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Die Nachfrage nach Öl wird laut Prognosen noch steigen. (©GettyImages)
Kieler Konjunkturgespräche
15.03.2017

Zwei Mal im Jahr finden die Kieler Konjunkturgespräche statt, bei dem Experten einen makroökonomischen Ausblick auf die Weltwirtschaft liefern und diskutieren. UP Nord war für Sie in Kiel am Institut für Weltwirtschaft dabei und berichtet über einige Highlights.

Die Kieler Konjunkturgespräche kamen mal wieder zur rechten Zeit. Von Tag zu Tag stellt man sich mehr Fragen über den Zustand und die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft. Da tun ein paar Antworten von Experten – auch wenn diese sich nicht immer sicher sind – ganz gut. Zumal es hilfreich ist, wenn bestimmte Themen vernünftig eingeordnet werden. Wie geht es weiter mit Donald Trump? Ist er der berühmte Hund, der bellt, aber nicht beißt? Was passiert mit China? Kann es sein, dass China durchaus Strukturreformen durchführt, diese aber in eine ganz andere Richtung weisen, als es sich der Westen erhofft hatte? Auf großes Interesse stieß auch, was Simon Bennett von der internationalen Energieagentur zur Zukunft des Energiemarktes zu sagen hatte. Eine seiner Thesen: die dezentrale Stromversorgung weist zwar eine hochgradig spannende Entwicklung auf, aber das Rückgrat des Energiemarktes wird auf absehbare Zeit die zentralisierte Stromerzeugung sein. Thomas Fricke von der Europäischen Klimastiftung vertrat die Meinung, dass eine gezielte Industriepolitik zur Förderung von CO2-armen Energiequellen wesentlich effektiver für den Klimaschutz sei als ein System mit handelbaren Zertifikaten. Einschätzungen zu den Folgen eines Brexit lieferte Simon Kirby vom Institut NIESR, während Charles-Henri Colombier aus Frankreich auf die Risiken hinwies, dass Marine Le Pen vielleicht doch zur neuen Präsidentin in unserem Nachbarland gewählt werden könne.

Simon Bennett, Economics and Investment Office, Internationale Energieagentur, Paris, zum Thema:
Investitionen im Energiesektor: Trends und Ausblick

Peak oil. Vor einigen Jahren war diese These noch in aller Munde und gemeint war damit, dass das Angebot an Öl sich schlichtweg erschöpft und die Förderung den Zenit überschritten hat. Die Realität hat diese These bislang Lügen gestraft. Abgelöst wurde diese These mittlerweile durch die Behauptung, die Nachfrage nach Öl hätte den Höhepunkt überschritten. Man spricht von peak oil demand. Simon Bennett von der internationalen Energieagentur prognostizierte jedoch, dass auch diese These falsch sei und die Nachfrage nach Öl bis zum Jahr 2040 noch kräftig steigen werde. Zu verdanken ist das gemäß Bennet Ländern wie China und Indien. Auf Sektoren bezogen sind insbesondere der Transportsektor (vor allem Schifffahrt und Luftfahrt) und die Petrochemie verantwortlich. Ja, es werde mehr Elektroautos geben, 150 Millionen in 25 Jahren, und auch in der Stromerzeugung zeichnen sich natürlich erhebliche Fortschritte ab. Das reiche aber nicht, um die Mehrnachfrage der anderen Sektoren zu kompensieren. Die Vorhersagen relativierte Bennett, indem er darauf hinwies, wie schwer es mittlerweile sei, vom Wirtschaftswachstum auf die Energienachfrage zu schließen. Insbesondere nach der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/2009 habe eine Entkoppelung stattgefunden, so dass alte Daumenregeln nicht mehr angewandt werden können.

Thomas Fricke, Chefvolkswirt, European Climate Foundation, Berlin, zum Thema:
Wie aus Klimapolitik Wachstumspolitik wird

Die Entkoppelung war auch Thema von Thomas Fricke, Chefvolkswirt bei der European Climate Foundation in Berlin, und zwar die Entkoppelung von CO2-Ausstoß und Wachstum. Konkret zeigt Fricke dies am Beispiel der chemischen Industrie in Deutschland. Während die Produktion in diesem Sektor von 1990 bis 2011 um 21 Prozent gestiegen ist, sind die CO2-Emissionen um satte 49 Prozent zurückgegangen. Mit diesen Zahlen wollte Fricke jedoch nicht davon ablenken, dass beim CO2-Ausstoß immer noch ein riesiger Handlungsbedarf besteht. Und hier wagte es der Chefvolkswirt, am Kieler Institut für Weltwirtschaft, wo Preise und ihre Steuerungsfunktion so etwas wie heilige Kühe sind, das Modell des globalen CO2-Zertifikatehandels in Frage zu stellen. Er habe nicht den Eindruck, dass dieses System funktioniere. Er halte es für wesentlich effektiver, mit Subventionen ganz gezielt die Industrien zu CO2-Reduktionen zu bewegen, wo der CO2-Ausstoß am größten sei. Damit erntete Fricke natürlich Widerspruch von Institutsseite. CO2-Handel habe durchaus gute Ergebnisse gezeigt und solle im Gegenteil weiter ausgebaut werden.

Björn Conrad, Vice President Research, Mercator Institute for China Studies, Berlin, zum Thema:
Chinas offene Flanken: Wachstum, Energie und Handel?

Energie spielte auch beim Vortrag von Björn Conrad vom Mercator Institut für China-Studien eine Rolle. Die wichtigste These Conrads war jedoch, dass man sich bei China nicht auf einzelne scheinbar isolierte Risiken konzentrieren sollte, sondern das gesamte Feld der Risiken und die möglichen Wechselwirkungen zwischen diesen Gefahren im Auge haben müsse. Ein Beispiel ist das Risiko eines Handelsstreits mit den USA, die Sicherstellung der Versorgung Chinas mit Rohöl und die Schuldenproblematik im Unternehmenssektor Chinas. Jedes dieser Probleme scheint für sich gesehen eher unwahrscheinlich zu sein bzw. gegebenenfalls rasch von der chinesischen Regierung kontrolliert werden zu können. Angenommen es kommt trotzdem zu einem Handelskrieg mit den USA, könnte die USA China unter Druck setzen, indem es die Durchfahrt von Öltankern durch die Straße von Malakka verzögert, wohl wissend, dass 70 Prozent der chinesischen Öleinfuhren durch dieses Nadelöhr fahren müssen. Das könnte wiederum chinesische Industrieunternehmen in Bedrängnis bringen und die Fähigkeit dieser Unternehmen, ihren Schuldendienst zu bedienen, behindern. Von hier aus können sich weitere Risiken manifestieren (militärische Interventionen, soziale Unruhen wegen steigender Arbeitslosigkeit, fremdenfeindliche Übergriffe). Conrads Fazit war: Diese Szenarien sind unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Angesichts der Heftigkeit der Auswirkungen, mit denen man gegebenenfalls rechnen müsste, wäre es jedoch leichtfertig, sich nicht mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Das Basisszenario für China sieht im Übrigen nur auf den ersten Blick freundlich aus: zunächst werde das Wachstum relativ hoch bleiben, weil man noch das Letzte aus dem alten Wachstumsmodell herauspresst, also auf Investitionen und den Bausektor setze. Der Kater werde in einigen Jahren in Form einer massiven Wachstumsverlangsamung kommen.

Adolfo Laurenti, Global Economic Strategist, J. Safra Sarasin, Zürich, zum Thema:
USA: Neue Präsidentschaft, neue Perspektiven

Trump ist ein Hund, der bellt, aber nicht beißt.

Adolfo Laurenti, Global Economic Strategist, J. Safra Sarasin

Apropos Handelskrieg. Spätestens hier kam bei der Konferenz der US-Präsident Donald Trump ins Spiel, der im Zentrum des Vortrags von US-Experte Adolfo Laurenti von J. Safra Sarasin stand. Die Hoffnung Laurentis: Trump ist ein Hund, der bellt, aber nicht beißt. In einigen Bereichen scheint ihm die Realität Recht zu geben. In Bezug auf die „phänomenale“ Steuerreform ist bislang noch nichts Konkretes verkündet worden. Von den angekündigten protektionistischen Maßnahmen ist wenig zu sehen und das 1000 Milliarden US-Dollar Infrastrukturprogramm sei wahrscheinlich „tot, bevor es gestartet werde“. Vermutlich habe es sich Trump nicht so kompliziert vorgestellt. Bei der Steuergesetzgebung müsse beispielsweise beachtet werden, dass Unternehmens- und Einkommenssteuer nicht immer voneinander getrennt betrachtet werden können, weil viele kleine Unternehmen wie private Haushalte besteuert werden. Die geplante Unternehmenssteuerreform sei außerdem verflochten mit der von einigen Republikanern propagierten Grenzausgleichssteuer, die Importe belasten soll. Von daher zeichnete Laurenti das Bild eines politisch gelähmten Washingtons, was sich dann auch in einem nur sehr maßvollen Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent in diesem Jahr niederschlagen sollte. Die US-Notenbank werde in diesem Umfeld nach der zu erwartenden Zinserhöhung im März nur noch einen Zinsschritt in diesem Jahr wagen.

Charles-Henri Colombier, Director of Macroeconomic Analysis, Coe-Rexecode, Paris, zum Thema:
Wirtschaftlicher Ausblick für Frankreich

Um Politik ging es natürlich auch in Frankreich, wo am 23. April der erste Urnengang zur Präsidentschaftswahl stattfindet. Charles-Henri Colombier von dem Wirtschaftsinstitut Coe-Rexecode verstand es sehr gut, die Wahlprogramme der wichtigsten Kandidaten prägnant zusammenzufassen. Der Republikaner François Fillon befürwortet beispielsweise einen Angebotsschock, also Strukturreformen wie z.B. die Abschaffung der 35 Stunden-Woche. Der Hoffnungsträger und als links-liberal einzustufende Emmanuel Macron würde die Reformen der bisherigen Regierung weiter und konsequenter vorantreiben, während die Rechtspopulistin Marine Le Pen den protektionistischen Sprung ins Unbekannte wagen würde. Ganz links im politischen Spektrum sind Jean-Luc Mélenchon und der Sozialist Benoît Hamon angesiedelt. Die Wahlprogramme lassen sich mit Verstaatlichung und keynesianischer Ausgabenpolitik skizzieren. Von diesen Kandidaten könnte eine Gefahr ausgehen: Sollten die beiden eine Allianz bilden, würde der entsprechende Kandidat vermutlich in die Stichwahl kommen und gegen Le Pen antreten. In dieser Konstellation hätte Le Pen eine echte Chance die Stichwahl am 7. Mai zu gewinnen. Ein anderes Risiko ist die Wahlbeteiligung. Laut Umfragen dürfte diese bei den Le Pen-Anhängern deutlich höher ausfallen als bei Macron.

Simon Kirby, Head of Macroeconomic Modelling and Forecasting, National Institute of Economic and Social Research, London, zum Thema:
Großbritannien: Vorbereitung auf den Brexit

Um Risiken ging es auch bei Großbritannien. Simon Kirby vom Wirtschaftsinstitut NIESR hat kein Geheimnis darum gemacht, was er von dem Brexit hält: die Briten werden durch den Brexit hinter ihren Möglichkeiten zurückfallen. Er habe im Übrigen auch noch nicht verstanden, wie Großbritannien zur größten Freihandelsnation der Welt werden will (wie das die Regierung propagiert), wenn man in einem ersten Schritt den größten und am tiefsten integrierten Binnenmarkt, nämlich die EU, verlässt. Außerdem halte er es für wahrscheinlich, dass sowohl Schottland als auch Nordirland jeweils ein Referendum starten, um die Unabhängigkeit von Großbritannien zu erlangen. Das Ziel: Als unabhängiges Land wieder Mitglied der EU werden. Die britische Regierung könne theoretisch ein derartiges Referendum verbieten, aber das sei eher unwahrscheinlich. Interessant war noch, dass Londoner Banken – so Kirby – recht klar kommunizieren, sie würde im Fall eines Brexit die Londoner Aktivitäten reduzieren, aber nicht unbedingt nach Dublin, Frankfurt oder Paris ziehen, sondern vielmehr nach New York. Am Schluss gab es noch eine Wette: Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank äußerte seine Meinung, dass die Briten ihr Brexit-Gesuch letztlich doch noch zurückziehen werden und somit in der EU verbleiben würden. Kirby entgegnete dem, dass eine Rezession zwar zu einem Stimmungsumschwung in der Bevölkerung führen könne, bis 2020 aber keine Wahlen vorgesehen seien. Von daher halte er dagegen. Wettgegenstand: ein Cappuccino.

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