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SXSW-Konferenzteilnehmerin in Austin (© Fabian Hoberg)
SXSW Convention
16.03.2017

Die Kunden von Autobauern interessieren sich längst nicht mehr nur für Motorleistung und Verbrauch. Wichtig sind auch Software, Elektronik und Design geworden. Damit ändert sich die Außendarstellung der Hersteller. Sie diskutieren bei Festivals wie im texanischen Austin über den digitalen Wandel. Daimler möchte das Format nun auf die Frankfurter Automobilmesse IAA übertragen.

Der Boden klebt vor Bier, an den Wänden hängen Rockbandposter. Die jungen Besucher in ausgelatschten Chucks oder Vans drängeln nach vorne, recken die Köpfe. Der Barkeeper in der Ecke mixt einen Gin Tonic – und das um die Mittagszeit.

Im German House in Austin/US-Bundesstaat Texas geht es robust und gleichzeitig leger zu. Und doch wirkt Dr. Dieter Zetsche entspannt. Der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG sitzt mit seinen neuen Cowboystiefeln auf der kleinen Bühne, nippt an einer Wasserflasche und über die Zukunft des Automobils.

"Make Javascript great again"

Bis zum 19. März diskutieren Experten, CEOs, Start-up-Unternehmer und Wissenschaftler unter anderem über die Mobilität von morgen, aber auch gesellschaftliche Themen wie die Geschwindigkeit des Lebens. Warum ist es in Zeiten des rasenden technologischen Fortschritts so wichtig, den Alltag immer wieder bewusst zu entschleunigen? Panels wie "Let's make Javascript great again", "Designing Tracked Objects for Steam VR" oder "Foodporn or Bust: The Socialization of food" sind schnell überfüllt. In der Intel AI Lounge diskutieren junge Wissenschaftler über Künstliche Intelligenz, was sie bald kann, können soll und ob das ethisch überhaupt vertretbar ist.

Es ist das erste Mal, dass Dieter Zetsche beim Das South by Southwest Interactive Festival (SXSW) teilnimmt. Und es wird bestimmt nicht das letzte Mal sein: Denn klassische Automessen werden für die Hersteller, aber auch für die Besucher, immer uninteressanter. Die Neuheiten mit Fotos und technischen Daten lancieren viele Hersteller schon Wochen vorher in der Presse, echte Überraschungen gibt es selten. "Ich kann mir durchaus vorstellen, hier ein Auto zu präsentieren. Zwar nicht die nächste S-Klasse, aber ein anderes Auto schon", sagt Dieter Zetsche.

Autohersteller, die sich längst als Anbieter von Mobilitätsdienstleistungen sehen, haben Messen wie die Consumer Electronic Show (CES) Anfang Januar in Las Vegas oder die SXSW längst zu ihrer neuen Bühne auserkoren. Wichtig scheint der Austausch zwischen Hersteller und Publikum zu sein. "Daraus entstehen sehr oft neue Einblicke und Überlegungen", sagt Dieter Zetsche. Das funktioniere bei den eher sterilen Messen weniger gut als in einer lockeren Festival-Atmosphäre. Während die CES in Las Vegas Anfang Januar aber von den Elektronikherstellern dominiert wird, sind es in nur wenige Autohersteller präsent: Mazda stellt Fahrdienst, Bill Ford erzählt was über die vernetzte Zukunft von Ford und Daimler zeigt mit Smart und der Carsharing-Plattform moovel, wie sie sich die Zukunft vorstellen.

Das Auto als Ruheraum für Yoga-Übungen

Nur wenige Veranstaltungen der SXSW finden im Messe-Zentrum statt, die meisten Panels sind auf die umliegenden Hotels, Clubs oder Häusern verteilt. Auf den für Autos abgesperrten Straßen drängeln sich ab Nachmittag die Besucher, schauen in die Häuser oder stellen sich hinter einer langen Schlange an. Dort, wo es voll ist, in den Partyhäusern von Twitter, Pinterest, Intel, IBM, Panasonic und Smart, verspricht es interessant zu werden.

Es geht weniger darum, in der IT-Szene neue Kunden zu gewinnen, als vielmehr sich als innovative Zukunftsfirmen zu präsentieren: Seht her, wir können weitaus mehr als nur Autos bauen. Mercedes-Zukunftsforscher Alexander Mankowsky geht davon aus, dass diese Art der Präsentation weiter zunehmen wird. Künftig werde die kalte Technik weniger wichtig, dafür wieder mehr der Mensch. Wenn die Autos künftig elektrisch und autonom fahren können, werden sie zum zweiten Zuhause oder Büro, dann ändert sich auch die Einstellung dazu. "Autos von morgen müssen mehr können als nur schnell, sauber und sicher fahren", sagt er. Eine normale Autofahrt werde es nicht mehr geben, das Auto wird sich für jede Fahrt unterschiedlichen nutzen lassen: als Ruheraum für Yoga-Übungen, Atelier oder Büro.

Wir überschreiten die Grenzen der traditionellen Automessen und laden Teilnehmer zum Austausch von Wissen, Meinungen und Gedanken ein.

Dr. Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG

Ein reines Partyevent ist die SXSW jedoch nicht, es ist eher ein lässiges Arbeiten mit lockeren Meetings und spannenden Diskussionen – für Ideen von Morgen. Daimler scheint von der Veranstaltung überzeugt zu sein. Für September plant der Konzern im Zuge der IAA in Frankfurt eine Mini-SXSW. Bei der "me Convention" in der Messe-Festhalle soll es wie beim US-Vorbild um Konzerte, Veranstaltungen und Diskussionsrunden gehen. "Damit überschreiten wir die Grenzen der traditionellen Automessen und laden die Teilnehmer zu einem Austausch von Wissen, Meinungen und Gedanken ein", sagt Zetsche.

Dazu plant Daimler mit den fünf Themengebieten new Creation, new Urbanity, new Leadership, new Realities und new Velocity. Drei Tage lang soll es dort um Dialog, Interaktion, Networking und Unterhaltung gehen. Kernthema bei allen: neues Denken für neue Herangehensweisen in Gesellschaft, Kommunikation, Produktion und Mobilität.

Konfiguration mit Virtual-Reality-Brille

Mercedes stellt zum zweiten Mal auf der Messe aus, dieses Jahr mit Innovationen im Bereich Vertrieb: Per Virtual Reality-Brille Oculus Rift können sich Kunden das Auto live konfigurieren und es von innen und außen betrachten. "Bisher funktioniert das nur bei fünf Fahrzeugen, wir wollen das aber nach und nach auf die gesamte Flotte ausbreiten", sagt Michael Bach von Mercedes. Derzeit stehen die Sitze mit dem integrierten Computer zu Testzwecken bei drei deutschen Verkaufshäusern. "Wir wollen dem Kunden, aber auch dem Verkäufer die Präsentation der Fahrzeuge vereinfachen", sagt er. Mit der VR-Brille auf dem Kopf und einer Remote-Control in der Hand lassen sich die Innenraumfarben ändern, Räder wechseln, das Dach eines Cabrios und die Türen öffnen. Künftig sollen alle Ausstattungsvarianten digital verfügbar sein. Neben Mercedes experimentieren auch Audi und Volvo an dieser Art der Fahrzeugpräsentation.

Der Zulieferer Bosch zeigt seine Idee der Vernetzung von Auto zur dritten Lebensumgebung – neben Wohnung und Arbeitsplatz. Mithilfe einer personalisierten Kommunikation zwischen Auto und Fahrer lassen sich Services in Zukunft sicher bedienen. Dazu zählt die Gesichtserkennung für den Fahrer, die die Dienste auf den jeweiligen Fahrer einstellt sowie eine Gestenbedienung mit haptischer Rückmeldung.

Die Smartphone-Hersteller begnügen sich derweil mit Updates ihrer bestehenden Produkte: mehr Speicher, mehr Megapixel und ein größeres Display. Ein neues Blackberry-Smartphone kommt wieder mit festverbauter Tastatur. Die zu neuem Leben erwachter Marke Nokia kündigt neben dem Sparhandy ein neues Betriebssystem an. Nicht mehr mit dem eigenen, sondern mit Android, einem System, auf dem 80 Prozent aller Handys laufen – Innovationen sehen anders aus.

Zur Veranstaltung

Das South by Southwest Interactive Festival ist seit 30 Jahren eine Mischung aus Digitalkonferenz und Musik- sowie Filmfestival. Anfangs kamen die Besucher nur wegen der Rockstars, seit Mitte der 90er-Jahre auch wegen der aufblühenden Multimediaszene. 2007 wurde hier zum ersten Mal Twitter vorgestellt, vergangenes Jahr plauderte Barack Obama mit den Besuchern. Austin liegt zwar im konservativen Texas, ist aber bekannt für moderne Unternehmen und seine coolen Einwohner, die kaum dem Klischee des Texaners entsprechen. Dieses Jahr stellte das chinesische Start-up-Unternehmen Nio sein neues Elektroauto vor. Ex-Vizepräsident Joe Biden wirbt hier für seine Krebs-Stiftung, Astronaut und Mondbesucher Buzz Aldrin fordert mehr Liebe und Verständnis zwischen den Menschen, der Natur und Technik. "Wir erforschen oder wir verfallen", sagt er.

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