SUCHE

Großes Interesse für das neue Nokia 3310 (©GettyImages)
Mobile World Congress
02.03.2017

Der Mobile World Congress ist die größte Mobilfunkmesse der Welt, zu der mehr als 100 000 Fachbesucher erwartet werden. Große Mobilfunkkonzerne wie Samsung setzen normalerweise mit ihren neuen Produkten die Agenda. Dieses Jahr sorgt weniger eine bestimmte Hardware-Lösung für Furore als der neue Mobilfunkstandard 5G, der Voraussetzung für selbstfahrende Autos. Dementsprechend stellen Automobilhersteller wie Ford, Mercedes und Seat ihre Innovationen vor.

Der MWC in Barcelona ist die Leistungsschau der Mobilfunkhersteller. Doch weil dieses Jahr die großen Innovationen ausbleiben, rücken Automobilhersteller und Navigationsanbieter in den Mittelpunkt.

Retro ist in. Nach Mode und Autos erreicht der Trend nun auch Handys. Bei der Technikmesse Mobile World Congress (MWC) in Barcelona ist der Star ein Retro-Mobiltelefon der 2000er Jahre von Nokia. Man ist geneigt zu fragen: Ist die Entwicklung bei Smartphones ausgereizt?

Nicht ganz, die Hersteller feilen weiter an Details. Größere und schärfere Bildschirme, die Kameras bieten mehr Auflösung. Dazu verarbeiten schnellere Prozessoren die Daten zügiger. Doch der ganz große Wurf bleibt dieses Jahr aus. Das lang ersehnte Samsung Galaxy 8 wurde zur weltgrößten Mobilfunkmesse nicht rechtzeitig fertig. Die Branche steckt ohnehin in der Zwickmühle. Die Telekommunikationsindustrie muss weiter in den Netzausbau investieren und muss sinkende Umsätze verzeichnen.

Dafür treten vermehrt Unternehmen auf der Messe in Erscheinung, die man hier nicht vermuten würde: Autohersteller. Durch den Wandel vom mechanischen Verbrennungsmotor hin zu Elektroantrieb, Digitalisierung und autonomem Fahren sind die Unternehmen auf der Suche nach Innovationen und neuen Geschäftsfeldern.

Mit schnellen Schritten hasten Manager durch die Gänge. Unternehmer mit Handy am Ohr verschwinden in mobilen Konferenzräumen zu Gesprächen. Schlurfende Techis und Nerds mit ausgelatschten Sneakers lassen sich kaum blicken. Der MWC ist ein Treffpunkt der Mobilfunkbranche mit alle ihren Bereichen: Hersteller, Entwickler, Tüftler, Wissenschaftler und CEOs. Telekom-Chef Timotheus Höttges streift mit seiner Entourage ebenso über die Flure wie Reed Hastings, Chef von Netflix. In den vergangenen Jahren schaute stets Mark Zuckerberg vorbei.

Andreas Melzner besucht zum zweiten Mal die Messe in Barcelona. Der Geschäftsführer von Cologne Intelligence GmbH mit rund 120 Mitarbeitern aus Köln steht auf einem Gemeinschaftsstand von NRW International und präsentiert eine zentimetergenaue Navigation für geschlossene Räume. „Die Software richtet sich an Handelsunternehmen, funktioniert aber auch als barrierefreie Navigation“, sagt er. Besucher schlendern nicht planlos durch die acht Hallen, sondern suchen mit schnellem Schritt die für sie interessanten Unternehmen gezielt auf. „Laufkundschaft gibt es eher weniger“, sagt Melzner. Für ihn und seinen Kollegen Peter Kraemer ist der MWC ein guter Ort, ihr Unternehmen zu präsentieren. „International gesehen ist die Messe top, hier passiert viel und wir können wertvolle Kontakte knüpfen“, sagt Kraemer.

In Halle fünf werben Ländervertretungen aus Frankreich, Jordanien und Israel für Unternehmen und Produkte aus ihren Ländern. Neben Berlin und Bayern bietet die internationale Wirtschaftsförderung von Nordrhein-Westfalen in Halle sechs zum zehnten Mal eine Plattform, um Unternehmen der Region zu präsentieren. Das Engagement aus NRW wird immer größer. Bety Chu von NRW.international aus Düsseldorf bietet dieses Jahr Platz für elf kleine und mittelständische Firmen. „Die Fachbesuchermesse ist ideal für künftige Kooperationen und fürs Image“, sagt Chu. Die Mitgereisten kommen aus den Bereichen Infrastruktur, App-Entwicklung, Navigation und Sicherheitstechnik.

Neben Elektronikherstellern aus China, Japan und Korea präsentieren sich auch viele Softwareschmieden, App-Entwickler und Telefonkonzerne. Die Telekom kündigte ein Schmalband-Netz für die Industrie und das Internet der Dinge an – und mal wieder das schnelle Netz 5G. Wann es kommt, verrieten die Bonner aber nicht. Ein Dilemma: Auf der einen Seite verlangen Kunden nach immer schnelleren und stabileren Netzen. Auf der anderen Seite sinken die Preise kontinuierlich. Neue Dienste oder zündende Ideen für neue Geschäftsfelder fehlen.

Genau in diese Lücke springen die Autohersteller. Ford, Peugeot, Seat und Mercedes, sowie der Zulieferer Bosch zeigen ihre neuesten Innovationen: autonome und elektrische Autos, sowie digitale Ökosysteme für eine neue Beziehung zwischen Auto, Fahrer und Umgebung. Dazu zählen unter anderem Echtzeit-Verkehrsvorhersagen, Routenempfehlungen mit Restauranttipps, Shops, Services sowie Vorschläge, die auf Änderungen des Fahrerkalenders beruhen.

Die Mobilität von Morgen treibt auch Ford um. Der amerikanische Hersteller präsentiert erst gar kein Auto auf seinem Stand, sondern ein elektrisches Rollbrett und Ideen für die Stadt von morgen. So sollen in Zukunft autonom fahrende Lieferwagen Pakete transportieren, die Zustellung auf den letzten Metern soll eine Drohne übernehmen – eine ähnliche Idee stellte Mercedes allerdings schon auf der Consumer Electronic Show Anfang Januar vor.

Peugeot zeigt erstmals die autonom fahrende Studie Instinct Concept: Das Auto soll den Fahrer besser verstehen und ihn in allen Situationen unterstützen. Seat enthüllt sein erstes Elektrofahrzeug, den Kleinstwagen Mii, in Barcelona – und nicht etwa bei einer großen Automobilmesse wie eine Woche später in Genf. Der autonom fahrende Rennwagen Roborace von Kinetic des deutschen Konzeptdesingers Daniel Simon steht ein paar Stände weiter. CEO Denis Sverdlov glaubt, dass fahrerlose Rennwagen die Akzeptanz für autonome Autos erhöhen werden. „Außerdem zeigt es, was Künstliche Intelligenz heute schon leistet“, sagt er.

Mercedes stellt zum zweiten Mal auf der Messe aus, dieses Jahr mit Innovationen im Bereich Vertrieb: Per Virtual Reality-Brille Oculus Rift können sich Kunden das Auto live konfigurieren und es von innen und außen betrachten. „Bisher funktioniert das nur bei fünf Fahrzeugen, wir wollen das aber nach und nach auf die gesamte Flotte ausbreiten“, sagt Michael Bach von Mercedes. Derzeit stehen die Sitze mit dem integrierten Computer zu Testzwecken bei drei deutschen Verkaufshäusern. „Wir wollen dem Kunden, aber auch dem Verkäufer die Präsentation der Fahrzeuge vereinfachen“, sagt er. Mit der VR-Brille auf dem Kopf und einer Remote-Control in der Hand lassen sich die Innenraumfarben ändern, Räder wechseln, das Dach eines Cabrios und die Türen öffnen. Künftig sollen alle Ausstattungsvarianten digital verfügbar sein. Neben Mercedes experimentieren auch Audi und Volvo an dieser Art der Fahrzeugpräsentation.

Der Zulieferer Bosch zeigt seine Idee der Vernetzung von Auto zur dritten Lebensumgebung – neben Wohnung und Arbeitsplatz. Mithilfe einer personalisierten Kommunikation zwischen Auto und Fahrer lassen sich Services in Zukunft sicher bedienen. Dazu zählt die Gesichtserkennung für den Fahrer, die die Dienste auf den jeweiligen Fahrer einstellt sowie eine Gestenbedienung mit haptischer Rückmeldung.

Die fünf Messe-Highlights im Bereich Smartphones

Die Smartphone-Hersteller begnügen sich derweil mit Updates ihrer bestehenden Produkte: mehr Speicher, mehr Megapixel und ein größeres Display. Ein neues Blackberry-Smartphone kommt wieder mit festverbauter Tastatur. Die zu neuem Leben erwachter Marke Nokia kündigt neben dem Sparhandy ein neues Betriebssystem an. Nicht mehr mit dem eigenen, sondern mit Android, einem System, auf dem 80 Prozent aller Handys laufen – Innovationen sehen anders aus.