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Designer-Palettentische, stylische Sitzmöbel: das Porsche Lab (©Florian Büttner)
Die Digitalisierer Teil 3
28.03.2017

Um ihre technischen Neuheiten zu schützen, schotten sich viele Autobauer von der Konkurrenz ab. Boris Behringer und sein Team vom Porsche Digital Lab, mit dem sich der Sportwagenhersteller in Berlin für den digitalen Wandel rüstet, vertreten die Philosophie der offenen Tür.

Wer im Porsche Digital Lab nach den typischen Insignien einer modernen Ideenwerkstatt sucht, wird schnell fündig. Ein riesige Loftetage mit Blick auf die Berliner Spree, Holzpaletten als Sitzgelegenheiten, durchgestylte, abgeschirmte Polstermöbel als Besprechungsinseln, dazwischen Mini-Stelen aus Fiberglas. Auf den ersten Blick wirkt das nicht gerade sehr innovativ, aber Boris Behringer sieht keine Alternative zu diesem Großraumkonzept mit Startup-Atmosphäre, wenn seine Arbeit fruchten soll. Er sagt: „Innovationen entstehen dort, wo Menschen sich austauschen können, über den Tellerrand blicken und auf diese Weise kreativ sind. Wir wollen in Startup-Geschwindigkeit Lösungen finden.“ Der 42-Jährige Behringer ist der Chef des Labs und einer der Köpfe, die die digitale Transformation bei Porsche vorantreiben.

Familienvater und Manager: Boris Behringer pendelt zwischen Berlin und Stuttgart (©Florian Büttner)

Familienvater und Manager: Boris Behringer pendelt zwischen Berlin und Stuttgart (©Florian Büttner)

Wie Porsche gehen auch andere Firmen vor: Sie eröffnen digitale Labore, um neue Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Der IT-Branchenverband Bitkom schätzt, dass es in Deutschland bereits über sechzig dieser schnellen Ideenbrüter gibt. Dabei lassen sich zwei Arten unterscheiden. Entweder die Firmen betreiben eine ausgelagerte Denkwerkstatt, in der Vordenker aus den eigenen Reihen tüfteln, oder sie eröffnen einen Inkubator. Dort unterstützen sie externe Startups mit Wissen und Kapital – in der Hoffnung, eines Tages von deren Geschäftsidee profitieren zu können.

Porsche hat sich entschlossen, ein eigenes Denklabor zu betreiben. Seit August 2016 beschäftigen sich dort kleine Teams mit Innovationen aus den Bereichen Big Data, Künstliche Intelligenz, Machine Learning, Smart Production, Cloud-Technologien und Industrie 4.0. Die Wahl fiel auf Berlin wegen der Nähe zur Startup-Szene. „Man kann spüren, dass hier alles vibriert“, sagt Boris Behringer. Am Vorabend begrüßte er im Lab Gründer und Macher anderer Startups zum Gedankenaustausch bei Fingerfood und Bier. „Jede Information, die du aus deinem Lab preisgibst, bekommst du vielfach zurück.“ Einen Sicherheitsdienst gibt es nicht, man fällt im Porsche Digital Lab buchstäblich mit der Tür ins Haus. In einer Welt, in der sich Autobauer wie Porsche, Daimler, VW, BMW, Ford und Opel hinter ihren Werkstoren abschotten, kommt diese Offenheit einer Revolution gleich.

Jede Information, die du aus deinem Lab preisgibst, bekommst du vielfach zurück.

Boris Behringer

Behringer und seine 14 Mitarbeiter, die er teils von Porsche mitgebracht, teils in Berlin angeworben hat, liefern keine fertigen Produkte ab. „Wir bauen keine Apps. Wir kümmern uns um die Technologien, die hinter den Apps stecken.“ Es geht vielmehr um digitale Fähigkeiten, Talente und smarte Lösungen, mit denen sich der Autohersteller für die Digitalisierung rüsten will.

Es geht um schlaue Maschinen und intelligente Assistenten, und eine Porsche-Flotte auf dem Parkplatz vor dem Lab im Stadtteil Friedrichshain gibt es nicht. Boris Behringer kommt in Jeans und Pullover zur Arbeit, nutzt in Berlin die öffentlichen Verkehrsmittel, ergänzt durch Fahrrad oder Carsharing.

Behringers vorrangigstes Ziel ist es, die „User Experience“ zu verbessern. Der Nutzer steht im Mittelpunkt jeder Aktivität. Abläufe sollen durch die digitale Transformation einfacher werden, eleganter, vernetzt und nahtlos. Das gilt für die Kundenerfahrung genauso wie für unternehmensinterne Prozesse. „Wenn unsere Kunden zu vollvernetzten Käufern werden, dann müssen wir uns zur vollvernetzten Organisation entwickeln.“

Bei Porsche in Stuttgart scheinen sie sich über den frischen Wind, den Behringer aus Berlin mitbringt, zu freuen. Er sagt: „Viele Kollegen sind neugierig und wollen mit uns zusammenarbeiten. Ich erhalte sehr viele Vorschläge und Anfragen.“

Die entscheidende Frage lautet, wie die der Input wieder zurückfließt ins Stammhaus nach Stuttgart. Für diesen Wissenstransfer hat Behringer neue Prozesse aufgesetzt. „Wir wollen experimentieren und Risiken eingehen und haben einen genauen Plan, wohin wir gehen wollen.“ Ziel ist es, vernetzt zu denken. So sollen viele Bereiche bei Porsche von den Arbeitsergebnissen des Labs profitieren. Egal ob es darum geht, Kunden anzusprechen, Fahrzeuge zu warten oder die Lieferkette zu managen.

Starre Hierarchien wären da nur hinderlich. „Wir sind nach Berlin gekommen, um uns zu öffnen.“ Behringer glaubt, eine gute Balance zwischen Arbeitsautonomie und Verantwortung gefunden zu haben. Kein Meeting dauert länger als 45 Minuten, bei Projekten gilt die 4 + 1 Regel, nach vier Einheiten gibt es für die Mitarbeiter immer eine Einheit, die für „Research“ da ist. Ein Tag, an dem der Mitarbeiter seinen eigenen Gedanken und Ideen nachgehen kann.

Behringer scheint prädestiniert für die Rolle des Labor-Chefs. Seit 16 Jahren ist er bei Porsche, war in der IT beschäftigt, im Bereich Sales, in der Entwicklung und schließlich in der Produktion. Zunächst als Projektmanager, dann als Abteilungsleiter. Auch Startups hat er bereits selbst gegründet. „Eines ging ganz klassisch den Bach runter, beim zweiten hab ich einen kleinen Exit geschafft und beim dritten war ich beteiligt.“ Behringers Mannschaft hat volle Unterstützung aus Stuttgart: Der Porsche-Vorstand hat die Idee des Labors von Anfang an mitgetragen – und macht von der kreativen Arbeitsatmosphäre bei Gelegenheit gerne auch mal selber Gebrauch.

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