ist vor allem die politische Situation, welche aktuell Investoren Sorgen bereitet. So gab die Istanbuler Börse vor dem richtungsweisenden Verfassungsreferendum Mitte April deutlich nach. Die Aufwertungsbewegung der türkischen Lira und der Rückgang der Anleihenspreads wirkten in unserem Länderindex ausgleichend. Das Ergebnis der Verfassungsreform am 16.04. wird entscheiden, ob die Türkei länderspezifische Risiken weiter abbauen kann.

Auch das Stresslevel für Indonesien erhöht sich entgegen unseres Gesamtindex. Das länderspezifische Risiko gibt gegenwärtig ein um 3,6 Indexpunkte ausgeweitetes Stresslevel wieder. Der fortwährende Rückgang der Rohstoffpreise für Kohle und Erdgas wirkt sich nachteilig in unserer Länderbetrachtung auf die Exporte der indonesischen Wirtschaft aus. Gleichwohl notiert der indonesische Länderindex mit 44,2 Indexpunkten auf einem eher moderaten Risikoniveau. Unverändert zum Vormonat bleiben die Stresswerte für die russische Wirtschaft. Eine Stabilisierung der Erdgaspreise und eine leichte Aufwertung des Rubels waren im letzten Monat zu beobachten. Insgesamt werden die Stresslevel für Russland maßgeblich von den geopolitischen Entwicklungen und den Rohstoffpreisen für Rohöl und Erdgas getragen. Auch China zeigt sich erholt. Das Länderbarometer gibt rund 2 Indexpunkte nach, maßgeblich bedingt durch einen Rückgang der Anleihenspreads zwischen chinesischen und US-amerikanischen Staatsanleihen. Das gegenwärtige Stresslevel von 50,8 Indexpunkten unterstreicht auch den stabilen Jahresauftakt der chinesischen Konjunktur. Langfristig werden die Zukunft der globalen Handelsbeziehungen und die Reformgeschwindigkeit des chinesischen Exportmodells die Stresswerte beeinflussen.

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes
    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100
  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe
    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.