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Qualitativ hochwertige Milch von glücklichen Kühen hat größere Ertragschancen (© Getty Images)
Branchenstudie
11.04.2017

Innerhalb der deutschen Ernährungswirtschaft ist die Milchindustrie mit einem Umsatz von 22,6 Milliarden Euro die bedeutendste Einzelbranche. Die Ertragslage der deutschen Molkereibranche gibt insgesamt wenig Anlass zur Zufriedenheit. Mit einer durchschnittlichen EBIT-Marge von etwa 2 % liegt die Milchindustrie deutlich unter dem Mittelwert der Ernährungswirtschaft. Angetrieben vom starken Profitabilitätsdruck wird die Entwicklung der Branche von einer fortgesetzten Konsolidierung geprägt sein. Gerade für kleinere Molkereien könnte laut einer HSH-Nordbank-Studie eine Kombination aus Spezialisierungsstrategie und Kooperationen eine Überlebensstrategie sein.

Hohe Volatilität des Milchpreises, kartellrechtliche Bedenken: Um den Ruf der deutschen Milchwirtschaft steht es nicht gut. Aber es gibt auch positive Signale und neue Strategien für Ertragssteigerungen, wie ein Bericht der HSH Nordbank zeigt.

Die Herausforderungen für Deutschlands Milchbauern und Molkereien wurden im Sommer 2013 zunehmend drängender. „Da ist der Markt aus dem Gleichgewicht geraten“, sagt Hans Foldenauer, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter und selbst ein Milchbauer im Allgäu. EU-Agrarpolitiker und die Verbände der Molkerei- und Ernährungswirtschaft hätten laut Foldenauer das Signal ausgesendet: „Ihr müsst mehr Milch produzieren, die Nachfrage wächst schneller als das Angebot." Etwa 140 Millionen Tonnen Milch wurden innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten im Jahr 2012 produziert, in den nächsten zwei Jahren kamen rund 10 Millionen Tonnen dazu. Im April 2015 wurde zu allem Überfluss nach 31 Jahren auch noch die Milchquote abgeschafft, das habe laut Foldenauer die Lage weiter verschärft.

Ursprünglich war die Quote eingeführt worden, um die Überschüsse der Agrarproduktion zu beschränken. Die dadurch erhoffte Stabilisierung der Preise blieb jedoch aus, die Erzeugerpreise für Rohmilch schwankten um bis zu 20 Cent. Das wird sich auch künftig nicht ändern. „Die Volatilität des Milchpreises wird weiterhin hoch bleiben“, sagte Monika Wohlfarth, Geschäftsführerin Zentrale Milchmarkt Berichterstattung GmbH, anlässlich des Berliner Milchforums.

Zusätzliche Schärfe bringt nun das „Sachstandspapier Milch-Lieferbedingungen“ des Bundeskartellamts in die Branche, das Mitte März veröffentlicht wurde. Darin stellt Behörden-Präsident Andreas Mundt eine Abschottung des Marktes zum Nachteil der Erzeuger fest. Die Landwirte werden demnach flächendeckend dazu verpflichtet, ihre Milch ausschließlich bei ihrer Molkerei abzuliefern. Die Verträge hätten eine lange Laufzeit. „Es gibt so gut wie keinen Wechsel", beklagt Mundt. „Ebenso weit verbreitet ist es, dass der Milch-Auszahlungspreis erst nach der Lieferung festgesetzt wird und sich an Referenzpreisen und Marktinformationssystemen orientiert." Die Fronten sind zwischen Wettbewerbshütern und Wirtschaft sind verhärtet. Das Deutsche Milchkontor (DMK), die größte Molkerei Deutschlands, titelte nach Veröffentlichung des Sachstandspapieres: „Kartellamt zerstört den deutschen Milchmarkt.“ Die Bonner Behörde führt ein Musterverfahren gegen das DMK.

Es geht um viel. Mit einem Umsatz von 22,6 Milliarden Euro ist die die Milchindustrie innerhalb der deutschen Ernährungswirtschaft die bedeutendste Einzelbranche. Mittlerweile werden in der EU 160 Millionen Tonnen Milch produziert, davon 32 Millionen Tonnen in Deutschland, von denen 65 Prozent in Genossenschaftsmolkereien und der Rest in Privatmolkereien weiterverarbeitet werden. Das gab die HSH Nordbank in ihrer ersten Branchenstudie Molkereiwirtschaft bekannt.

Entwicklung der branchendurchschnittlichen EBIT-Marge

Dass die Gewinnmargen mit einer durchschnittlichen operativen Gewinnspanne (EBIT-Marge) von etwa zwei Prozent deutlich unter dem Mittelwert der Ernährungswirtschaft liegen, zeugt ebenfalls von einem harten Wettbewerbsumfeld. Erschwerend für die Erzeuger kommt hinzu, dass wenige Lebensmitteldiscounter ein rigide Preispolitik durchsetzen können. Auch die Verbraucher haben Anteil an den Bedingungen. Die Studie der HSH Nordbank konstatiert eine „Geiz ist geil-Mentalität“ für Milchprodukte. Der Wunsch, möglichst billige Waren in Supermärkten und Discountern zu kaufen, sei in Deutschland sehr ausgeprägt; im Gegensatz zu Frankreich, Italien oder Spanien, wo die Verbraucher für hochwertige Lebensmittel auch deutliche Preisaufschläge zu zahlen bereit sind.

Es kann mit Milchprodukten durchaus nachhaltig Geld verdient werden.

Tim Muhle, Leiter Ernährungswirtschaft bei der HSH Nordbank

Während die Genossenschaftsmolkereien, die vor allem in Norddeutschland verbreitet sind, bisher vor allem auf „Masse statt Klasse“ setzten und eine „Strategie der Kostenführerschaft“ verfolgten, positionierten sich die zumeist in Süddeutschland ansässigen Privatmolkereien wie Bauer, Ehrmann, Müller und Zott als Markenhersteller - und sind mit ihren Spezialprodukten im Durchschnitt ertragsstärker. „Es kann mit Milchprodukten durchaus nachhaltig Geld verdient werden“, sagt Tim Muhle, Leiter Ernährungswirtschaft bei der HSH Nordbank. Die Zweiteilung der Branche ist vor allem auf die Besonderheiten und Limitierungen durch die mehrheitlich genossenschaftlich geprägten Eigentümerstrukturen zurückzuführen.

Laut der HSH-Nordbank-Studie werden in der Bundesrepublik 15 Prozent für Konsummilch und zehn Prozent für die Herstellung von Joghurt, Sahne und Desserts verwendet. Zu Dauermilchprodukten wie Milch- und Molkepulver, Butter und Kondensmilch werden 23 Prozent der Rohmilcherzeugung verarbeitet.

Die Verfasser der Branchenstudie zeigen neue Strategien für Ertragssteigerungen auf. So könnten Genossenschaftsmolkereien beispielsweise kooperieren, um Basis-Milchprodukte zu vertreiben oder sich zu Großmolkereien zusammenschließen. Auch eine Verknappung des Angebots durch eine deutliche Senkung der Milcherzeugung würde zu einer Stärkung ihrer Marktposition gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel beitragen.

UP Nord recherchiert beim 8. Berliner Milchforum, einem der wichtigsten Branchentreffs.

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