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Beim Breitbandausbau klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit noch eine Lücke (© Getty Images)
CeBit

Breitbandausbau zwischen Anspruch und Wirklichkeit

23.03.2017

Damit bis 2018 alle Deutschen mit Breitband-Internet ins Netz gehen können, muss der flächendeckende Ausbau mit Glasfaserkabeln vorangetrieben werden. Doch im ländlichen Raum liegt der Versorgungswert bei unter einem Drittel - ein Problem für den Mittelstand.

Roboter kleben Handyfolien auf, mit Greifern ausgestattete Drohnen fliegen benötigte Stühle heran, Elektrobusse bringen Messebesucher ans Ziel - auch die diesjährige CeBit ist eine Leistungsschau, bei der die ITK-Industrie ihr jüngsten Innovation zeigt. So sehr die Anwendungen bei der Automatisierung, der Künstlichen Intelligenz und Robotik auch verblüffen: bei den meisten von ihnen ist eine schnelle Internetverbindung nötig. Doch bei der dazu nötigen flächendeckenden Ausbau mit Glasfaserkabeln hapert es in Deutschland noch. "Was die Netzabdeckung betrifft, kommt man in Deutschland schnell auf den Begriff der digitalen Schnecke", sagte Karl Lichtblau von IW Consult bei der Vorstellung einer Studie, welche die mit dem Institut der deutschen Wirtschaft verbundene Agentur gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) 2016 erstellt hatte. Kernthese: Deutschland ist bei der Infrastruktur für die schnellen Netze verglichen mit führenden Ländern nur Mittelmaß. Doch für das wirtschaftliche Fortkommen und zukünftige Innovationen sei ein leistungsfähiges Glasfasernetz sehr wichtig, so die Autoren der Studie.

Dabei will die Regierung dafür sorgen, dass bis 2018 alle Deutschen mit Breitband-Internet ins Netz gehen können. Verkehrsminister Dobrindt stellt den Bundesländern dazu 2,7 Milliarden Euro bereit. In ganz Deutschland soll es bis 2018 schnelles Internet für alle geben, mit Anschlüssen, die mindestens 50 Mbit pro Sekunde übertragen. "Das Erreichen dieses Ziels ist realistisch, allerdings ist die Frage, ob eine Übertragungsleistung von 50 Mbit pro Sekunde nachhaltig ist", sagt Steffen Leiwesmeier, Fachleiter Breitbandfinanzierung bei der HSH Nordbank. "Für den einen mag es das ausreichend sein, für den anderen kann es lediglich das Minimum oder nur Übergangsziel sein. Fehlende und nicht ausreichnde Bandbreite trifft mittelständische Betriebe, das Rückgrat der Deutschen Wirtschaft besonders hart. Sie können im ländlichen Raum häufig die Anforderungen von Industrie 4.0 nicht erfüllen. Im schlimmsten Fall müssen sie abwandern oder gleich ganz schließen." Auch in der Landwirtschaft halte die Digitalisierung Einzug, und viele Landwirte beklagten die schlechte Anbindung an das Glasfasernetz.

Niedersachsen und Schleswig-Holstein müssen aufholen

Zwar waren der Fraunhofer-Studie zufolge Ende 2015 zwar 70 Prozent der Haushalte in Deutschland mit Anschlüssen von mehr als 50 Mbit pro Sekunde versorgt. Aber lediglich 59 Prozent der Unternehmen. Im ländlichen Raum liegt der Wert mit 28, beziehungsweise 29 Prozent weit darunter. Zudem sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern signifikant. Stadtstaaten mit einer deutlichen Präsenz von Kabelanbietern oder Stadtwerken wie Hamburg, Bremen und Berlin weisen bei 50 Mbit/s alle eine Mindest-Versorgungsrate von 90 Prozent auf, während ländlicher geprägte Bundesländer gerade mit Hochdruck dabei sind, ihren Abstand zu den Stadtstaaten zu verringern. Bestversorgtes Flächenland ist Nordrhein-Westfalen, das auf eine sehr gute Bestandsinfrastruktur bauen kann – Niedersachsen und Schleswig-Holstein müssen hier aufholen. Das ist vor allem für Gewerbetreibende in Norddeutschland wichtig. Die HSH Nordbank ist Leiwesmeier zufolge die einzige deutsche Großbank, die den privaten Breitbandausbau in Eigenregie finanziert. "Wir sind Financier, aber auch Sparringspartner", sagt Leiwesmeier. "Gerade in der frühen Phase einer Projektbewertung können wird wir Risiken und Chancen gut einschätzen". Es gehe dabei auch um eine realistische Bewertung des Bedarfs, nach dem sich das Ausbauziel richten soll.

Die Frage, ob die anvisierten 50 Mbit/s nicht schon jetzt zu langsam sind, lässt sich am besten anhand der Nutzergewohnheiten beantworten. Zwar ist die Verfügbarkeit von 50 MBit/s für den normalen Hausgebrauch aus aktueller Sicht erst einmal ausreichend, wie es bei TÜV Rheinland heißt. Anders sähe dies bei vielen Unternehmen aus, die eine deutlich höhere Anforderungen an die Bandbreite haben. Eine Lösung aus Sicht des TÜV Rheinland: bestimmte Sonderstandorte mit Glasfaser anbinden. Hiervon würden vor allem wirtschaftlich starke Regionen profitieren. Abgelegene Höfe, Bauernschaft und Ortsrandlagen werden jedoch auch weiterhin die Stiefkinder des schnellen Internets bleiben. Richtfunk kann hier zwar eine Alternative sein, ist aber flächendeckend keine wirtschaftliche Lösung.

Datenvolumen soll sich mehr als verdreifachen

Die zunehmende Digitalisierung hat zwar zu einem gewaltigen Anstieg des übertragenen Datenvolumens geführt. Doch gleichzeitig steigt auch der Datenhunger vieler Anwendungen an. Wo früher nur wenige wenige Kilobyte an Daten anfielen, benötigten Anwendungen heute oft mehrere Gigabyte an Datenvolumen. Waren vor 25 Jahren für Telefongespräche ausgelegte Kupferkabel ausreichend, sind heute deutlich leistungsfähigere Übertragungstechnologien Voraussetzung für die Nutzung digitaler Angebote. Die schnellste Datenübertragung zum Kunden erfolgt über Glasfaserkabel. Nach Angaben von Cisco stieg das weltweite Datenvolumen von 100 Gigabyte pro Tag im Jahr 1992 auf 16.144 Gigabyte pro Sekunde im Jahr 2014 an. Bis 2019 soll sich das weltweite Datenvolumen weiter mehr als verdreifachen. Nur schnelle Glasfaserverbindungen, so die Studie, sichern Deutschland seinen Platz unter den Highspeed-Nationen. Gleichzeitig sei die Ertüchtigung der Netze die Voraussetzung, damit sich Gigabit-Schlüsseltechnologien wie Virtual Reality, 3D-Druck, Robitik und Cloud-Technologien entfalten können. "Maschinen lassen sich nur in Echtzeit aus der Cloud steuern, wenn die Leitungen schnell und stabil sind", sagt Bernd Beckert von Fraunhofer ISI. Auf der CeBit in Hannover sind sie es – und so können die Besucher sich weiterhin von der Vielfalt, vor allem aber von der Geschwindigkeit der digitalen Anwendungen verblüffen lassen.