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Die Indikatoren für die Industrie und für das verarbeitende Gewerbe in Indien gaben zuletzt deutlich nach und signalisieren womöglich den Beginn einer Rezession (© Getty Images)
Schwellenländer-Barometer
08.03.2017

Steigende Solvenzrisiken und die Entwicklung der Rohstoffpreise erhöhen die länderspezifischen Risiken in vielen Schwellenländern.

Das Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank zieht nach einer relativen Erholung im Februar wieder an und signalisiert somit ein höherer Stressniveau. Der Gesamtindex erhöht sich um 1,6 Punkte auf 43,6 (Stand 01.03.2017). Während der Anstieg der Stresswerte im Januar maßgeblich noch in einer Erstarkung des US-Dollars begründet war, sind aktuell maßgeblich die Zunahme der Solvenzrisiken für die beobachteten Länder und die Rohstoffpreisentwicklung für den Anstieg der länderspezifischen Risiken verantwortlich.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet die Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Abbildung 1: „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

Die Entwicklungen in den USA und die wirtschaftspolitischen Pläne der neuen US-Administration sind gegenwärtig für Marktteilnehmer und Investoren aus den Emerging Markets von erheblicher Bedeutung. Mehr Protektionismus und weniger Freihandel könnten die Wachstumsaussichten für Schwellenländer signifikant eindämmen. Der Anstieg des Schwellenländer-Barometers trägt diesem Umstand insoweit Rechnung.

Die länderspezifischen Risiken haben sich für Brasilien analog zu unserem Gesamtindex erhöht. Zwar zeigten sich die Aktienmärkte im vergangenen Monat freundlich und auch das Länderrisiko gemessen an den Staatsanleihenspreads ist zurückgegangen, jedoch belastet vor allem die Rohstoffpreisentwicklung. Die nachgebenden Weltmarktpreise für Soja und Rohrzucker, die zu den wichtigsten Exportprodukten des Landes zählen, sind die maßgeblichen Treiber der Erhöhung des Stresslevels. Aktuell notiert der Länderindex Brasiliens bei 36,8 Punkten und somit 2 Punkte höher als noch Anfang Februar.

Auch das Länderbarometer für Indien zeigt ein erhöhtes Stresslevel auf und spiegelt somit die jüngste wirtschaftliche Entwicklung wider. Die Indikatoren für die Industrie und für das verarbeitende Gewerbe gaben zuletzt deutlich nach und signalisieren womöglich den Beginn einer Rezession. Zudem sorgen die Non-Performing-Loans des Banksektors und die diskutierte Einrichtung einer Bad-Bank für Besorgnis. Diese Entwicklungen werden über steigende CDS-Spreads wiedergegeben und bilden sich so in unserem Schwellenländer-Barometer ab. Unser Länderindex stieg um 3,9 Punkte auf 59,0.

Überraschenderweise setzt die Türkei ihre wirtschaftliche Entspannung in unserem Länderbarometer entgegen den jüngsten politischen Entwicklungen fort. Der Index gab 2,9 Punkte ab und sank auf 38,2. Der maßgebliche Treiber dieser Entwicklung ist die Fortsetzung der Aufwertung der türkischen Lira, welche gegenüber dem US-Dollar zum Vormonat fast 4 % aufwerten konnte. Diese Entspannung wirkt jedoch trügerisch. Angesichts der angespannten politischen Lage in der Türkei sollten Investoren und Marktteilnehmer Vorsicht walten lassen.

Auch Indonesien konnte sich dem Gesamttrend unseres Indexes nicht entziehen. Das länderspezifische Stresslevel erhöht sich um 3,7 Indexpunkte auf 40,7. Der Rückgang der Rohstoffpreise für Kohle und Erdgas verschlechtert die Wettbewerbsfähigkeit der indonesischen Wirtschaft in unserer Länderbetrachtung. Hierfür ist der Nachfragerückgang aus China ursächlich. Auch die Investoren am indonesischen Aktienmarkt zeigten sich im vergangenen Monat zurückhaltend. Die von Rohstoffexporten abhängige Wirtschaft Indonesiens könnte durch eine stärkere industrielle Basis ihre Sensitivität von den Weltmarktpreisen reduzieren. Analog sind diese Beobachtungen auch für Russland zutreffend. In unserer Länderbetrachtung erhöhen sich die Stresswerte für Russland um 1,5 Punkte auf 34. Der Preisverfall für Erdgas, welches zehn Prozent der russischen Exporte ausmacht, und die Ungewissheit über die Einhaltung der Fördermengenkürzungen der OPEC-Staaten haben die Aktienkurse für rohstoffintensive Unternehmen im letzten Monat nach unten getrieben. Die Erhöhung des Stresslevels in unserem Länderbarometer bildet diese Entwicklung ab.

Die Erholung der chinesischen Wirtschaft zeigt sich auch in unserem Schwellenländer-Barometer. Der Länderindex für das bevölkerungsreichste Land der Erde geht auch im Februar zurück und notiert aktuell bei 52,9 Indexpunkten, 7,8 Punkte niedriger als noch im Februar. Die chinesische Industrieproduktion und der Export sind mit maßgeblichen Zugewinnen ins neue Jahr gestartet. Dies half, die Abwertung des chinesischen Renminbi vorübergehend zum Halten zu bringen. Zudem haben die Kader in Peking mittlerweile erkannt, dass ökologische Nachhaltigkeit untrennbar mit wirtschaftlichem Erfolg ist. Die chinesischen Kohleimporte gingen auch im dritten Jahr in Folge zurück. Um der rapiden Immobilienpreisentwicklung in vielen Städten entgegenzutreten, hat die chinesische Regierung bereits erste Maßnahmen zur Drosselung der Preisentwicklung getroffen. Diese Zeichen geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus.

Abbildung 2: „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

 

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes
    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100
  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe
    • Brasilien: Eisenerz, Soja, RohrzuckerChina: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

     

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.